Perlen und Prügel

Ein halbes Jahr nach seinem Doppelsieg saß der Salzherzog im Gartensaal seines Parkes in Ludwigsburg und trank die Schokolade mit der Gräfin Leutrum. Er hatte sie ihrem Eheherrn in Pforzheim entführt, weil er nicht leiden wollte, daß sie das Ebenmaß ihres Leibes an einen Krüppel verschenkte - und die Fränzel saß neben ihm und lauschte dem Galopp seiner Zunge, den ihr fürstlicher Anbeter wie kein anderer zu reiten verstand. 

Der Herzog hatte das Schwabenalter überschritten, ohne klug geworden zu sein. Nur die Wollust hatte sich gemäßigt. Da er es selber spürte, daß sein Blut nicht mehr siedete wie in den Jahren seiner Jugend, ließ er die Zunge das Herz vertreten, wobei sich die Frau nicht grämte, denn in solchen Dingen hatte sie ihr bückliger Gemahl nicht verwöhnt, weswegen auf die Liebe im Fleisch ein wenig Mehltau gefallen war. In diesem Punkte gedachte der Herzog die geliebte Schülerin zu belehren, und um den Boden zu bereiten für ein zärtliches Gespräch, legte er ihr ein kostbares Perlenhalsband um den Nacken und begann sich sehr zu bemühen. Die gute Fränzel sah das Geschenk lange an, aber nicht die Schülerin, sondern die Lehrmeisterin, die in ihr steckte, meldete sich zu Wort und wagte den Herzog zu fragen, ob er denn das Geschenk nicht zu teuer bezahlt habe! -

Karl, der vom Gewinn seines Salzgeschäftes viele Halsbänder hätte erwerben können, war bestürzt und sah sich vor einem neuen Hindernis. Aber die Fränzel half ihm, ohne es zu wissen, darüber hinweg, indem sie sagte: "Mon Cher, womit kann ich euch eine Freude erweisen, um eure Großmut auszustechen?"

Der Herzog antwortete ein wenig gewunden, daß er die Perlen nicht zählen werde, die er seiner lieben Fränzel noch schenken wolle - und er sei gewiß, daß sie ihrerseits die Skrupel ihres zarten Gewissens alsbald zu einem artigen Kollier vereinigt haben werde, das sie ihm getrost um den Hals hängen dürfe; er wolle es mit Freuden auf seinem Leibe tragen und ihretwegen gern ein Stündchen länger in der Hölle sieden!

Da war das Erschrecken bei der Leutrum. Ihr Gesichtchen wurde wechselnd rot und blaß, und ihr Auge heftete sich verlegen auf ein Bild mit einem nackenden Schäferpaar, das auf die goldbordierte Tür des Gartensaales gemalt war, und seufzend sagte sie: "Mon Dieu, ich habe nicht besorgt, daß mein Freund auch in den Dingen der Liebe ein Diplomat ist!"

*

Vor der Tür des Gartensaales hielt der Korporal von Stetten im grünen Rock der herzoglichen Jäger die Wache, und da die Fenster offenstanden, belehrte der Fürst, ohne es zu wissen, auch seinen Soldaten in der in der Kunst der Diplomatie. Am andern Tag trug die Belehrung ihre Früchte, als der Herzog bekannt geben mußte, daß die durchlauchtigste Gräfin eine preiswürdiges Perlenhalsband verloren hatte, das dem Finder, der es brächte, keinen geringen Lohn eintragen sollte.
Der Korporal, der die Wache gestanden hatte, wußte den Weg, den der Fürst mit seiner Geliebten am Nachmittag zum Schloß gegangen war, und auch den Ort vor dem Seinbild des Adonis, wo der Liebhaber auf den Lippen der Gräfin seine Perlen für Korallen eingetauscht und eine stattliche Potter von Küssen mit nach Hause gebracht hatte.

Dort, wo die Liebenden vor ihrem nackten Heiligen das erste Opfer der Liebe gebracht hatten, fand er die zerrissene Kette und ihre Perlen, zerstreut im Gebüsch. Der schöne Süßling lächelte von seinem Sockel herab, als verstünde sich das Opfer von selbst, samt den Tränen, die die Gräfin ihren verlorenen Perlen nachweinte. Pfeffer hob sie sorgsam auf und ließ sie einzeln in seine Tasche gleiten. Wenn er bedachte, wieviel holde Stündchen die Gräfin dem Herzog dafür schuldete, mocht er rot werden ! - Aber was eine rechte Gräfin ist, dachte Pfeffer, muß die Perlen nehmen, sonst ist's keine Gräfin! Und was ein rechter Pfeffer ist, der es mit dem Volke hält, muß die Perlen dem Herzog wieder ins Schloß tragen, sonst kauft er neue - und die Stettener müssen noch mehr Salz essen als die Zeit her! -

Also ging Pfeffer zum Herzog. Aber die Leibwache wollte ihn nicht einlassen. Der
Hauptmann auf der Wachstube, dem er vorgeführt wurde, ließ ihn barsch an:" Was willst du beim Fürsten? Schelme dürfen nicht vor den Herzog!"

