Erinnerungen alter Fellbacher an die Zeit um die Jahrhundertwende (1. Folge)

Die Haustüren der Wengerter waren offen

Der "Leira" aus Most und der Trester des Trollingers ein beliebtes Getränk


Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Da in Fellbach Weinbau, Viehzucht und Ackerbau nebeneinander betrieben wurden, waren Keller, Stall, Scheune und Hof von beachtlichen Ausmaßen. In den stattlichen Höfen lebten Vater, Mutter, Ahne oder Großmutter, Eehle oder Großvater, Söhne, Töchter und Dienstboten in einer Hausgemeinschaft. Der Wein wurde meist schon unter der Kelter verkauft. Nur bei sehr reichlichem Ertrag von geringer Güte mußten größere Mengen Wein eingelagert werden. Dagegen war der Bedarf an Most, der im Sutterkrug mit zur Arbeit genommen wurde und bei Vesper, Mittag- und Abendessen bereitstand, sehr groß. War er mit den Trestern der Trollinger gepreßt worden, nannte man diesen vornehmen rötlichen Most "Leira". Aus Erfahrung legte man in ertragreichen Obstjahren den Bedarf für zwei Jahre in die zum Teil riesigen Holzfässer. Um diese in den Keller zu bringen, brauchte man einen breiten gewölbten Zugang, der bei Abwesenheit der Bewohner stets geschlossen wurde.

Durch die meist unverschlossene Haustür trat man in den ebenerdigen Ern oder Hausflur. Von dort aus konnte man in den Stall oder über die an die Innenwand angebaute Holzstiege in den Wohnstock gelangen. Unter der Stiege führte eine steinerne Treppe in den Kartoffelkeller und dahinter in den tieferen Weinkeller oder Kern. Vom Wohnstock gelangte man über eine Holztreppe zur Bühne.

Im Winter war die Stube das Glanzstück des Hauses. Hier wurden die Mahlzeiten eingenommen und morgens und abends Hausandachten gehalten. Aus den Weiden schnitzte man hier die "Band" für den Weinstock. Am Tisch wurden die Linsen gelesen und Unkrautsamen herausgenommen. Die Fenster zur Straße und zum Hof gaben genügend Licht und von der Bank im Fenstereck aus auch guten Ausblick auf Hof und Straße. Abends wurde hier von den Frauen gestopft und Wäschestücke ausgebessert. Die Großmutter saß am "Spinnrädle", Eele brockelte Welschkorn aus.

Wenn man zur zweistündigen "Bachete" ausgelost war, "schafften" die Frauen in der Backmulde den Teig aus Schwarzmehl, Sauerteig, Salz und geriebenen Kartoffeln. Der Vater heizte inzwischen mit Rebenkrählen und Baumholz den Backofen. In einer Schüssel wurde Weißmehl mit Hefe für das Weißbrot, vielleicht auch für einen Salz- oder Käskuchen, angelassen. Auf dem Brett reihten sich die Brotkörbchen mit dem Teig. Am Backhäusle wurde das restliche Feuer aufgeräumt, dann die Laibe auf den großen Schieber gekippt und in den Ofen gebracht, wo sie nach einer halben Stunde knusprig gebräunt und gebacken wieder herausgeholt wurden.

Der große eiserne Ofen in der Wohnung aus Wasseralfingen wurde von der Küche aus mit Holz geschürt. Auf dem niedrigen Ofenstein ruhte der Ofenkasten. Darauf saß der kleinere Ofenhelm. Er enthielt die Ofenkachel, in der man winters kochte und ein Essen warm hielt, während darüber Bratäpfel schmorten und einen angenehmen Duft verbreiteten. Auf dem Bord zwischen Ofenkasten und Helm fand das Mostkrügle Platz, damit der Most "über schlagen" oder lau wurde. Gegen die Küchenwand zu war der Standort des dick bauchigen Essigkrugs mit seiner röhrenförmigen Schnauze.

Großmutter Sailer beim Backen in ihrer Küche. 
Aus einem Bild von Hedwig Hofmann

Auf dem Tisch wurde an Festtagen ein weißes Tischtuch aufgelegt. Die Schublade am Sitzplatz des Vaters enthielt Messer, Gabel, Löffel und den großen runden Brotlaib. Wenn dieser anfing zu schimmeln, mußten die restlichen Laibe nochmals geofnet oder nachgebacken werden, um den Schimmel zu vertreiben. Sie lagen, bis man sie brauchte, auf der Hanga im Vorkeller, auf einem freihängenden mäusesicheren Brett und mußten für die große Familie 14 Tage reichen. Man aß die von der Hausmutter aufgeschnittenen Brote meist ohne Belag, vielleicht mit etwas Salz oder manchmal mit selbst zubereitetem Gesälz Die Kinder hielt man streng dazu an, keine Brosamen zu machen oder gar auf den Boden fallen zu lassen. Es galt als ungesund,  ganz frisches Brot zu essen. Auch das "mühlewarme" Mehl wurde nicht sofort verwendet. Das Perpendikel der Wanduhr tickte geheimnisvoll. Die Messinggewichte hingen aus dem Uhrkästle und mußten jeden Tag hinaufgezogen werden, wenn die Schwarzwalduhr nicht stehen bleiben sollte. Auf dem Porzellanzifferblatt waren Blumen oder ein Landschaftsbild aufgemalt. Später hatten die Uhren ein Federwerk und brauchten keine Gewichte mehr. Im zweistöckigen "Stubenkästle" standen Gläser, Krüge und Zucker, Strick-, Nähzeug, Salben, Federhalter und Tintenfaß. Auf dem Bücherbrett an der Wand lag Starks Andachtsbuch, aus dem der Morgen- und Abendsegen vorgelesen wurde. Der diesjährige und mehrere ältere Buchkalender nahmen Aufzeichnungen über das Wetter, die Erträge von Acker und Weinbau mit den erzielten Preisen auf, die Familienbibel und das Gesangbuch ergänzten die karge Ausstattung zur Befriedigung der geistigen Bedürfnisse.

