Hans-Heinrich Feldhoff in der Sonderbeilage der FZ zum Fellbacher Herbst 1975:


Der Pfeffer von Stetten - Story oder Wahrheit ?

Zu den berühmten Stettenern wird vor allem und landläufig Johann David Pfeffer gezählt, manche Geschichte wurde über ihn erfunden und niedergeschrieben. Selbst in dieser Zeitung erschien einmal eine Abhandlung, die in David Pfeffer von Stetten einen "Außenseiter der Gesellschaft" erkennen wollte, sozusagen einen, der, überdurchschnittlich begabt, gegen die Verbohrtheit seiner Zeitgenossen aufgetreten sei. David Pfeffer habe, um seine eigene Freiheit zu erhalten, sich gegen den bürgerlichen Dünkel gestellt. Wenn man will, so kann man daraus folgern, daß er so etwas ein "Juso" seiner Zeit gewesen sei. Die Streiche, die ihn als Schelm ausweisen, sind vermutlich zum großen Teil in das Reich der Fabel zu verweisen.

Eher berüchtigt als berühmt

Zu den berühmten Stettenern zählte er ganz bestimmt nicht, eher zu den berüchtigten. Berühmte Leute waren der Stettener Ensle. Ursprünglich in der Gegend von Backnang beheimatet, war einer aus dem Stamm Ensle, Jakob Enslen, der 1647 in Stetten heiratete, "hochfürstlicher Weingartmeister und Richter". Aus diesem Stamm sind die Brüder Johann Karl und Gottfried Christian Enslen hervorgegangen, die 1783 ihre erste "Montgolfiere" steigen ließen. Johann Karl Enslen stieg 1784 mit einem solchen Heißluftballon auf. Er war der erste Deutsche, dem dies gelang. Aber von ihnen sei hier nicht die Rede, auch nicht von dem Afrikaforscher Karl Mauch, der von 1865 an große Forschungsreisen in Südafrika durchführte, südlich Sambesi Goldfelder entdeckte und von jenem Gebiet genauere Karten anlegte.

Das letzte von 14 Kindern

In der "Geschichte von Stetten im Remstal", die Oberlehrer i. R. Adolf Kaufmann im Auftrag der Gemeinde von 1959 bis 1962 erarbeitete, kann man nachlesen: 1759/60: Da von Jacob Friderich Pfeffern, Schneider allhier, zu Protocoll gekommen, daß Er sich den 18. Junii Nächtlicher Weil da er zumal zimlich betruncken geweßen, unterfangen, in der Magdalena Enßlin Schlaffkammer ainzuschleichen, unter dem Vorwandt, daß Er den Nagelschmids Gesellen Luitlen bey ihro anzutreffen vermutet habe. So wurde ihm um dieses seines Nachtwandelns und verdächtigen Umgangs willen zue Straff angesetzt 10 fl, deßgleichen 1 Nacht- und 1 Vollgulden. Dieser Schneider Jacob Friderich Pfeffer, der auf schwäbische Weise fensterln wollte und dafür eine gesalzene Strafe von 10 Gulden erhielt, stand bestimmt nicht im besten Rufe. Der Vater von Johann David Pfeffer war Schreiner und hat von 1728 bis 1810 gelebt. Johann David Pfeffer war das letzte von 14 Kindern. Er wurde am 11. Januar 1769 geboren und starb mit 73 Jahren am 28. Februar 1842 an "Auszöhrung". In der Pfeffer-Sippe herrschte ohnehin die Schwindsucht. Als räudiges Schaf wurde ein weiterer Bruder des Spielmanns nach einer Eintragung im Totenbuch 1773 bezeichnet: Christian Friedrich Pfeffer, ein unnützer Pursch, wurde anno 1769 ins Zuchthaus condemniert, führte vitam vagabundum [das Leben eines Landstreichers] wurde den 2. Januar seinen Eltern auf der Bettelfuhr krank und geschwollen, nacket und bloß vors Haus gebracht und starb in ettlich Stunden darauff.

