Pfeffer und Salz

Jakob Ullrich sollte recht behalten. Es kamen gute Jahre für die Fiedler und schlechte für den Sargschreiner. Die Sonne segnete das Land Württemberg, und wieviel der Herzog auch von dem Reichtum vergeudete, das Volk hatte genug zu leben. Es war die Zeit, wo die Weinstöcke doppelt trugen und der Neckarwein, der als sauer verrufen ist, so großes Ansehen genoß daß ihn die Klosterherren zu Augsburg und die reichen Mymheers im Holland auf ihren Tischen sehen wollten.
Jakob Ullrichs Sohn wuchs wie eine Pappel und mußte sich bücken, wenn der durch die niedere Tür in das Haus des Sargschreiners treten wollte.
Die Mädchen verdrehten die Hälse nach ihm, wenn er am Sonntag mit seinem blauen Tuchrock und seinen gelben Lederhosen vor der Kirche stand - aber Ricke grämte sich, daß er sich nichts aus ihnen machte.
"Ist denn keine im Land, die dir in die Augen sticht ?" fragte sie ihren Einzigen, "auch dein Vater hat Gefallen gefunden am Weibervolk. Sonst wärst du wohl nicht da! Der Herrgott hat doch zweierlei Art geschaffen. Macht es dich nicht neugierig?"
"Ihr habt mir viel Neugierde ins Blut gesegnet", erwiderte ihr der Schalk, "aber wie ich größer gewachsne bin als Ihr, darum ist bei mir auch die Neugier heftiger als bei euch und es wird lange währen, bis sie gestillt ist!"
"Tu was du willst", sagte Riecke, "wann wirst du heuern?"
"Liebe Mutter", sagte der Sohn zu ihr, "ich will euch gerne gehorchen, aber lasset mir Zeit! Wenn nicht alles trügt, dürfen wir auf Sankt Nimmerleinstag das Fest richten!"

*

Bis dahin war es wohl noch weit, und Pfeffer gedachte sich gründlich umzuschauen. Aber da enthob ihn der Herzog der Mühe und machte ihn zum Soldaten. Das kam auf wunderliche Weise.

Seit Monaten hatten die Stettener einen Streit mit dem Herzog wegen des Salzes. Er hatte den Handel mit de, edlen Gewürz den Krämern und Kaufleuten verboten und betrieb ihn selbst wegen der Steuern, die er darauf legen konnte.
um sich dieser im voraus sicher zu sein, befahl er den Stettenern, daß sie ihm dreihundert Säcke mit Salz abnehmen und dafür achthundert Gulden bezahlen müßten. Eine so große Menge Salz lag den Stettenern zu schwer im Magen und sie sträubten sich mit allem Ernst gegen das Geschäft. Das führte zu einem langen Handel am Ratstisch, in dessen Verlauf das Salzbüchslein zwischen den streitenden Parteien mehrere Male umgeworfen und aus der - Salzanlehnung - wie die Räte des Herzogs das saubere Geschäft nannten, eine Salzablehnung wurde.

Der Herzog, der die harten Bauernköpfe mit Schläue einzusalzen versucht hatte, erboste nun, als sie ihm Widerstand machten, und dachte ihnen die Suppe gründlich zu verderben, indem er befahl, daß alle ledigen Männer des Dorfes zu Rekruten ausgehoben werden sollten.

Dies verdickte die scharfe Suppe noch mehr und Amtmann, Pfarrer und Schreiber mußten alles aufbieten, um die Wut der Stettener zu dämpfen. Aber das Feuer bekam durch ein herzoglichen Amtsschreiben, das die ledigen Männer eilends zur Musterung nach Stuttgart berief, frischen Zug und neunen Wind. 
Wenn auch der Amtmann und seine Helfer den Herzog mit beruhigenden Briefen hinzuhalten versuchten, er war von seinen Kreaturen und Spionen unterrichtet, daß die Burschen sich weigern wollten, seine Soldaten zu werden, und beschloß einen ernsthaften Krieg gegen das Dorf.

Da er ihn eines Sonntags begann, als die Bauern alle in der Kirche saßen, hatte er Glück und mußte nicht mehr einsetzen als eine Kompanie Husaren, die die Pforte des Gotteshauses belagerten und also den Feind, dar an Singen und Beten, nicht aber ans Fechten dachte, gefangensetzte.
Der Pfarrer, den sein Gewissen verklagte, weil er auf der Seite des Herzogs gestanden hatte in dem Streit, erschrak nicht wenig, als er während der Predigt eine Horde Husaren mit gezogenem Pallasch unterm Kirchenfenster vorbeisprengen sah, und kam vollends aus dem Konzept, als ihm von einem Adjutanten des Herzogs, der unterdessen in Person vor der Kirche erschienen
war, ein Billet auf die Kanzel gebracht wurde, demzufolge er seine Schäflein zur Ruhe vermahnen und den Gottesdienst alsbald beendigen sollte.

