Erinnerungen alter Fellbacher aus der Zeit um die Jahrhundertwende (5. Folge)


Alte Leute trugen die Tracht noch bis 1870

Ein ungeschriebenes Gesetz: die Kleidung nach Ortssitte durfte keine auffällige persönliche Note haben


Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Die Fellbacher Trachten
im Heimatmuseum
Foto. Thomas Schlegel

Die alte Fellbacher Tracht als gleichartige Kleidung einer Gemeinschaft wurde von 1830 an allmählich seltener. Alte Leute trugen noch teilweise bis 1870 die überkommene Kleidung. An Feiertagen trugen die Männer schwarze Schnallenschuhe, weiße Wollkniestrümpfe, eine rote Weste, dicht besetzt mit zwei Reihen Knöpfen, gelbe Knielederhosen aus Kalbfell, darüber den blauen, eng anliegenden Tuchrock mit langen Schößen. Der Dreispitz wurde bei Kirchgang und Beerdigung mit der Breitseite, bei der Hochzeit mit der Spitze nach vorn getragen. Schwarzer Kirchenrock und Zylinder folgten der Tracht als Sonntagskleidung. Geblieben ist aber das ungeschriebene Gesetz, daß man sich nach Ortssitte kleidete ohne auffällige persönliche Note.

Jede Kleidung hatte von verschiedenen Personen gleicher Statur getragen werden können! Zur Arbeit trugen die Männer ein kragenloses Flanell- oder Trikothemd, eine lange, unten enger werdende Hose mit Hosenträgern, die an Hosenknöpfen eingehängt wurden. Dazu einen Kittel oder eine weite, hüftlange blaue Bluse, wollene Socken, gefettete schwarze Schuhe - sommers bei trockenem Wetter genagelte Lederhausschuhe - eine Kappe mit langem Schild und im Weinberg eine weiße Schürze. Diese wechselte man wöchentlich. Falls sie schmutzig wurde, mußte sie unten umgeschlagen werden. An Sonn- und Feiertagen trug man die Seidenkappe. Die Alten trugen zu Hause das runde, mit Stickereien verzierte Schmerkäpple, das ihnen ins Grab mitgegeben wurde. Nur Buben trugen winters schwarze runde Fellkappen. Ein gestärkter Kragen und eine steife Brust wurden angeknöpft und die Röllchenmanschetten übergestreift. Unterhosen waren bis 1910 nicht üblich. Die Männer der Hahnischen Gemeinschaft trugen auch im Sommer sonntags den dunklen Anzug, den leinenen Umlegekragen und die schwarze Einschiebekrawatte. Sie gin gen glattrasiert wie die meisten konservativen Männer. Erst ab 1870 fand der Vollbart Verbreitung.

Mantel: Seltenheit


Nur bei sehr großer Kälte stattete die Mutter die Buben mit einer Art Hemdhose zusätzlich aus. Nur wenige Männer besaßen einen Mantel. Bei der bäuerlichen Arbeit war er hinderlich. Man trug ihn nur in Mußestunden oder wenn man überfeld, das heißt nach auswärts ging. Gegen Kälte trug man einen zweiten Kittel darüber oder eine gestrickte Wollweste unter dem Kittel. Um die Ohren legte man selbstgestrickte Ohrenschützer. Auf dem Kopf trug man die Wollmütze. Der wollene Schal wurde am Hals verknotet. Da man die Hände selten schützte, gab es viele Schrunden. Sonntags trug man schwarze gestrickte Wollhedschich. Zur Arbeit gab es graue oder brau ne Fäustlinge mit eingestricktem Daumen. Zwilchhandschuhe trug man bei der Arbeit im Wald, im Steinbruch und beim Spalten und Sägen des Holzes. Fest- und Arbeitskleidung wurden streng unterschieden. Werktags benutzte man die abgetragene geringere Garnitur.