Frivole Lieder zu jedermanns Ärgernis

Pfarrer Puchner schrieb als Beurteilung über den Spielmann Johann David Pfeffer ins Konventsprotokoll: Der berüchtigte Spielmann Pfeffer, der bißher mit Aufspielen und Absingen der frivolsten Lieder auf öffentlicher Gaße zu jedermanns und besonders der Jugend Ärgerniß sein Wesen trieb, that diß auch am letzten Jahrmarkt vor dem Schulhaus währen der Schule, daß selbst die Kinder darüber klagten. Diß wird ihm allen Ernstes verwiesen und untersagt, und zugleich beditten [bedeutet], daß im Fall der Widerholung erneuerter Bericht erstattet werden müßte. Das Urteil eines Pfarrers wog damals in Stetten schwer. Unter den Theologen des Landes stellten gerade die Stettener Pfarrer eine Auslese dar. Selbst Stadtpfarrer und Dekane bewarben sich vergebens um eine Pfarrstelle in Stetten. Einmal waren die Stellen gut besoldet, zum anderen wehte so etwas wie Hofluft. Lange Zeit was Stetten adeliges Gut und von 1664 an wieder im Besitz des Hauses Württemberg.

David Pfeffer - ein Grundstücksspekulant

Der erste Pfeffer in Stetten, Nikolaus, war ein gut situierter Mann. Mit den späteren Pfeffern stand es nicht so gut. Der Spielmann war der einzige Pfeffer, der die öffentliche Fürsorge nicht zu beanspruchen brauchte. Er hat Grundstücke gekauft und wieder verkauft, so daß man den Eindruck bekommt, daß er dem Beispiel des Ochsenwirts und des Lammwirts folgend sich mit Grundstücksspekulationen befaßte. Das kann man im Buch von Adolf Kaufmann nachlesen. Pfeffers beide Schwestern blieben ledig, eine hatte zwei ledige Kinder von verschiedenen Männern. Der Spielmann Pfeffer heiratet am 11. November 1796 die dreizehn Jahre ältere Dorothea Magdalena von der Familie Schweizer, sie starb kinderlos am 12. Mai 1849 mit 93 Jahren und war damals die Älteste in Stetten. Unter Briefen und Urkunden machte sie drei Kreuze, weil sie Analphabetin war. Mit diesem älteren Weib ist der Spielmann aber ganz gut vorangekommen. 1803 konnte er sich in Böblingen für einen Güterkauf 150 Gulden leihen., 1823 bei einem Handelsmann in Esslingen weitere 150 Gulden und dann 1826 noch einmal 100 Gulden. Das war viel Geld. Johann David Pfeffer war somit durchaus kreditwürdig, denn ein Eimer Wein, und das waren 300 Liter, kostete damals 25 Gulden. In einem Gemeinderatsprotokoll vom 7.7. 1816 ist nachzulesen: Nach einem gestern abend von dem Königlichen Hochlöblichen Oberamt erhaltenen Befehl, solle über den hiesigen Bürger und Spiehlmann David Pfeffer ein Gerichtpflichtmäßiges Attest über Prädikat und Vermögen eingeschickt werden, welches folgendermaßen geschiehet: David Pfeffer geht bei vorkommenden Gelegenheiten mit der Violin zu Kirchweihen, Hochzeiten und Märkten in der Nachbarschaft, um sein Brod auf diese Art zu verdienen, wo es öfters der Fall sein kann, daß das Vergnügen bey dergleichen Belustigungen ins unanständige und unsittliche übergehen und den schuldigen Respekt vergessen kann, was demselben schon öfters untersagt worden. Uebrigens hat Pfeffer von seinen Eltern und Weib durchaus kein Vermögen erhalten, hat es aber durch das Spielen so weit gebracht, daß er gegenwärtig 4 Morgen Guth und ein Viertel Haus besitzt und nur wenige Schulden hat, er ist ein guter Haußhälter und wendet seinen Verdienst zu Nutzen an, er erfüllt seine bürgerlichen Pflichten, in Frohnen und Wachen, bezahlt seine Abgaben richtig und lebt mit seinen Mitbürgern friedlich und es kann von demselben in bürgerlichen Angelegenheiten außer oben berührtem nichts  Nachtheiliges gesagt werden.

