Der Hundertguldentraum

Als Pfeffer am anderen Morgen in seiner Herberge erwachte, merkte er, daß er einen Heiligenschein um dem Kopf hatte und wunderte sich, daß er die Sonne doppelt im Fenster sah. Weil es ihm im Giebel so sehr spukte, daß er kaum über die Nase sehen konnte, schlich er sich in den Hof an den Brunnen, um das Hirnfeuer mit Wasser zu löschen und meinte gar, zu hören, daß es zischte. Da fiel ihm seine Mutter ein, es quälte ihn auch, daß er dem Fourier so schlechte Ratschläge gegeben hatte - und er kroch wieder in sein Bett und gelobte sich zu bessern. Er fiel in einen zweiten Schlaf und träumte, er sei der Herzog von Württemberg, wohnte im alten Schloß zu Stetten und läge den halben Tag m Luderbett.

Des Morgens ließ er sich von Dorle, die seine Aufwärterin war und in seidenen Kleidern daherrauschte, die Schokolade ans Bett bringen und unterhielt sich
mit ihr übers Wetter. Hernach besprach er sich mit seinen Dienern, unter denen der Schulmeister, den er ein wenig hunzte, der geringste war, ob man zur Jagd reiten oder ein Wasserfest auf dem See geben wollte, um den Stettenern zu zeigen, was man vermöge, wenn man Herzog geworden!

Er beschloß die Jagd, ließ den Jägern blasen und schritt mit seinem Vater, der sein Kastenverwalter geworden war und unter einer schneeweißen Perücke neben ihm daherstöckelte, durch die Reihen seiner Lakaien, und sie nahmen alle den Hut vor ihm ab, aber vor seinem Vater verbeugten sie sich tief. Jetzo ging es auf den Pferden querfeldein, und die Stettener, die auf den Äckern waren, traten an den Weg, standen mit krummen Rücken auf ihren Karst gebückt und bezeugten ihm den Respekt.
Ricke, seine Mutter, fuhr ihm in der Chaise nach und ließ bisweilen durch einen reitenden Jäger fragen, ob ihr Herr Sohn noch keinen Imbiß begehre! Er spürte aber weder Hunger noch Durst, weil er am Tage zuvor gepraßt hatte und ließ ihr sagen, sie möge an ihren eigenen Magen denken, den Herzog lüstete nur auf ein wenig Wildbraten, wenn er am Abend heimkehrte.

Und im Sturme ging es weiter! Auf dem Kernen schoß er ein halbhundert Rehböcke und Sauen, und als es nachtete, wurde er mit Fackeln ins Schloß gebracht. Dort nahm er ein Bad, ein kühles, erfrischendes, schnatterte
und fluderte wie eine Gans und wollte sich eben vom Schulmeister, der ihn bedienen mußte, in weiche Tücher einhüllen lassen, da erwachte er und sein Gesicht troff vor Wasser. Kronenbitter, der Furier, stand in seiner Stube und drückte einen  vollen Schwamm über seinem Gesichte aus, um ihn zu wecken.
"Schade", sagte Pfeffer und wünschte ihm einen guten Morgen, "hättest du mich schlafen lassen, dann wäre ich Herzog geblieben und hätte dir eine reiche Braut besorgen können!"
"s' ist wirklich schade", meinte Kronenbitter dazu, aber wenn du mir zwanzig Goldgulden borgst, will ich mir eine neue Perücke machen lassen, und dann
getraue ich mir selber eine zu finden! So reich braucht sie ja nicht zu sein!"

Pfeffer gab ihm die Gulden und ließ sich von ihm einen Schuldschein schreiben.
Dann gingen sie im "Graben" spazieren, mischten sich unter die vornehmen Leute und lüpften den Hut voreinander wenn sie sich anredeten. Je länger sie
gingen, desto mehr wurde Pfeffer der Meinung, daß er ausgeholfen hatte, und es lüstete ihn heimzugehen nach Steten, um sich dort in seiner Freizeit ein wenig umzuschauen.

Es reimte sich zwar schlecht zusammen mit dem, was er zu dem Furier am Abend gesagt hatte, aber einer, der Geld hat, kann sich erlauben, auch einmal anders zu handeln, als er gewohnt ist - und warum sollte es Pfeffer nicht ?
Galt's nicht auch, seiner Mutter einen Wunsch zu erfüllen? Also gab er dem Fourier den Laufpaß, der sogleich zum besten Perückenmacher lief, und wanderte nach Fellbach, einem Ort nahe bei Stetten, so benannt, weil die Gerber ihre Felle in dem dortigen Bach schwenkten, wobei ihnen oft einige davonschwammen.

-o-

< zurück
weiter >