Der Sargmacher und sein Sohn

Im Wonnemonat, als die Bäume im weißen Blust standen auf den Halden und die Schlehen blühten im Tal der Rems, ging Jakob Ulrich mit seinem Sohn über Feld nach Rommelshausen, wo der Schreiner einem verstorbenen Bauern das Maß nehmen mußte für den Sarg.
Sie waren beim Elfuhrläuten weggegangen und beeilten sich, das Dorf vor Mittag zu erreichen. Dann mußte man sie nach Landessitte zum Essen nötigen, und darauf freute sich David, dem die häufigen Fastentage im Hause seines Vaters schlecht bekamen.
Auf halbem Wege hielten sie Rast unter einem blühenden Kirschbaum, und der alte frage den Knaben, was für ein Handwerk er einmal ergreifen wolle, wenn de sein Brot selbst verdienen müsse.
Der Knabe legte nachdenklich den Finger an die Stirn und sagte:
"Ich will werden was Ihr, Vater, und den Leuten ein hölzernes Röcklein anmessen, wenn sie die letzte Reise tun!"
Der Alte war unzufrieden mit der Antwort und schmähte:
"Das ist ein schlechtes Handwerk! Ich hätte dich für klüger gehalten!"

Aber der Sohn sagte mit Anstand:" O Ihr seid tausendmal klüger als ich und Ihr seid auch ein Sargmacher geworden!"
"Du sprichst mir ein hartes Urteil!" sagte Jakob Ulrich.
"Ei", tröstete ihn der Sohn, "warum sagt Ihr das? Noch keiner von den vielen, denen Ihr einen Sarg gemacht habt, ist nachmalig abgestanden von dem Geschäft! Und wann ist einer wieder zu euch gekommen und hat an seinem Särglein etwas ausgesetzt?!"
Jakob Ulrich grämte sich über seinen Sohn:
"Ein Sargschreiner ist kein angesehner Mann, er bringt den Tod in die Häuser. Du solltest dir was Besseres überlegen!"
"Wenn Ihr nicht mögt, dann will ich Besenbinder werden!" entschied sich David.
"Das ist schon besser!" lobte ihn Jakob Ulrich, "wiewohl noch keiner reich geworden ist vom Besenbinden. Himmel, warum willst du grade Kehrbesen binden?"
David antwortete: "Ihr sagtet, der Sargmacher sei kein angesehener Mann, weil er den Tod in die Häuser bringt! Seht, beim Besenbinder ist es umgekehrt: Freut sich nicht ein jeder, der den Tod fürchtet, wenn er wieder einen Besen überlebt?"
"Du steckst voller Flausen", schimpft Jakob Ulrich, "und kennst die Welt nicht! Sieh, du bist in die Höhe geschossen wie eine Haselgerte und brauchst doppeltes Futter bei deiner Länge! Willst du keine Vernunft annehmen?"
"Ihr quält mich, Vater!" klagte der Sohn, "was soll ich noch werden?"
"Sage mit deinen Herzenswunsch!" ermunterte ihn der Alte.
Da bekannte der Knabe in seiner Einfalt, er möchte ein Kohlenbrenner werden. Die Kohlenbrenner waren nach seinem Geschmack.
"Daß ich dich nicht erschlage!" brauste der Schreiner gefährlich auf, weil er glaubte, sein Sohn mache sich einen Scherz aus seiner Sorge, hob den Stock und bedrohte ihn.
Aber der Knabe wich ihm aus und versteckte sich in einem blühenden Schlehenbusch, wo er vor dem Stocksicher war.
"Komm hervor, Unnutz!" schimpfte der Alte und fuchtelte ihm mit dem Stock vorm Gesicht.
"Willst du mich zum Vater eines Faulpelzen machen?
Komm ich will dir zeigen , was ungebrannte Asche ist!"
"Eben, die mag ich nicht!" schrie der Sohn in dem Schlehenbusch, "schon darum will ich Kohlenbrenner werden!"
Da hielt ihn Jakob Ulrich für wunderlich, meinte, es könne ein Gelehrter aus ihm werden, und beschloß, ihn in die Schule zu geben.

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