Pfeffer auf hohem Seil

Es waren ein paar Jahre vergangen, da wanderte Jakob Ulrich mit den beiden Frauen und dem kleinen David nach Waiblingen auf den Jahrmarkt. Der allzeit schmale Beutel Jakob Ulrichs vertrug einen solchen Leichtsinn zwar schlecht, aber der Vater wollte dem Sohn eine Freude machen. Also pilgerten sie über die Rebhügel hinüber in die Stadt, und als sie so dahinsangen, schloß sich ihnen nachzüglenderweise Vetter Melchior, der Musikant, an, der sich mit seinem Spiel auf dem Markt ein Stück Geld zu verdienen hoffte.
Von ferne sah der Wasen mit seinen Fahnen und Gezelten, Wurstbuden und Marktständen wie die Stadt eines lagernden Kriegsvolkes aus, und Jakob Ulrich nahm seinen zappelnden Sohn auf die Arme, ihm den ganzen Freudensabbat zu zeigen, der für ein armes Schwabenkind gleich neben dem Himmel kommt!
Als sie inmitten des Trubels ihren Platz an einem kleinen Tisch auf der Wiese eingenommen hatten, nahm Dorle das Kind an der Hand und zog mit ihm den herumziehenden Gauklern nach, die ihre Kunst für einen Kupferpfennig zum Besten gaben und keinem geringeren Zulauf hatten als die Wunderdoktoren, Salbenschmierer, Wahrsager und Sternendeuter, denen das Volk einen großen Glauben entgegenbrachte. Jakob Ulrich stach sich bei einer Metzgerin ein paar rote Würste aus dem Sud und teilte sich mit Ricke in den Leckerbissen - und beide meinten, es sei ihnen schon lange nicht mehr so gut gegangen!

Da kam auch Dorle mit dem Knaben wieder an den Tisch und David jauchzte, als ihm der Vater die Wursthaut zu schaben gab.
Dabei erzählte der Knabe einfältig von den Musikanten, die er gesehen hatte: Es sei da eine gewesen, der habe auf einem Stecken Holz gebissen, es habe ihm aber nicht sonderlich geschmeckt!
Ein anderer habe in ein blechernes Rohr geschrien, sein Wort sei aber nicht zu verstehen gewesen! und der mit seinem Schlegel auf einen umgestürzten Kessel geschlagen habe, sei überaus zornig gewesen, weil er keine Würstlein gehabt, sie darin zu sieden! - Während der Knabe noch schwatzte und die Alten sich daran ergötzten, trieb ein Bärentreiber seine Tanzbären und Kleideräffchen vorüber, und die nachfolgenden Gaffer rissen sich im Eifer fast die Tische um. Als sich der Haufen verloren hatte, war David nicht mehr da!

Da begannen die drei ein verzweifeltes Suchen, liefen nach rechts und nach links, fragten bei den Musikanten, ob sie den Knaben gesehen hätten, bei den Bärentreibern, bei den Wurstsiedern, aber nirgends war er gesehen worden ! Zuletzt nahmen so ihre Zuflucht zu den Wahrsagern, die doch was wissen mußten!

Da war einer, der sagte: "Verstehet mich recht, euer Sohn weilt nicht mehr auf der Erde!" Ricke brach in wildes Weinen aus, die Knie wollten ihr fast den Dienst versagen. Als sie an den Seiltänzern vorübergingen, stieß sie einen schrillen Schrei aus. Einer von den Luftpurzlern trug ein einen vergnüglich schreienden Knaben über das hochgespannte Seil und trieben allerlei freventlichen Mutwillen mit ihm. Jakob Ulrich schaute empor und der Atem blieb ihm stehen vor Entsetzen. Der Knabe war sein leibhaftiger Sohn!" Hilf Gott! Sein entlaufener Sohn in den Händen dieser Luftpurzler und Wagehälse! Rechts und links stieß er die Gaffer beiseite und schrie:
"Herunter mit meinem Kind! Was fällt euch ein da oben?!"
Die Gaffer meinten, es sei ihm garnicht ernst mit seinem Begehren und alles ein eingelerntes Spiel, um das zuschauende Volk mit Scherzen hinzuhalten, und belachten seinen Eifer.
Als er jedoch ernstlich schimpfte und drohte, an dem Gestelle zu rütteln, daran das Seil geknüpft war, lief der Luftpurzler eilig in seinen Korb auf der Gabel zurück. Weil er für sein gutes Geschäft bangen mußte, legte er sich aufs Verhandeln, neigte sich über den Korb und rief herab:
"Was wollt ihr doch, Landsmann?"
"Meinen Sohn - oder ich reiße euch wie Simson euer ganzes Gestelle um!" antwortete Jakob Ulrich. Der Luftspringer nahm David auf den Arm und stieg mit ihm ein Dutzend Sprossen auf der Leiter abwärts.
"Wollt ihr mir den anstelligen Jungen nicht auf ein Jahr lassen?" bat er fast flehentlich, "ich habe noch kein Kind gefunden, das so viel Mut auf dem Seil gezeigt hat! Um fünfzig Gulden könnt ihr mir ihn auf ein Jahr lassen!"
"Mein Sohn ist mir nicht um Gold oder Gulden feil!" empörte sich Jakob Ulrich und stieß zornig mit dem Fuß gegen die Leiter.
Da mischte sich der Sohn selber in die Verhandlung und rief: "Lasset mich bei ihm, Vater! Habt ihr nicht einmal gesagt, mit fünfzig Gulden seiet Ihr wieder ein Ehrenmann?!"
"Wie redest du, David! Glaubst du, ich gebe dich um fünfzig Gulden an einen Luftpurzler und Genickbrecher? Komm herab, ich will dir die Torheit verzeihen!"
Das brachte den kleinen Wagehals so weit, daß er weich wurde und auf die Erde verlangte. Als er wieder unten war und der Friede hergestellt, gab ihm der Seiltänzer einen Teller in die Hand und hieß ihn für seine eigene Tasche sammeln, und David brachte einen Gulden und vier Bätzner zusammen.

Danach setzten sich die Alten wieder mit ihm an den Tisch und wußten nicht, was sie an dem Knaben mehr bewundern sollten, seinen Wagemut oder sein gutes Herz!
Aber Wahrsager hatte recht behalten.

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