Am hinteren Tisch war der Arbeitsplatz der Frauen. Neben ihnen spielten die kleineren Kinder. Die vier Stühle waren einfach gebaut: Sie bestanden aus Sitzbrett, den vier gespreizten Füßen und der leicht schiefen, in der Mitte eingebuchteten Rückenlehne mit dem herzförmigen Griffloch die alle in das Sitzbrett eingelassen waren. Zwei Seiten des Tisches umfaßte die Eckbank mit der stäbchenbesetzten Rückenlehne. Der große Lederstuhl am Ofen mit dem hohen Rücken und den breiten Ohrenbacken und zwei Armlehnen waren  für den Großvater des Hauses bestimmt.

Ein Glanzstück bildete das gepolsterte, mit schwarzem Glanzleder überzogene Sofa. Weiße Nägel mit Porzellanköpfen umsäumten die geschwungene Rückenlehne und befestigten das Leder an dem Holzgestell. Das Sofa hatte das alte Kanapee abgelöst. Es war eine breite Bank mit Rücken- und Seitenlehne, auf der Spreuersäckchen das Sitzen bequemer machten als auf einer Holzbank.

Mit zur Ausstattung der Stube gehörte auch die Kommode. Die oberste Schublade diente als Kassenfach und war immer abgeschlossen. Die anderen Schubladen enthielten Kindersachen, Leib- und Bettwäsche. Auf der Kommode stand unter einer Glasglocke meist der Brautkranz oder Myrthe, den die Mutter am Hochzeitstag zum schwarzen Kleid ohne Schleier getragen hatte. Beleuchtet wurde in der Wohnung besonders die Stube, aber nur über dem Tisch mit der Ampel, wenn man nicht schon eine Petroleumhängelampe verwendete. Von 1906 an benützte man eine Gaslampe mit Strumpf, die bei beginnender Dämmerung geöffnet und mit eine Streichholz entflammt wurde. Etwa von 1924 an brauchte man nur noch den Schalter zu drehen, um elektrisches Licht zu haben.

Mit der Ampel lag der größere Teil der Stube im Halbdunkel, und man brauchte deshalb keine Vorhänge. Der weite zylindrische Ölbehälter der Ampel saß auf einem Blechrohr mit breitem Fuß und hat eine röhrenförmige Schnauze. In ihr steckte der Docht, dessen Butzen man ab und zu mit der Lichtputzschere schneuzte. Im Stall, auf der Bühne, im Keller und im Hof verwendete man die verglaste Erdölstallaterne, die mit Rauchabzug versehen war und an einem Drahtbügel getragen wurde. Für die Kammern genügte das Unschlittlicht, das man in einen Leuchter steckte. Außer einem tellerförmigen Standblech besaß es eine Drahtspirale, mit der man das Licht nach dem Abrennen wieder höher stellen konnte.


Episoden aus Fellbach

Schlachttag war Festtag für den Lehrer

Autor unbekannt

Wenn früher in Fellbach ein Schwein oder auf schwäbisch, eine Sau geschlachtet wurde, war dies in der Winterzeit ein großes Ereignis. Voraus ging jeweils, daß sich der Lehrer beim Metzger in dessen Gaststätte beim Viertele das Schlachtbuch vorlegen ließ. So konnte der Herr Lehrer feststellen, bei welchen Familien geschlachtet wurde und gleichzeitig, ob ein Sohn oder eine Tochter aus dem "Schlachthaus" bei ihm in der Klasse unterrichtet wurde. Damals war es nämlich noch üblich, daß der Lehrer eine Metzelsuppe bekam, bestehend aus Wurstbrühe, Kesselfleisch und Wurst. So war wohl hin und wieder das Mittagessen in der Familie des Lehrers ohne größere Kosten möglich.

Zu unserer Klasse von nahezu 50 Schülern gehörte auch ein Schulkamerad, dessen Eltern eine Gärtnerei betrieben. Es war üblich, daß dieser Schulkamerad in der Adventszeit einen hübschen Adventskranz mitbrachte, um das Klassenzimmer vorweihnachtlich zu schmücken. In den Wochen und Tagen vor Weihnachten wurden noch viele Weihnachtslieder gesungen, die mit der Blockflöte begleitet wurden.

Eines morgens schmückte eine große Blutwurst den Adventskranz. Der Stifter der Wurst war auch der Schulkamerad, der uns den Adventskranz mitgebracht hatte. So hatte eine alte Tradition bis in unsere Schulzeit überdauert. Unser Schulkamerad ist im letzten Krieg geblieben. Wenn wir ehemaligen Schüler in der Adventszeit an unserer ehemaligen Schule vorbeikommen, dann wird die Episode mit dem Adventskranz, der Wurst und dem Herr Lehrer wieder lebendig.  

(Fortsetzung folgt)


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