Pfeffer kommt auf die Welt und richtet sich ein

Am Tage, da der Schelm von Stetten geboren wurde, hielt der Herzog von Württemberg eine große Sauhatz auf dem Kernen, einem Berg hinter Eßlingen - und Jakob Ulrich, sein Untertan, mußte ihm Treiberdienste tun. Jedermann schimpfte, die Sauen seien ein großer Schaden für das Land, aber sie zu schießen, war das Recht der Fürsten, und erst wenn sie voll und fett genug waren nach der Ernte, begehrte sie der Herzog.

Als die Jagd zu Ende war und sich Jakob Ulrich auf den Heimweg machte, sah der den Herzog inmitten seiner Begleitung, die ihm das Halali von hüben und drüben in die Ohren blies, querfeldein nach Stuttgart reiten und rief ihm nach, er sei ein Narr! - Hätte ihm einer gesagt, daß er, Jakob Ulrich Pfeffer, noch am selben Tag der Vater eines Schalknarren werden sollte, er hätte den Ankündiger mit seinem Treiberstecken gezüchtigt und wäre geradewegs aus der Welt gelaufen. Aber er ahnte nichts davon, schritt verdrossen bergab und dachte an die Sauen - die dem Herzog noch in diese Nacht in seine Hofküche getragen wurden, wo sie alsdann ausgeweidet, zerlegt, auf dem Rost gebraten und mit einer schmackhaften Soße auf die Tafel gebracht wurden; ach, und er hätte für seinen Teil nichts weiter
davon begehrt als die Hälfte eines zarten Spanferkels, und auch das nicht für seine Person, sondern für Ricke, die Kindsbetterin. Ei, konnte denn der Herzog mit seinen Schranzen die vielen Sauen ganz allein vertilgen? Was geschah mit den Überzähligen? Hatte man nicht gehört, daß sie für gutes Geld außer Landes verkauft wurden! Die fetten, schönen schwarzborstigen Sauen mit den rosigen Schnauzen, die er dem Herzog vors Feuerrohr getrieben hatte ? - Jakob Ulrich, du bist der Narr! - rief er laut aus und trauerte um die schweren Sauen.

Allgemach wurde es dunkel. Auf der steinernen Brücke oberhalb Stetten machte er halt, um zu verschnaufen, sah eine schwarze dicke Gestalt auf der Brüstung sitzen und brummte erschrocken: "Was geht mir vor dem Licht?" Die Gestalt ächzte, suchte sich aufzurichten, sank aber wieder auf den steinernen Sitz zurück.

Jakob Ulrich griff tüchtig zu, und das Weib, das er anfaßte, sagte leise und flehentlich: "Pfeffer!"
Es war Ricke, seine Frau, die auf ihn wartete.
"Seh schon wie weit du bist!" brummte er, griff ihr um die schwellenden Hüften und ging langsam mit ihr des Weges. Er mußte sei schelten wegen ihres Leichtsinnes, daß sie in ihrem Zustand zu Hause weggelaufen war. Es war ein verfahrener steiniger Weg, auf dem so dahinhoppelten, und Ricke blieb nach ein paar Schritten stehen.

"Auf den Schafwiesen geht sich's besser!" sagte er und schleppte ich mit ihr feldein.
Ein munteres Geschwätz tat ihr immer wohl, wenn sie eine Beschwerde fühlte, und er fing an: "Ob's wohl ein Bub wird oder eine Fehl (Mädchen)?"
Sie atmete schwer, fuhr sich über den Leib und antwortete: "Es stößt wie ein Geisenfuß!"
"Dann wird's ein Bub!" triumphierte Jakob Ulrich - "und was für ein Hirsch wenn er mir nachschlägt!"
"Auch ein sanftes Kind ist recht", meinte sie.
"Müßt mich schämen, Ricke, für einen Buben", widersprach ihr Jakob Ulrich, "der Pfeffer heißt und doucement ist! Ein Mannsbild ist entweder geboren als Hirsch oder als Bähmull. Aber ein Bähmulle mag ich nicht!"
"Oh, Herr Jesus, wie es stößt!" schrie Ricke jämmerlich und wollte nicht mehr weiter!
"Also ein Hirsch!" freute sich Jakob Ulrich, drehte ihr den Rücken zu und sagte: "Laß dich hutzeln!"
Das war so: Sie legte ihm von hinten die beiden Arme um den Hals, und er schleppte sie ein Stück über die Wiesen, obwohl ihm vor Müdigkeit schier die Beine brachen.

