Die Mädchen von Fellbach

Dort kannte er zwei gutartige Töchter verschiedener Eltern, die trugen lange Zöpfe, waren sehr ehrbar und hatten Lust zu heiraten. Ricke, seine Mutter, hatte sie ihm oft bedeutet und gewünscht, er möge sie im Auge behalten.

Die erste, die Christel hieß, war ein schäffiges Ding und sparsam, eine echte Schwabentochter ohne Flausen und Launen, waren kinderlieb und treu, wohnte bei ihrer Mutter und betrieb mit ihr die Bäckerei ganz allein, seit ihr Vater, der Bäck, gestorben war. Sie wohnten gleich bei den ersten Häusern des Fleckens, wenn man von Cannstatt kommt, hatten alles in guter Ordnung und lebten still vor sich. Man kam ihnen nie zu unrechter Zeit, außer am Samstag, wenn sie klopften und putzten; da wollten sie nicht gestört sein, denn das Putzen und Scheuern ist bei den Schwäbinnen eine fast heilige Handlung, die gleich nach dem Kirchgang und dem Stundenlaufen kommt.

Allein Pfeffer war so außer der Zeit, daß er nicht wußte, daß wieder eine Woche zu Ende war und sich sehr verwunderte, als er es gleich bei der ersten schlecht antraf. Er sah das Häuschen schon von der Ferne, wischte sich den Eschweiß vom Gesicht, denn man sollte ihm die Eile nicht ansehen, die ihn hergetrieben hatte, dann durchschritt er das Gärtchen und klopfte bescheiden.

Aber da rührte sich nichts, und als er das Ohr an die Tür legte, hörte er nur, daß jemand auf der Treppe fegte und zufrieden vor sich hinsummte. Es war gewiß die Christel ! Er klopfte zum zweiten, da hörte das Summen und das Fegen auf. Nach einer Weile beselte es dicht vor der Tür, da wagte er es zum drittenmal zu klopfen, und die Christel, die hinter der Tür stand, rief:
"Wer will uns was um Feierabendzeit?"
Pfeffer antwortete: "Macht nur auf, Jungfer Christel! Ich bin's. Meine Mutter schickt mich!"
Das Mädchen hob den Riegel, wagte einen Spalt aufzutun und lugte heraus, den Kopf eingebunden wie eine Nonn',mit unfrohem Gesicht und Scheuerdreck darauf, und als sie den Korporal sah, schrak so zusammen wie die Kindsbetterin vor dem bösen Blick, schlug die Tür sogleich wieder zu und rief der Mutter, die unweit in der Küche stand:
"Mütterle, der siedig' Teufel steht draußen und sagt, seine Mutter schickt ihn aus der Höll!"
Darüber fingen die törichten Weiber so jämmerlich zu schreien und zu schrillen an, daß Pfeffer der Teufelei schleunig ein Ende bereitete, behutsam beiseite schlich und Heirat und Bäckerei verlorengab.

*

Am anderen Ende des Fleckens wohnte Sabine, ein Mädchen von der stillen und sanften Art, eines Gärtners Tochter. Er traf sie mit ihrem Vater vor dem Törchen ihres Gartens, und da die beiden eben in die Betstunde gingen, luden sie Pfeffer ein, mitzuhalten.
Der Sabine machte es Freude, sich mit einem so schmucken Soldaten dort zu zeigen, und der Gärtner, ihren Vater, der ein großer Pietistenmacher war, focht es an, den jungen Sünder zeitig zu bekehren.
Also ging Pfeffer mit ihnen in die Betstunde, die in ihrem Bauernhause abgehalten wurde, wo die männlichen und die weiblichen Pietisten streng getrennt während der Andacht den Worten ihrer Vorbeter und Prediger lauschten., die nichts besseres waren als Bauern wie sie selbst, aber weiter fortgeschritten im Glauben und im geistlichen Verstande. Die saßen zu dreien vor einem Tischlein an der Wand, hatten die Bibel vor sich liegen und eine mächtige Schnupfdose, die sie während der Andacht emsig hin- und herschickten, und da sie abwechselnd predigten und die Schrift auslegten, lag es nahe, daß sie dabei tüchtig priesten, niesten und sich schneuzten!
Daß man solchermaßen die Würze der Weisheit durch die Nase ziehen und dann wiederum als linden Tau auf die Köpfe der Andächtigen regnen lassen konnte, hatte Pfeffer noch nirgends gesehen!
Was sie überdies von sich gaben, war weit weniger gewürzt, aber gut gemeint und im Ton der betrüblichen Klage vorgebracht.

Als einer von den drei Weisen, den sie Vater Kachel nannten, und der am weitesten fortgeschritten war im Geiste, vom täglichen Sündensturz des Menschen auf seine Art in Bildern zu reden begann und sagte:

"So einer vom ersten Stock seines Hauses auf die Erde fällt, tut's ihm weh,
so er aber vom zweiten abkömmt, - ist er he (hin)"

und den gefährlichen Sturz mit einem nassen Donnerwetter aus seiner Nase begleitete, lachte Pfeffer frei heraus, denn er meinte, er müßte ihm Beifall geben - da blickten sie ihn böse an, rückten eilig von ihm ab, als ginge Teufelsgestank von ihm aus, und Pfeffer tat gut, durch die Tür zu entwischen und beklagte nur, daß ihm die Sabine nicht folgte, die er nun verloren geben mußte wie die Bäckerstochter.

*

"So steht es um die ehrbaren Töchter!" sagte Pfeffer zu sich selbst im Weitergehen, "die eine hat Putztag und hält dich für den Teufel! - und die andre will einen Betbruder aus dir machen, ehe sie dich angeschaut hat! Da halte einer Hochzeit!"

Während er so klagte und sich über den Weltlauf erbitterte, kam ihm der Furier in den Sinn, und er fuhr fort: "Armer Kronenbitter! Zu was allem wirst du dich verdingen müssen, bis du dich mit einem Röschen oder Gretlein unter ein Laken schmiegst! Hast wohl zum letzten mal Cyper getrunken! Und deine neue Perücke, die dich ins Unglück reißt, wird dir noch viel Grindbeißen und Kopfkratzen einbringen! Bist sie ohnehin einem anderen schuldig!" Zumal fing er an sich darüber zu freuen, daß sich das Brautwerben so widerhaarig angelassen hatte und er so billig davongekommen war, schrie er laut "Bin ich nicht frei und ledig?", und niemand bestritt es ihm, tat einen Luftsprung und rannte wie ein Füllen auf Stetten, immerfort hinter sich schauend, ob nicht was nachkäme!

Am anderen Tag wanderten seine Goldgulden in die Sägemühle, bei der Jakob Ulrich in Schuld geraten war, und machten dort zwei Bretter bezahlt, die schon lange unter der Erde faulten.

Pfeffer-Vater segnete seinen Sohn und Ricke dankte es ihm mit Tränen. Nur einer war, der lachte, Vetter Melchior, der Fiedler, froh, daß er wieder seinen Kumpanen hatte.

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