Unter Schweinen

Als David, Jakob Ulrichs Sohn, ins zehnte Jahr trat, gab man ihm die Schweine zu hüten, denn er hatte lange Beine und konnte gut springen. Eines Tages, als er seine Butzeln aus dem Dorfe trieb, überholte ihn in seinem Wagen der Amtmann, der ein wohlgenährter Herr war, ließ halten und neckte den kotbespritzten Buben:
"David, du springst ja schon so gut wie deine Vierbeiner, aber was gilt's, du unterschiedest dich auch sonst nicht viel von ihnen?!"
Da antwortete der Knabe:
"Ei, Herr Amtmann, wer nicht besser springt als so ein Säulein, hat ihm auch sonst nicht viel voraus! Was gilt's?"
Der Gestrenge war um eine Erwiderung verlegen, schimpfte und befahl dem Roßknecht einen eiligen Trab.
Aber David war viel flinker als die Rosse, sprang ihnen voraus, und die Schweine hetzten grunzend neben dem Wagen her, bis ins nächste Dorf.
Dort gab es viel Gelächter, als der Amtmann, von den Schweinen eskortiert, seinen Einzug hielt.

*

Es war ein halbes Jahr später, als der Herzog, der ein großer Prasser war, in seiner prächtigen Karosse durch das Dorf fuhr. Er sah ein paar Bauern auf der Straße stehen, stieg aus seinem Wagen und fragte sie: "Wie geht's euch, ihr Bauern? Wie lebt ihr?"
Es ging ihnen nicht sonderlich gut in dem schlechten Jahr, doch keiner wagte dem Herzog die Wahrheit zu sagen. Sie wußten, daß er böse wurde, wenn er von Not und Elend hörte. Von ungefähr kam der Schweinehirt vorbei, hielt einen vierbeinigen Ausreißer am Schwänzchen und schien tief in Gedanken. Der Herzog, der ahnte, daß er nichts Gutes zu hören bekommen sollte, fuhr die Bauern mißmutig an: "Seid ihr Stöcke? Könnt ihr nicht reden?" Da ließ der Hirt sein Schwein los, das gemächlich auf den Herzog zutrabte, und rief ihm nach: "Geh, Butze, und sag dem Herren, daß dir wohler ist als uns!"
Der Herzog wollte die Anspielung nicht verstehen, nahm den Schweinehirten am Ohr, kneipte ihm hinein und sagte: "Willst du mir redlich Antwort stehen?" Im Nu hatte David den Ausreißer wieder am Schwänzchen, tat ihm dort ebenso, wie ihm am Ohr getan wurde, und richtete die Frage an das Tier. Aber das Schwein gab nicht den geringsten Laut und zuckte nur ein wenig. Da sagte der Hirt: "Herr Herzog, wenn sich so ein freies, mutiges Tier nicht getraut, wie soll's ein geschreckter Bauer?" 
Der Herzog wußte nicht, ob er ergrimmen oder lachen sollet über die Antwort und hieß die Bauern ohne Scheu reden.
Nun ging ihnen der Mund auf, und sie schimpften über Wildschaden und Fron, Steuer und Härten, daß der Herzog rot wurde vor Scham und eilig Abhilfe versprach.

-o-

< zurück
weiter >