Der Schulmeister von Stetten

Der Mesner, der neben seinem Kirchendienst die Schulmeisterei versah, nahm den Knaben in die Zucht. Nun mußte der Bachusknecht büßen, was er an dem Täufling bei der Taufe gesündigt hatte! Die frommen Worte, die er den Kindern lehrte, waren golden, aber die Streiche, mit denen er nicht sparte, waren eisern, und David empfing einen großen Teil davon. Ein einziges Mal war es ihm nicht erlaubt, den Schelm für eine freche Antwort zu züchtigen, denn ein größerer Schulmeister, als er war, weilte zu Besuch in der Schulstube und wohnte der Unterweisung bei, der Herzog.
O wie liebreich war der Schulfuchs da zu den Kindern und was für honigsüße Worte gab er ihnen! Aber dem Herzog was das Getue zuwider, er wünschte etwas Ernsthaftes zu hören

"Befehlen Euer hochfürstliche Durchlaucht von den Kindern einen Psalter aus dem Gesangbuch zu hören oder die Bücher der Heiligen Schrift der Ordnung nach aufgezählt von vorn nach hinten und hernach wieder von hinten nach vorn?" fragte der Schulmeister.
Dem Herzog war solcher Unterricht ein Greuel, er verzog das Gesicht und sagte: "Laß Er mich zuvor wissen, ob sich eure Zöglinge in der Welt auskennen!"

- und er stellte die Frage, wo der Erdteil liege, den man gemeinhin Europa nenne. Der Schulmeister schaute blöde, er wußte es selber nicht recht - und die Kinder schwiegen.
"Mir scheint, Ihr schulmeistert auf dem Mond!" spottete der Herzog. Der Schulmeister buckelte sich an ihn heran und ließ vernehmen:
"Hochfürstliche Gnaden, befehlt eine simplere Frage, die näher liegt! Ist's doch schon ein halb Wunder, wenn einer von Euer Durchlaucht gehorsam Untertanen nach Europa verschlagen wird!"

Der Herzog mußte lachen, stellet sich vor die Bänke und fragte: "Ei denn, was ist denn nun der größte Fluß im Herzogtum?" Das wußten sie alle und nannten den Neckar.
"Brav, Herr Schulmeister!" lobte der Herzog und fragte weiter: "Welcherlei Kreaturen birgt er in seinem Wasser?"
Da wußten die Kinder wohl von Grundeln, Fröschen und Rotzern, aber nichts von den guten Bissen, die sich ein Herzog aus dem Neckar fischen lassen konnte, also den Hechten, Aalen, Krebsen und Forellen, und sperrten Mund und Nase auf, als ihnen der Fürst von ihrer künstlichen Zubereitung und ihrem besonderen Wohlgeschmack Wunderdinge zu erzählen wußte. Danach stellte er die Frage:
"Was ist nun aber der kleinste Fluß im Herzogtum?"

Die Frage machte den Kindern Sorge, nicht minder dem Schulmeister, der sich verlegen hinter dem Rücken des Herzogs versteckte; aber da war Pfeffer, der an die guten Bissen dachten, von denen der Herzog erzählt hatte, sich flugs erhob und antwortete:
"Gnädiger Herr, man nennt ihn gemeinhin den Überfluß bei uns im Land!"
Der Herzog erschrak nicht wenig, der Schulmeister sprang wütend hervor und wollte dem Schelmen eine Schelle geben, aber der Herzog hinderte ihn daran.
"Die Schelle gebührt euch, Herr Schulmeister - und mir!" sagte er. "Euch, weil ihr den Kindern nicht das Rechte gelehrt habt, und mir, weil ich den Schelmen Appetit gemacht habe auf Dinge, die sie selten genug auf die Zunge kriegen werden ! Ich will aber ein Opfer bringen und den Schaden wieder gut machen!"
Am andern Tag ließ er vor dem Rathaus in Stetten ein Faß mit frischgefangenen Fischen anfahren und hieß sie an die Eltern der Kinder verteilen.
Der Sargmacher und sein Sohn kamen nicht zu kurz dabei.

-o-

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