Die Schäflein witterten indessen auch, daß ihr Salzherzog in der Nähe war und Ernst zu machen gedachte, und die jungen Burschen, die um ihre Freiheit bangten, flüchteten sich auf den Turm, ins Gehäuse der Orgel und in andere Schlupfwinkel, wie sie sich sicher glaubten.

Als nach dem Schlußgesang die Türen geöffnet wurden, sahen sich die überrumpelten Stettener vor einer Doppelreihe von Husaren, die von der Kirchenpforte bis zum Rathaus Aufstellung genommen hatten, und gaben ihr Spiel verloren. Den Ehemännern wurde erlaubt, an der Seite ihrer Frauen nach Hause zu gehen, aber auf die ledigen Burschen machten die Soldaten eine heitere Treibjagd. Die ersten, die sie fingen, waren einige, die durch die Sakristei entweichen wollten, danach schleppten sie einen hinkenden Teufel herbei, der durch ein Kirchenfenster entsprungen und dabei zu Schaden gekommen war, endlich zogen sie unter großem Jubel ein Muttersöhnchen unterm Rocke seiner Beschützerin hervor. An allen Ecken und Enden war Geschrei, Zetern und Rennen, Flüchten und Haschen.
Unter Voranritt des Herzogs betraten die Soldaten zuletzt die Kirche und säuberten Kanzel und Sakristei, drangen in den Turm und fingen ihre Rekruten auf dem Glockenstuhl, allwo sich ein Siebengescheiter sogar an den Schwengel der großen Glocke gehängt hatte und beim Läuten in die größte Gefahr geraten war.

Indessen beschaute sich der Herzog in aller Ruhe die Kirche und verrichtete kniend ein halblautes Gebet zum guten Gelingen seines Raubzuges. Pfeffer lag noch unentdeckt, weil er lang und schmal war, unterm Fußbrett einer Bank in seiner Nähe und hörte ihn murmeln.

Als sich der Herzog wieder erhob und auf römische Weise bekreuzigte, sprang Pfeffer auf und eilte schnurstreichs auf ihn zu. Der Fürst erschrak, als er sich plötzlich mit dem langen Kerl allein in der Kirche sah, gewann aber seinen Mut rasch wieder und schrie:
"Was, langer Kerl? Will er auch desertieren?"
"Gradwegs in die Arme Euer Durchlaucht!" sagte Pfeffer, fiel ihm an die 
Brust und begann ihn stürmisch zu drücken.
"Was - untersteht - er sich - mich zu embarassieren?" stöhnte der Herzog in Pfeffers Armen, die ihn wie Zangen umschlossen.
"Damit ihr spürt, wie groß meine Liebe zu euch ist!" antwortete Pfeffer.
"Was - faselt er da, elender Lümmel! Will er mir den Odem auslöschen?" - 
"Wie Euer Durchlaucht seinen Landeskindern tun im Kriege! Aus lauter Liebe zu ihnen!"
"Freches Schandmaul! Bete! Laß er mich los!" keuchte der Herzog.
Darauf erwiderte Pfeffer: "Nicht eher, als bis Ihr mich zum Korporal gemacht habt!"
Der Herzog, rot und blau im Gesicht, schrie: "Er ist's auf der Stelle!"
Da ließ ihn der Pfeffer los. Aber der Herzog fauchte:
"Grober Lümmel, zum Korporal habe ich Ihn zwar gemacht, aber ehe ich ihm die Knöpfe gebe, fängt er eine Schelle!" und zog aus.
Pfeffer hob nur das Kinn in die Höhe und der Schlag ging an ihm vorbei.
"Werd' Ihm schon Herr werden, ohne daß ich auf einer Leiter steige, um ihn zu traktieren! Abmarschiert!" schimpfte der Fürst.
Und Pfeffer ging von ihm weg als Korporal.
Vor dem Rathaus standen die übertölpelten Bauernsöhne in Reih und Glied, um von den Husaren in die Kaserne nach Stuttgart geführt zu werden, fluchten und greinten.

Weil der Herzog schon da war, nötigte er zugleich den  Magistrat, die Salzanlehnung zu unterschreiben und nahm an diesem Tag zwei glatte Siege mit nach Hause. - 
Der neugebackene Korporal, der mit den andern in die Kaserne zog, meinte, sein Salz habe der Herzog den Stettenern zwar aufgenötigt, dafür habe er aber auch ihren - Pfeffer - abnehmen müssen!

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