"Ich bin der einzige unter vielen", sagte Pfeffer, "der ihm was bringt, statt zu holen!"
"Wenn du mich mausig machst", drohte der Hauptmann, "dann setzt er Prügel vom Herzog!"
"Wenn er mit mit Prügel dankt für das, was ich ihm zu bringen habe", sagte Pfeffer, "wohlan! Es ist sein Recht. Er ist der Herzog. Wenn er mir aber mit Goldgulden dankt -"

Da wurde der Hauptmann hellhörig, und da er von der verlorenen Kette wußte, und was sie dem Finder eintragen sollte, veränderte er den Ton und sagte Pfeffer: "Hast du vielleicht die Perlen gefunden?"

Statt einer Antwort griff Pfeffer in die Tasche und raschelte darin. Der Hauptmann zog die Brauen hoch und sagte: "Du wirst wohl wissen, was du deinem Hauptmann schuldig bist!" - und er meinte, Pfeffer müßte ihm die Perlen abtreten, daß er den Finderlohn selbst verdienen könnte!

Pfeffer verstand nicht gut auf diesem Ohr und sagte: "Was ich euch schulde, weiß ich gut! Es ist der RESPEKT, den Ihr wohl meint?!" Der Hauptmann kam außer sich vor Zorn und Unruhe und schrie: "Respekt hin, Respekt her! Du bist ein Tölpel und gibst mit die Kette als seinem Hauptmann, oder ich lasse dich nicht passieren!" - und er stellte sich breitbeinig vor ihm auf, wichste den Schnurrbart und funkelte ihn an. Doch Pfeffer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, deutete auf das herzogliche Ausschreiben, das an der Wand hing und besagte, daß der Finder der Perlenkette jederzeit freien Zugang zum Herzog haben sollte.
Das wußte der Hauptmann wohl, da es ihm aber um den hohen Lohn zu tun war und Pfeffer sich nicht einschüchtern lassen wollte, änderte er die Taktik, führte seine magere Löhnung, sein Weib und seine vielen Kinder ins Feld und bat seinen Korporal, ihm wenigstens die Hälfte seines Gewinstes abzulassen. Pfeffer wiegte den Kopf. "Da ich nicht weiß, wieviel mir der Herzog geben wird", sagte er, "könnte es mich vielleicht reuen, wenn ich euch die Hälfte meines Lohnes ablasse - und euch vielleicht auch! Wie wär's mit einem Drittel?" "Du bist ein schlechter Kamerad", antwortete der Hauptmann, "aber wenn du's nicht anders tust, will ich mit dem schäbigen Drittel zufrieden sein!" Sie schlugen sich in die Hand, Pfeffer erhielt seinen Schein und konnte passieren. 

