Das Maienregelein im Goldenen Ochsen

Am andern Tag mußte der Hauptmann auf dem Schloßplatz ins Karree treten und bekam vom Stockmeister seine wohlverdienten Prügel aufgezählt. Fünfundzwanzig wohlbemessen, soviel er begehrt hatte! Den Hofmeister und dem Lakaien jagte der Herzog zum Teufel.

Damit der Subordination und dem Respekt der Soldaten vor ihren Hauptleuten keinen Abbruch geschehen sollte, wurde Pfeffer in ein anderes Regiment eingereiht. Zuvor erteilte ihm der Herzog für sein doppeltes Verdienst um das fürstliche Haus eine Freizeit von vier Wochen, die er verbringen durfte, wo er wollte - und Pfeffer schlüpfte in den schönsten Uniformrock und lief nach Stuttgart.

Im "Goldenen Ochsen" am Viehmarkt ließ er sich ein Nachtmahl um einen Gulden bereiten, schlemmte und zechte und bedauerte nur, daß die Gräfin nicht alle Tage ein Halsband zu verlieren hatte. Er schwelgte noch nicht lange, da setzte sich ein Kumpan zu ihm an den Tisch, ein Kerl, lang wie ein Wiesbaum, mit verpichter, fadenscheiniger Perücke, auf die schon lange kein Puder mehr gefallen war, nannte sich Kronenbitter und sagte, er sei ein Furierschütz bei einem jungen Feldscher. Kaum daß er sich gesetzt, erkor er Pfeffer zwangsweise zu seinem Wohltäter und Spendierer, und die beiden gerieten in ein Schnabulieren und Possenreißen, Juchheien und Bramabarsieren, worüber der durstige Furier das Trinken keineswegs vergaß, trommelten auf den Tisch und ritten auf den Stühlen kreuz und quer durch die Wirtsstube, tranken Duzbruderschaft und hatten sich immer noch eines zu erzählen, denn der Furier stammte aus Rommelshausen.

Mit den einheimischen Weinen, den hellroten Schillern und den bitzelnden Säuerlingen hatten sie angefangen, waren aber längst die Stufenleiter über den Rhein- und Moselwein emporgeklettert, tranken die Franzosen wie das helle Wasser und fanden nicht viel daran, nickten wohl ab und zu bei den schwarzdunklen Spaniolen, schmatzten beim Tokaier und meinten erst auf dem Berge zu sein, als ihnen der Cyper und der Wein vom Kap vor die Stirn stieß wie ein Heuwagen. Beim Cyper blieben sie, und der Furier, der viel vertrug, aber noch mehr renommierte, nannte ihn sein Maienregelein, sein Zungenbädlein, sein Stirnstößerle und sein Himmelbettchen.

Nachdem sie eine gute Weile auf dem Berge angehalten, merkten sie, daß es ganz von selbst wieder mit ihnen abwärts gehe, und beschlossen, ernsthaft zu reden.

Da wurde der Furier nachdenklich. "Mein Feldscher sagt", fing er an, "es wäre an der Zeit, daß ich heirate! Was meinst du dazu, Pfeffer?" "Heiraten", sagte Pfeffer besonnen, "rate ich nicht! Furierschütz sein, ist eine vermaledeite Profession! Bekömmt er nicht jeden Tag Schimpferei zu hören, weil er nicht genug herbringt ? Willst du auch noch Furierschütz bei deinem Weibe werden ? Eher schlüge ich dir beide Beine ab, als daß ich zusehe wie du heiratest!"
"Du bist grob und - offen, Bruderherz!" entgegnete
der Furier, "aber zu was rätst du mir sonst? Soll ich auf Ewigkeit vertrauern und versauern?"
"Ich gebe dir einen christlichen Rat!" antwortete ihm Pfeffer, "du mußt - eine Liebschaft haben!"
"Ist das nicht das nämliche?" fragte der Furier erstaunt.
"Es ist ein klein wenig was anderes!" belehrte ihn Pfeffer "Und das wäre?" fragte der Furier.
"Es ist so!" holte Pfeffer aus, "furagierst du eine 
Ledige, so dankt sie dir's, weil sie nicht weiß, ob sie wieder einen so tüchtigen Furier kriegt wie dich!"
"Ich bin ein guter Furier", sagte Kronenbitter, "der Feldscher sagt's jeden Tag ..."
"Ich meine es ein wenig anders als dein Feldscher", sagte Pfeffer schalkhaft, "aber du wirst mich verstehen!"
"Wie soll ich's" fragte Kronenbitter.
"Versteh! Du furagierst dein Mädchen einfach mit
- der Liebe und fährst jeden Tag einmal mit deinem Wägelein bei ihr vor!"
"Hoppla!", rief der Furier.
"Nimm ein Zungenbädlein, Kronenbitter!", fuhr Pfeffer fort, "und merke, ein Soldat muß eine Liebschaft haben! Zum ersten, weil er ein Soldat ist! Zum zweiten, weil der Soldat eine Liebschaft braucht, und zum dritten, weil er gerne renommiert! Das ist Anfang und Ende aller Weisheit!"

"Ich will's mit meinem Feldscher bereden!" meinte Kronenbitter darauf und nahm ein Zungenbädlein. 
Pfeffer sah ein, daß er nicht weiter kam mit ihm und versetzte sich desgleichen ein Stirnstößerle. Danach ließen sie beide zusammen ein Maienregelein über sich ergehen und hatten endlich List, nachdem sie voll des süßen Cypers waren, jeder für sich ins Himmelbettchen zu fallen - und sanken sich zum Abschied gerührt um den Hals.
Unter der Laterne vor dem Wirtshaus fragte Pfeffer den wankenden Kumpanen: "Wie heißt er denn, dein Feldscher, von dem du soviel erzählst ?"
"Schiller!" lallte der Furier.
"Hält nicht den Vergleich mit dem Cyper!" meinte Pfeffer und war noch beim Wein.
"Und wie sieht er aus?"
Der Furier gab sich einen Ruck und sagte: "Rote Haare hat er wie du! - Dichtet und schnupft!"
"Dann hat er wohl einen argen Geschmack an sich?" riet Pfeffer.
Da riß sich der Furierschütz mit Gewalt zusammen und gab zur Antwort:" Wie Feuersbrunst!"

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