David Pfeffer - nach Gulden und Kreuzern

Der Musikus Johann David Pfeffer und seine Frau ließen 1834 durch den Fellbacher Amtsnotar ein Testament errichten, in dem sie sich gegenseitig zu Erben einsetzten und bestimmten, daß der überlebende Ehegatte bis zu seinem Tod im Genuß des gesamten Vermögens bleiben soll. Daher weiß man ganz genau, was der Spielmann David Pfeffer bei seinem Todestag hinterließ: Vermögenswerte im Betrag von 231 Gulden, darunter 150 Gulden bares Geld, die Pfefferin hatte ein Vermögen von 351 Gulden, beide zusammen wiesen ein Vermögen von 1335 Gulden aus, darunter das halbe Haus in der Mühlgasse von Stetten, das mit 450 Gulden veranschlagt wurde, ferner zwei Morgen Acker im Hertenstein im Wert von 336 Gulden, ein Morgen Weinberg in verschiedenen Lagen, mit 340 Gulden veranschlagt, Fahrnis 119 Gulden. Selbst die Vorräte an Most, Korn, Kartoffeln und Mehl wurden bewertet. Das Ehepaar hatte Schulden in Höhe von 771 Gulden, davon bei Privaten und in der Gemeinde im Betrag von 141 Gulden. Die restlichen 630 Gulden schuldete es der Schwägerin Katharina Schweizer, die mit ihm in einer Hausgemeinschaft lebte. Diese Schwägerin hatte dem Spielmann 1826 laut Urkunde 260 Gulden geliehen. Bis 1836 hatte Pfeffer keine Zinsen bezahl, desgleichen keine Pacht für den Weinberg, und dies elf Jahre lang. Dagegen hatte der gerissene Pfeffer von ihrem Obst und Wein verkauft und das Geld einbehalten. Auch diese Schweizerin konnte, wie ihre Schwester, nicht schreiben.

August Lämmle - der geistige Vater

Nach Adolf Kaufmann ist der "geistige Vater" des Spielmannes der schwäbische Heimatdichter August Lämmle. Er war um die Jahrhundertwende als Unterlehrer in Stetten und hat von alten Leuten einiges über den Pfeffer erfahren. Es scheint zuzutreffen, daß Spielmann David Pfeffer vor der Obrigkeit keinen allzu großen Respekt gehabt hat. Damit war er aber in Stetten keineswegs allein; denn selbst Herzog Karl Eugen mußte einmal höchstpersönlich in Begleitung des Obersten Rieger mit einer ganzen Schwadron Gardereiter in Stetten erscheinen, um seinen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Die weitverbreitete Geschichte aus seiner Soldatenzeit (Zu schießenden Franzosen: Lasset doch dui domme Schießerei bleiba, do könnt jo's gröscht Oglück bassiera!) verlegt Kurt Dobler beispielsweise an den Rhein und in die Zeit der französischen Revolution, Adolf Kaufmann in den Schwarzwald, wo 1795 das schwäbische Kreiskontingent unter General von Stein in Rückzugskämpfe verwickelt war. So wird es auch mit vielen anderen Späßen gewesen sein, daß ihnen von Mund zu Mund immer noch etwas dazugedichtet worden ist. Die Narrenschelle bekam er bestimmt erst durch die meisterliche Sprache eines Lämmle. Lämmle selbst hat einmal erklärt, daß nicht alle Geschichten, die vom Pfeffer erzählt wurden, auch tatsächlich vom Pfeffer stammen. Adolf Kaufmann berichtet auch von einem Gespräch mit August Lämmle, wonach ihm August Lämmle gesagt hat: Sehen Sie, jede dieser Geschichten hat einen Kern. Dieser Kern ist mein Eigentum, und ich umkleide ihn mit irgendeiner populären Figur. Wenn man den Geschichten auf den Grund geht, so bleibt weiter nichts als eine Symbolfigur übrig, wie sie Hamburg mit dem legendären Hummel hat, der Hunsrück mit dem Schinderhannes und das Rheinland in Tünnes und Schäl. Dem Pfeffer von Stetten kann man wie anderen Symbolfiguren alles und gar nichts anhängen, ihn auf keinen Fall aber zum Narren, Schelm, Hippy oder Rebell machen, deren oberstes Prinzip die Freiheit sei.


back to homepage