Aber die Mühsal für das Weib wurde immer größer. Als sie wieder standen und sich verruhten, sah Ricke blaß und sagte: "Nun wird's bald angehen, Pfeffer! Geh ins Dorf um einen Karren!" "Was Dorf und Karren!" lachte er, nahm sie um den Leib und trug sie einen Steinwurf weit.

"Ist Schafzeug in der Näh?" fragte sie, da sie die Tiere roch - und als ihr einen Atem lang leichter war, scherzte sie: "Pfeffer, itzt wiegst du deinen Sohn zum erstenmal!" Er tat noch ein paar Sprünge und stieß mit seiner Last sanft auf den Schäferhannes, der wie eine Bildsäule mit seinem Hund, dem Herodes, vor seinem Karren stand. "Wirst mir verzeihen, Hans", redete er ihn an, "daß ich die mit der Ricke in dein zweirädrig Haus falle! Du mußt wissen, es ist eilig!" Der Schäfer tat einen Blick auf den Leib und riß hurtig die winzige Tür zu seinem Karren auf.

Als die Frau geborgen auf dem schmalen Bette lag, nachte sich Pfeffer eilig in Dorf, um weiblichen Beistand zu holen. Da war Dorle, seine Hausschwägerin, die daheim saß und auf die Ausbleiber wartete. Er trat von der Feldseite in seinen Garten und sah, daß sie Licht hatte in der Küche. Vor Ungeduld ging er nicht weiter, warf eine Handvoll Sand ans Fenster, und als sie öffnete, rief er:
"Geschwind, Dorle, geschwind! Es wächst junger Pfeffer auf der Schafwiese! Hilf deiner Schwester und komm!"


Das Dorle verstand Deutsch, kramte in der Eile ein wenig Wollenzeug zusammen, verschloß das Haus und folgte ihm über die Wiesen. Sie kam gerade recht, denn Ricke stöhnte schon laut. Nach einer Weile stieß die Gebärende einen Schrei aus, Herodes, der Hund, bellte - und Pfeffer war Vater geworden.

Währenddessen sich nun Dorle in dem Karren, der von einem kleinen Öldocht erleuchtet war, an dem Neugeborenen zu schaffen machte, sah die Mutter an ihr vorbei auf das Fenster und hatte einen Schrecken.
"Ach, der Herr Jesus", fing sie zu jammern an, "der große Daus, der böse Alefanzer, steht am Himmel! Das ist der Schalksnarren Stern. Mein Leib und Blut, du hast einen schlechten Planeten !"

Das Kind gähnte, und Dorle machte das Guckfenster auf, um Jakob Ulrich zu sagen, daß Ricke ein Männlein geboren habe, einen Knaben von anderthalb Schuh.
Weil sie es im Eifer ein wenig laut beschwatzten, wurden die Schafe munter im Pferch und blökten.
Davon erschrak das Kind, so erzählte Pfeffer später, vielleicht auch, weil es einen kühlen Hauch vom Fenster verspürte, wurde mucksstill und schien bei geschlossenen Äuglein zu lächeln. Jakob Ulrich sah es für ein gutes Zeichen an, daß sein Sohn lächelte, wenn als Schafsvolk blökt - und hielt ihn für besonders klug. Aber Ricke schwieg und  dachte an der Stern.

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