Am Pranger

Am anderen Tag saß Pfeffer gefangen im Turm, biß auf einen steinharten Wecken und dachte an seinen Vater, dem er großen Kummer bereitet hatte. Denn der Amtmann, der Pfeffer wegen seiner Schandtat in den Pflock auf den Pranger sprach, war der Meinung, daß der Vater eines solchen Schlingels mitbestraft werden müsse, weil er ihn nicht besser erzogen hätte, ließ Jakob Ulrich durch den Büttel in Stetten ergreifen und nach Waiblingen schleppen.

So mußte Pfeffer in den Pflock und sein Vater durfte die Ehre mit ihm teilen. Das ganze Städtchen lief zusammen, um dem Schauspiel beizuwohnen, und es wurde nie eine lustigere Gesellschaft vor einem Pranger gesehen. Da standen welche, die dem Federfechter den Schimpf gönnten, weil er sich nach ihrer Meinung nach durch ungebührlich hohe Sporteln bereichert hatte. Da stand die Ehrbarkeit und freute sich daß der Schelm so freimütig mit dem Finger auf die Unzucht gewiesen hatte, und endlich waren da vorne dran ein gutes Dutzend mannbarer Jungfrauen, die schellenlaut jubelten, daß ihre verhaßte Geschlechtsgenossin eine Unehre erlitten hatte, wo sie sich doch ebenso hörbar und begehrenswert vorgekommen waren wie die Stadtschreibererwählte, doch von diesem verschmäht worden waren. Sie gebärdeten sich am unwürdigsten vor dem Pranger, steckten dem Buben, der nur den Kopf und die Hände frei hatte, die besten Leckerbissen in den Mund, ja eine ganz Kühne wagte sogar, ihm einen Strauß Gelbveiel zu Füßen zu legen.

Jakob Ulrich hatte mit seinem Sohn bis zur Stunde noch kein Wörtchen gesprochen, aber nun, als er die viele Ehrung sah, weinte er gerührt und sagte zu David:
"s'ist gut daß du mir wenigstens am Pranger ein wenig Freude bereitest!" - worauf der Sohn erwiderte:
"Seid nicht so rührselig, Vater, und macht mir vor den Leuten keine Schande!" -
Pfeffer sollte aber nicht zur Freude am Pranger hangen.
Der Schuster, dem er so gründlich das Geschäft verdorben hatte mit seinem Streich, drängte sich plötzlich durch den Volkshaufen, schimpfte wie ein Kroat, trat auf die Schandbühne und zahlte dem Alten vor aller Welt das Lehrgeld für seinen Sohn zurück.
Als er gegangen war, um seinen Zorn im Wein zu ersäufen, schepperte ein Säbel über den Markt. Er gehörte dem Preußenhauptmann, und Pfeffer wurde blaß. Der Preuße trat vor den Pranger, erinnerte David an sie Stiefel, die er ihm zerschnitten hatte, gab ihm zwei saftige Schellen, meinte, die Rechnung stimme nun wieder und folgte dem Schuster.
Das war beschämend für Pfeffer, aber die wackeren Jüngferlein machten alles wieder gut, brachten Körbe mit Würsten und Speck zum Geschenk für den Schelmen und stellten sie vor ihm nieder - und mancher edle Mann, dem die Entehrten leid taten, beschloß im stillen, dem Knaben und seinem Vater eine Wohltat zu erweisen, wenn ihn der Weg über Stetten führen sollte.
Als die Standzeit um war, nahm Vetter Melchior, der Kirchweihfiedler, der von Stetten herübergekommen war, seine Verwandten in Empfang und geleitete sie mit Geigenmusik aus dem Städtlein hinaus. Und dem Geleite schloß sich an Alt und Jung, Ehrbar und Unehrbar, Hinz und Kunz, Gockel und Gans.

-o-

< zurück
weiter >