Die Witwe von Schnait

Aber die Stettener waren nicht sonderlich erfreut über die Heimkehr ihres Schelmen, der in Waiblingen am Pranger gestanden hatte. Ricke sah ihren Sohn mit Kummer müßig, und Vater Pfeffer ertrug Davids Hiersein mit mürrischer Geduld. Nur der Kirchweihfiedler freute sich daß er wieder einen Kumpan hatte, der ihn auf seinen Kunstreisen begleitete, und Pfeffer ging bei ihm in die Lehre.

Der Oheim war ein viel bequemerer Lehrmeister als der Waiblinger Schuster. Er freute sich, daß Pfeffer so klug gewesen war, die rauhe Arbeit zu scheuen und seine Musikantenfinger gebührlich zu schonen. Bisweilen, wenn der Sohn zusah, wie sich sein Vater für kümmerlichen Lohn in seiner Tischlerwerkstatt mühte, mochte er ihn wohl bedauern und ihn durch schalkhafte Redensarten auf eine bessere Laune bringen. Meist hielt sie aber bei dem Alten nicht lange an, und Pfeffer brachte ihm gern das Opfer und begleitete ihn über Feld auf seinen Leichengängen, die dem Sargschreiner am schwersten fielen. Da konnte es geschehen, daß der Junge, wenn ihm die Laune ankam, dem Alten in kommerzialischen Dingen etwas vormachte, so bei einer Witwe in Schnait, die Pfeffer so weich zu gerben verstand, da0 sie ihre zusammengegeizten Silbervögel wie Taubenschwärme ausflattern ließ. Ihr Mann, der Bauer, war gestorben, und sie hatte den Sargschreiner rufen lassen, daß er ihm ein billiges Särglein von Tannen anmesse. Nun war aber das Weib zu ihren Geize sehr abergläubisch, was Pfeffer von der Magd erfuhr, während sein Vater in der Stube mit der Wittib um den Preis handelte. Die Sitte gebot, daß Pfeffer auch einmal in die Totenkammer ging, um sein Gebet zu verrichten, und er tat es gern und pries den Toten hoch und wohl, daß er von der geizigen Fuchtel erlöst worden war. 

Wie er so stand und dem Toten vor der Magd, die mit ihm gegangen war, in seinen Taten und Gesinnungen zu Lob sprach, kam ihm ein Gedanke, wie er die Alte für ihren Geiz strafen und seinem armen Vater zu einem Aufgeld verhelfen konnte. Nachdem er sich mit der Magd besprochen hatte, trat er vorsichtig in die Stube, in der die Bäuerin mit seinem Vater um den Preis handelte, schlich auf Zehen an den Tisch und blies der Frau in die Ohren, wenn ihn nicht alles täuschte, sei ihr Mann eben einen Atemzug lang vom Tode erwacht, habe die Augen aufgeschlagen, sich gereckt und gestreckt, um sich alsdann umzudrehen und weiterzuschlafen. Die Frau kam außer sich vor Schrecken und ließ sogleich die Magd rufen. Die stand schon hinter der Tür, trat herein und sagte, der Sohn der Sargschreiners habe recht gesehn! Da schrie die Wittib laut auf, wagte aber nicht in die Kammer zu gehen und ihren wiedererwachten Mann in die Augen zu schauen. Sein Tod war ihr erwünscht gekommen. Er war ihr nicht sparsam genug gewesen. Sie aber wollte die Wirtschaft alleine führen und oben auf dem Geldsack sitzen. Pfeffer, der sie richtig eingeschätzt hatte, sah gewonnenes Spiel. Er gab ihr ein, daß es doch für alle Fälle besser sei, wenn sie ihrem Mann einen schweren Sarg aus Eichen schreinern lasse statt einen dünnwandigen aus Tannen, durch den jedes Wort hindurchdringe, so daß die Witwe gern in das größere Geschäft einwilligte und es gar mit der herzlichen Liebe zu ihrem Toten Mann beschönigte, daß sie ihn so stattlich einsargen lasse! 

Auf der Heimkehr sagte Jakob Ulrich zu seinem Sohn: "Du bist doch nicht so ungeschickt in weltlichen Dingen, wie ich mir eingebildet habe. Auch scheint mir, du könntest mit deinem Fiedelspiel mehr zu Verdienst kommen als dein Vater mit Sargschreinern. Die Zeiten sind schlimm für unsereins!" "Alles ist wechselfällig", erwiderte der Sohn, "ein Sargschreiner lebt vom Sterben und ein Fiedler vom Leben. Bald ist das eine im Schwunge, bald jenes!" "Du hast doch das bessere Los gezogen, David!" sagte der Alte beharrlich, "die gute Zeit der Sargschreiner ist vorbei! Fürs erste, weil der Sinn für ein ehrenvoll christlich Begräbnis dahingeschwunden ist, und zum andern, weil die Ärztekunst, die uns früher so wacker ins Brot gesetzt, einen Bund mit dem Teufel eingegangen hat und das Leben der Menschen mit allen Künsten verlängert. Es wird noch soweit kommen ..." "Davor könnt ihr sicher sein", unterbrach ihn der Sohn, seine Gedanken erratend, "daß sie den Tod nicht aus der Welt kurieren! Lasset nur die Mißjahr und eine Hungersnot kommen, und Ihr werdet vor lauter Sargbrettern die Welt nicht mehr sehn! Uns Fiedler aber jagt man dann zum Dorf hinaus! Überdies sorgen die Herren, denen der Sinn nach Kriegsruhm und Lorbeeren steht, immer wieder, daß eine Gerechtigkeit ist und Leiden und Freuden sich wohl verteilen!"
"Davon ziemt uns nicht zu reden", meinte der Alte, "wiewohl du die Wahrheit im Sacke hast!"
Es war damals die Zeit, da der Herzog von Württemberg sein Glück als Kriegsmann gegen den König von Preußen versuchte.

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