Als er im Schloß über die große, marmorne Treppe stolzierte, trat ihm der Lakai des Herzogs entgegen und fragte ihn, was er im Schloß zu suchen habe. "Fürstlicher Lohn!" antwortete der Korporal. "Zwei Batzen und keinen Heller mehr!" lachte ihm der Lakai ins Gesicht. "Das ist die Löhnung, die einem Korporal gebührt! Die zahlt der Zahlmeister. Aber was will der Soldat beim Herzog?"
"Ich gedenke ihm so gut zu dienen wie Ihr!" antwortete ihm Pfeffer.
"Ei was!" lachte der Lakai, "dann mußt du aber deine Stiefel ausziehen und nicht dahertraben wie ein Roß!
Und wo hast du denn Manieren gelernt? Bei den Melkmägden deines Vaters im Kuhstall? Zeig doch deine Hände!"
Pfeffer wies ihm seine geschonten Spielmannsfinger - und der Lakai fing an zu fürchten, Pfeffer möchte sich im Ernst um Lakaiendienste bewerben und ihn beim Herzog verdrängen.
"Sprichst du französisch?" fragte er hönisch.
"So gut wie Ihr", antwortete ihm Pfeffer, "mit weniger als zehn Brocken kommt Ihr gewiß aus, wenn Ihr das übrige näselt!"
Darüber wurde der Lakai zornig und sagte: "Wenn du glaubst, dir mit Frechheiten den Weg zum Herzog zu ertrotzen, will ich dir den Weg verstellen! Die Schloßwache soll dich verhaften, du Lümmel!" - und er eilte die Treppe hinab, um sich mit dem Hauptmann zu besprechen. Der war nun gar nicht der Meinung, daß man den Soldaten hinauswerfen müsse, denn es hing ein ordentliches Stück Geld an seinem Rock, und er redete sich darauf hinaus, daß er ihm schon den Passierschein gegeben hätte. Als der Lakai drohte, das ganze Schloß
in Aufruhr zu bringen, wenn der Soldat nicht von der Stelle gejagt würde, ließ sich der Schnauzbart herbei, dem Bedienten zu verraten, daß er einen Goldguldenfisch
eingelassen habe, den man ordentlich schuppen könne, und entdeckte ihm sein Spiel. Der Lakai war nun auch der Meinung, daß man eine so gute Falle offen halten müsse und bedankte sich bei dem Hauptmann.
Bedächtig kam er zu Pfeffer zurück und sagte, daß ihm der Weg zum Herzog offenstünde, wenn er sich ihm gegenüber ebenso erkenntlich zeigen wolle wie dem Hauptmann.
"Ihr sollt nicht schlechter und nicht besser fahren", versprach ihm Pfeffer, "als Euer Hauptmann!"
"Das ist ein schönes Wort!", sagte der Lakai und ließ Pfeffer passieren.

Im Vorsaal stieß der Korporal auf den Hofmeister, der genau zu wissen verlangte, in welchen Geschäften der Soldat zum Herzog wollte. Pfeffer gab ihm zu verstehen, es handle sich um geheime Dinge, aber der Hofmeister verwies ihm eine solche Anmaßung und winkte mit dem Handschuh ab.

Indessen verstand der Lakai, der Pfeffer nachgefolgt war, um seine Beute gleich vor der Tür des Herzogs in Empfang zu nehmen, den Hofmeister in ein Gespräch zu locken, währenddessen Pfeffer vornehm auf die Seite trat und sich schneuzte. Nachdem sich die beiden besprochen hatten, winkte der Hofmeister mit  seinem Handschuh, rieb Deutfinger und Daumen an der Linken wie beim Geldzählen und sagte damit mehr als die
beiden andern mit ihrem Mundwerk - und der Weg zum Herzog war frei.
Karl, der sein Schläfchen gern unterbrach, geriet in die fröhliche Laune, als ihm der Korporal die wiedergefundenen Perlen überreichte, und erlaubte dem Soldaten, die Höhe seines Lohnes selbst zu bemessen. Pfeffer trat einen Schritt zurück und bat um fünfundsiebzig Streiche. Das hatte der Herzog nicht erwartet.
"Ich kenne dich Schelm!" sagte er lachend, "aber was steckt hinter dieser merveilleusen Bitte, die ich dir gerne erfüllen würde, wenn du die Streiche verdientest?"
"Gebt mir den Lohn, den ich verlange!" sagte Pfeffer, "zumal ich nicht mehr Herr über ihn bin und ihn schon an euren Lakaien auf der Treppe, an den Hauptmann auf der Wache und an euren Hofmeister vor der Tür zu je einem Drittel verteilt habe, sonst hätten sie mich nicht zu euch gelassen! Mir tun die Streiche nicht weh!"
Der Herzog schaute auf einmal düster. Er kannte seine Kreaturen! "Wenn du kein Schelm wärest, du verdientest, mein Diplomat zu werden!" gefiel er sich zu sagen. "Dank für die Gnade!" fiel ihm Pfeffer ins Wort, aber ich scheue den Galgen! Scheute ich ihn nicht, mit Freuden ginge ich in eure Schule!"
Der Herzog stutzte, dachte sich ein wenig bei dem, was Pfeffer sagte, und fragte mit einem mißtrauischen Blick: "Du stehst bisweilen Wache beim mir ?" Pfeffer nickte.
"Weißt du, daß es oberste Diplomatenpflicht ist, zu schweigen? Versteht er Mich?! Und hier ist ein Geschenk, hundert Gulden! Die Prügel, die er verteilt hat, kommen an ihre Leute!"

Vor der Tür des Kabinetts stand die Gräfin, die der Hofmeister herbeigerufen hatte, und fragte Pfeffer, was er beim Herzog zu tun gehabt, aber der Belohnte erinnerte sich seiner obersten Pflicht und gab ihr zur Antwort: "Halten zu Gnaden! Fragt Ihr jeden Diplomaten?"

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