Die Wasserprobe

Wenn Pfeffer seine Botengänge machte, begegnete ihm zuweilen der Stadtschreiber, ein mächtiger Federfechter, den alle Welt scheute. Zeigte sich der Schreiber zur Morgenzeit auf dem Markt, dann rückten die Weiber am Brunnen so nahe zusammen, als müßten sie allesamt in einen Korb treten und zeigten ihm die Rückseite.

Das stimmte den Mann nicht freundlicher.
Mit dem Schuster lebte er lange Zeit in Frieden. Als er ihm aber einmal ein paar neue Schuhe in Maßarbeit gab und verlangte, daß sie so gut gemacht werden müßten, daß sie einen halben Tag lang die Wasserprobe bestünden, sonst wolle er sie dem Schuster nicht abnehmen, riß dem Meister die Geduld und er wünschte, dem Federfechter möchte ein Streich gespielt werden, an den er sein Leben lang denken sollte!

Eines Morgens schickte der Schreiber seine Magd in die Schusterstube, um die Schuhe holen zu lassen, weil er sie bei einer Staatsvisite tragen wollte. Pfeffer, der allein in der Werkstatt war, zeigte der Magd die schönen Schuhe, sagte aber, sie müßten zuvor der Probe unterworfen werden, danach könne sie der Herr Stadtschreiber haben. Die Magd ging wieder. Hinter ihr drei schlich sich Pfeffer auf den Markt, setzte die ledernen Schifflein kurzerhand im Brunnentrog aus, wünschte ihnen viel Glück zur Reise und lief in die Werkstatt zurück. Als die Magd nach einer Weile mit ihrer Gölte zum Schöpfen an den Brunnen kam, waren die Kähne schon in großer Not und neigten sich, nachdem sie ein paarmal unterm Röhrenstrahl im Kreise getanzt und noch die Wasserprobe von oben bestanden hatten, schwer auf die Seite und drohten unterzugehen. Die Magd erkannte die schönen Schuhe wieder die ihrem Herrn gehörten, fischte sie heraus und wunderte sich nur, wie sie in den Brunnen geraten waren.
Ihr Herr ahnte schon einiges mehr, war sehr erzürnt und ließ sogleich nach dem Meister fahnden.
Der saß in seiner Weinstube und verwies die Magd an den Gesellen.
Der Geselle war von Pfeffer bereits in das Geheimnis eingeweiht worden und erschien vor dem Stadtschreiber mit der unschuldigsten Miene.
"Was wollt Ihr, lieber Herr? Habt Ihr nicht selbst die Probe aufs Wasser verlangt ?" spielte er sich auf.
Der Federfuchser durchschaute den Handel und schickte einen handfesten Scharwächter nach dem Lehrbuben.
Und während der Herr nun mit Widerwillen in die nassen Staatsschuhe schlüpfen mußte, wurde Pfeffer auf Geheiß des Schreibers solange unter den Strahl gehalten, bis der Schreiber fertig war, geruhsam in seinem Wägelchen über den Markt gefahren kam und Pfeffer zurief:
"Weißt du nun, wie eine Wasserprobe tut?!"

Diesen Schimpf wollte Pfeffer nicht auf sich sitzen lassen, und er besann sich auf einen besseren Streich.
Es hatte sich herumgesprochen, daß der Stadtschreiber schon lange auf Freiersfüßen ging. Die Jungfer Dorothee, die so ehrbar war wie reich, war sein Augenziel geworden, und ihr zuliebe verwandte er viel Sorgfalt auf eine äußere Gestalt.
Aus diesem Grunde schickte er nach einiger Zeit seine Schuhe wieder in die Werkstatt des Schusters, um sie dort verschönern zu lassen.
Pfeffer, der sein gedemütigtes Wesen zur Schau trug, um seinen Meister zu täuschen, freute sich auf die Gelegenheit, dem Stadtschreiber die Heimzahlung geben zu können - und als ihm der Meister eines Abends befahl, die gebesserten Schuhe am andern Tag in die Stadtschreiberei zu tragen, war sein Plan gemacht. Noch in der Nacht machte er sich auf, schlich sich vor das Haus der Jungfer und setzte die Schuhe auf der Schwelle ihres Haustörleins nieder, pärleinweise und so gerichtet, als seien sie von selbst herzugelaufen und warteten, von der Jungfer eingelassen zu werden.
Dann verbarg er sich.

Als das Sechsuhrglöcklein läutete, ging der Amtmann vorüber, erkannte die Schuhe des Stadtschreibers auf der Staffel und dachte im Weitergehen: "Ei, huldigt der Herr Amtsbruder so tüchtig dem Wein, daß er sein eigenes Haus nicht mehr findet und in der Nacht bei fremden Leuten eingeht ?! Aber warum stellt der Tölpel seine Schuhe vors Haus ?"
Als er gegangen war, kam der fromme Herr Spezial, der so schlechtgeschlafen hatte und sich in der kühlen Morgenluft erfrischen wollte. Es sah die Schuhe, wußte aber nicht so recht, wem sie gehörten, machte eine besorgte Miene und dachte: "Sollte es möglich sein, daß die Jungfer so leichtsinnig geworden ist, daß sie einen Mann bei sich einläßt ? Wer ist der leichtfertige Bruder, der im Städtlein einen solchen Anstoß gibt ? Sollte es der Ratsschreiber sein, dann will ich ihn nächstens zitieren!"
Nach ihm kamen einige Weiber, sahen die Schuhe, verhielten sich den Mund und machten böse Augen. "Schaut die Heuchlerin, die Jungfer!" schmähten sie, "sieht sie nicht drein, als kriegte sie eine Ohnmacht, wenn sie einem Mannsbild in die Augen schaut ? Und da läßt sie einen Burschen in ihre Kammer! Die Frömmlerin! Ja, eine solche ist auch nicht besser wie wir andern!" und schimpfend gingen sie Weiter.
Zuletzt kam ein kleines Hündlein, schnupperte an den Schuhen, dachte sich garnichts und hob das Bein.
Pfeffer der im Hinterhalt saß und es sah, dachte: "Das ist nun schon die zweite Wasserprobe!"
Nicht lange danach lugte die Hausmagd der Jungfer aus der Tür, sah die Schuhe, wußte gleich wem sie gehörten, bekam einen Schrecken und nahm sie eilig weg. Pfeffer glaubte genug gesehen zu haben und wollte gehen, aber schon nahte sich im Eilschritt der Ratsschreiber, als hätte er von dem Schimpf vernommen, klingelte ein paarmal, doch erst, als er wie ein Steuerpresser am Klingelzuge riß, wurde ihm von der mürrischen Magd geöffnet.

Drinnen im Haus ging es nun ein wenig laut her, die Jungfer, noch in der Morgenhaube, trat an ihr Schlafkammerfenster, schmiß es wütend zu, und Pfeffer glaubte hinter den Gardinen ein unsanftes Gerede zu hören, die Stimme des Schreibers gleich einer klagenden Posaune, dazwischen die der Jungfer wie eine schrille Schelle gellend.

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