Anzug wenden

Etwa ab 1870 waren Sonntagsanzüge dunkelbraun, grau oder grün. Nur Salz- und Pfefferanzüge hatten ab 1900 angedeutete Muster. Man trug Sie zehn bis 20 Jahre und ließ sie dann vom Schneider in ähnlichen Farben ausbessern oder wenden. Dieser kam sonntags, nahm in der Stube Maß, legte Stoffmuster vor und beriet bei der Auswahl. Schon nach einer Woche brachte er den fertigen Anzug. Heranwachsende Söhne vererbten ihre zu klein gewordenen Anzüge auf ihre jüngeren Brüder. Der Konfirmationsanzug war meist der erste, der für sie selbst angeschafft wurde. Er durfte nicht zu knapp sein, daß man noch "hineinwachsen" konnte. Für die Hochzeit wurde ein schwarzer Kirchenrock angefertigt, den man mit Zylinder bei Kirchgang, Taufe, Beerdigung und Hochzeit der Kinder trug. So verschwand die bequeme kurze Hose. Der Rock bekam einen hohen, umgelegten Kragen. Die langen Schöße verloren ihre Außentaschen.

Erst allmählich wurde der schwarze Anzug üblich. Den sichtbaren Hemdausschnitt verdeckte die in den gestärkten Umlegekragen eingesteckte Krawatte oder die gestärkte Brust. Am modischen Stehkragen konnte die Krawatte ins Kragenknöpfle eingehängt werden. Es gab auch die Fliege und den Schmetterling, aber noch keine Selbstbinder.

Sonntags trug der Vater den dunklen Filzhut, werktags bei der Arbeit die Kappe, sommers den Strohhut. Die schwarzen Schuhe umschlossen auch den Knöchel. Bei nasser Witterung oder Schnee benutzte man knielange Rohrstiefel. Die Sohlen wurden benagelt. Auch die Absätze erhielten ein Eisen. Nachnageln wurde öfters nötig. Gebrochenes Oberleder wurde mit einem Riester geflickt. Ausrangierte Schuhe benutzte man im Stall und zur Aushilfe. Während die Sonntagsschuhe gewichst und geglänzt wurden, wurden die Werktagsschuhe am Samstagabend gewaschen, ge trocknet und am folgenden Morgen mit Dachsfett eingefettet. Kinder hatten nur ein Paar Alltagsschuhe. Wenn sie zu klein wurden, vererbten sie sich an jüngere Geschwister.

Kindertracht

Auch bei ihnen war die Tracht ab 1830 im Abgang. Sie bestand aus einem kragenlosen Hemd, dem verschnürten Mieder um Hals und Brust aus feinem schwarzem Wollstoff mit orientalischem Muster, dem geteilten, hinten offenen leinenen Bein kleid (Hose), mehreren Unterröcken, dem weiten, langen, faltenreichen Rock, knie langen weißen Strümpfen, von Kniebändern unterhalb des Knies gehalten und Schnallenschuhen. Für die kältere Zeit kam ein kurzer Kittel, auch Spenzer genannt, mit Puffärmeln dazu.

Der Rock war mit Haften ans Leible an gehängt. Am Sonntag trug die Frau eine seidene Schürze darüber, werktags eine aus Ulmer Barchent. Das schwarze Braut kleid blieb Festtags- und Trauerkleid fürs ganze Leben. Die Haare wurden streng zurückgekämmt, mit Bändern in zwei Zöpfe geflochten und später zum Nest oder Knoten gefaßt und mit einem Samtstirnband gehalten. Zu den Zöpfen gehörte ein zierliches Spitzenhäubchen, das nur als Putz diente. Es bestand aus kostbarem, mit Pappe versteiftem Samt und wurde mit schwarzen, seidenen Bändern festgehalten. Dieses hielt sich nach Abgang der Tracht zusammen mit dem Spenzer am längsten.

In der kalten Jahreszeit schützte die reich verzierte schwarze Haube. Das Krawattle wurde von ledigen Frauen links gebunden, von verheirateten Frauen unter dem Kinn geknüpft. Die Sonntagskleider, im Gegensatz zu den Anderntagskleidern, wurden von der Näherin in Hause hergestellt unter Mithilfe der Frau. Das gilt besonders für das Brautkleid. Die Arbeitskleidung und Schürzen nähte man selber. Die Hahnischen Frauen waren sonntags dunkel gekleidet. Sie trugen eine schwarze Schürze. Das in der Mitte gescheitelte Haar wurde nicht gezopft, sondern lose im Netz getragen. Das etwa sieben Zentimeter breite Chenillehäubchen wurde unterm Kinn gebunden. Sommers genügte das Florle aus schwarzem Stoff. 

(Fortsetzung folgt)


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