Jeder wird auf seine Weise getauft

Der Tauftag fiel in die Zeit der Kirchweihe. Allwärts roch es nach neuem Wein, und der Weg des Täuflings zur Kirche ging zwischen mannshohen Butten hindurch, die überquollen von Gärtrauben und brausendem Schaum. "Das ist ein guter Jahrgang", sagten die Leute, als das Kind auf dem Kissen vorbeigetragen wurde, und es war nicht gewiß, ob sie den Wein meinten oder den Täufling.

In der Kirche mußte die Trauergemeinde lange Zeit warten, Jakob Ulrich, der den Dreispitz verlegen in der Hand drehte, neben ihm Ricke, gut gekräftigt von den schmackhaften Taufgeschenken, Vetter Melchior, der Kirchweihfiedler - und allen voran Dorle mit dem Kind auf dem Kissen.

Der Pfarrer, ein feinsinniger Herr und heiterer Müßiggänger, ließ sich gern zweimal rufen. Während der Zeit war der Mesner, der gleichermaßen wartete, in der Sakristei damit beschäftigt, neuen Wein, Stettener Gewächs, in das Nachtmahlfäßchen zu füllen, vergaß sich aber dabei, denn er schöppelte gern einen bei diesem Geschäft, und füllte versehentlich das bereitstehende Taufkännchen mit Wein statt mit Wasser. Als der Pfarrer endlich kam, folgte er ihm in aller Unschuld mit dem weingefüllten Kännchen zum Taufstein.
So geschah es , daß David nicht mit dem Wasser der Nüchternheit, das jedem Christenmenschen zumindest bei der Taufe wohl bekommt, sondern mit dem Feierwein der Trunkenheit begossen wurde, als er seinen Namen erhielt. Der Pfarrer, der eine gute Nase hatte und die Verwechslung merkte, ließ in seiner Taufrede durchblicken, daß ja der Wein, mit dem das Kind versehentlich getauft sei, schon von Natur sein redlich Quantum Wasser enthalte, welches oft später von habgierigen Wirten unnötigerweise vermehrt werde - woraus folgen müsse, daß das Kind seinen guten Teil davon bekommen habe. Als nun auch die Andächtigen begriffen, was vorgegangen war, erging er sich in erbaulichen Reden über den Unfug des Weinwässerns, was zu vergleichen sei der Verwässerung der göttlichen Tugend durch niedrige Gewohnheiten, und er glaubte so der Würde der heiligen Taufe vollauf genügt zu haben.
Als die Handlung zu Ende war, hielt Rickes Halbbruder mit einem Wägelchen, vor das er ein junges, ungebärdiges Pferd angespannt hatte, neben der Kirche und bot sich an, die Gesellschaft nach Hause zu kutschieren; und sie fuhren mit dem Weingetauften fröhlich ins Dorf.


Sei es aber, daß der Gaul besser wußte als sein Lenker, wohin er die Leute zu fahren hatte, oder daß der Geist der feurigen Taufe auch über ihn gekommen war, in der ersten Straße fuhr er den Wagen über einen Eckstein und lud die ganze Sippschaft samt dem Täufling vor der Tür zur "Traube von Kanaan" ab, einer gut renommierten Weinschenke: und nun wußten sie, wo sie die Taufe zu beschließen hatten.


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