Ein Schuldschein tut Wunder

Auf der Staatsstraße, die von Schloß Solitude nach Ludwigsburg führt, steht der Grenadier von Stetten neben dem einstigen Furier Kronenbitter, der geheiratet hat und in Ludwigsburg eine Realienhandlung betreibt, und beide grüßen, mit der Hand am Hute, ihren Herzog, der im Totenwagen an ihnen vorüberfährt und nimmer winken will!

Sieben Jahre sind ins Land gegangen. "Bitter!", spricht Pfeffer seinen Kumpanen an, und er läßt die Krone weg von seinem Namen, weil er sie an sein Weib verloren hat (wo doch Gesellin die Krone des Mannes genannt wird!) - "Bitter!" sagt er, "er war so schlecht nicht, wie ihn die Welt nannte, dieser Herzog! Ein bißchen ja, es ist war! Verschwenderisch, man kann's nicht leugnen! Nicht immer klug! Aber wer von uns hätte keine törichten Stunden! Von der Wollust hat er abgelassen, als sie ihn nicht mehr geplagt hat! Das Soldatenwesen hat ihn geekelt, als es ihm keine Lorbeeren gebracht und die Schulmeisterei hat er aufgegeben, als er gemerkt, daß an dem Pack nichts zu bessern ist!
Summa: Erhätte am liebsten auch einen Realienhandel betrieben wie du, nachdem er sich die Hörner als Herzog abgestoßen! Friede seinem Gebein! - Wie ist's nun, wollen wir deiner Karolina noch ein Stündchen ins Haus fallen und die Beleuchtung nutzen, die uns der tote Herzog mit seinen Fackeln in der Stadt macht?" Kronenbitter nickte, es sah aber mehr nach Kopfschütteln aus, und Pfeffer wußte genau, woran er war!
"Einen Cyper wird's nicht mehr leiden wie einst", sagte er, nahm seinen Freund am Rockärmel und schlug ihm einen Besuch in der "Goldenen Gans" vor. Als es gewiß war, daß Pfeffer zahlte, kam der Realienhändler ganz wie von selbst ins Laufen wie ein Wägelein, dem der Bremsklotz genommen wird, und die Posaunen, die den Herzog in die Gruft geleiteten, bliesen auch seinen Unmut ins Grab.

*

In der "Goldenen Gans" saßen die Ludwigsburger und beklagten ihren toten Herzog. Die Klage hatte aber einen begreiflichen Grund. Karls Bruder, der neue Herzog, nahm Wohnung im Schloß zu Stuttgart, und die Ludwigsburger, die vom Hofe leben, kamen um ihr Geschäft. Kronenbitters Lädlein hatte unter dem Wandel nicht zu leiden. Warum sollte er also nicht lustig sein? Auch Pfeffer hatte keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, und ließ den Wirt ein Geschäft machen. Sie begannen mit einem Säuerling vom Zabergäu, erhoben sich alsbald zu einem Kriegsberger, der ihnen besser mundete, gingen einen Schritt weiter und fanden, daß der Uhlbacher bekömmlicher sei, nahmen einen Anlauf zum Schnaiter, hüpften - über zum Fleiner und verstiegen sich zuletzt zu einem Brüssele und meinten, daß sie eine ziemliche Anhöhe erstiegen hätten!

"Wer nichts anderes kennt", sagte Pfeffer vergleichsweise, "muß glauben, daß der Asperg der höchste Buckel der Welt ist! Und ganz gewiß ist man droben den Sternen ein wenig näher als drunten im Möglingen!" - Beim Brüssele blieben sie, und Kronenbitter, der noch mehr vertrug als in früheren Jahren, nannte ihn sein Nierenkitzler, sein Schweißhemdlein, seine Leidensfrist und seinen Bittertrost!
Als Mitternacht vorüber war, beschlossen sie ernsthaft zu reden, und Bitter sagte: "Der Warenhandel macht einen Menschen auch nicht selig! Ich wollte ich wäre bei meinem Feldscher geblieben! Aber da er sich aufs Komödienschreiben verlegt hat und außer Landes gelaufen ist, war ich ohne Rat - und nahm ein Weib!"
"Man gewöhnt sich an alles, auch ans Hängen!" tröstete ihn Pfeffer, "wie ist mir's ergangen? Hab' immer viel aufs Einheimische gegeben und gemeint, es müßte sich eine finden im Land, die zu mir paßt! Davon bin ich abgekommen und schlage jetzo einen größeren Bogen- "
"In die Markgrafenschaft nüber zu den Gelbfüßlern?" fragte Kronenbitter.l Pfeffer schüttelte den Kopf. "Am End ins Katholische hinüber?"

Pfeffer schwieg.
"Soll's eine Französin sein, eine Schwizerin oder eine aus dem Schnakenloch?" -
Während Kronenbitter noch fragte und Pfeffer wartete, bis er das Rechte traf, ging hinter ihnen die Tür auf und herein trat ein Weib mit einer brennenden Laterne, die sah drein, als ob sie in der "Goldenen Gans" ihren Mann suchte!
Pfeffer schaute sich nach ihr um und erschrak, indessen war Kronenbitter über den Tisch gesprungen, hatte ein Fenster aufgerissen und wollte die Flucht ergreifen, aber das Weib, das Schultern hatte wie ein Korporal und einen schwärzlichen Bart auf der oberen Lippe, setzte ihr Licht auf einen Stuhl und herrschte ihn an: "Willst du da hinausgehen, wo du hereingekommen bist, Saufaus, Brandgurgel, elender Wicht?" Nun wußte Pfeffer, wer sie war!
Schneller, als Kronenbitter fliehen konnte, war sie am Fenster, fuhr ihm an den Kopf und riß ihm die Perücke herunter. Da saß er rittlings auf dem Gesims, aller Zierde beraubt, angelte nach seiner Perücke und getraute sich weder hinaus noch herein - bis sich der Wirt und Pfeffer für ihn ins Zeug legten.

Die Bitterböse fing an zu keifen und zu schreien, und als sie ihr nach der Perücke griffen, schwang sie ihre Laterne, kehrte die Luft nach rechts und links mit der Funzel, riß den Wirt am Schnurrbart nieder und sah
drein, als könnte sie einer ganzen Kompanie widerstehen.
Wie oft war Pfeffer in großer Not gewesen und hatte einen Ausweg gefunden! Warum sollte er diesmal nichts vermögen, wo er doch ein Papierlein in der Tasche barg, ein wundertätiges, von Kronenbitters eigener Hand beschrieben, sieben Jahre alt, aber noch immer mächtig, einen Schuldschein über etliche Gulden, die er seinem Freund für den Kauf einer Perücke geborgt hatte ? Er bedung sich ein Gespräch unter Zeugen mit ihr aus und gab ihr den Schein zu lesen. "Wie steht es nun, Couragenärrin, Frau Hautsdrein, Madame Keulenschlag", höhnte sie Pfeffer, "hat sie vor dem Blättlein mehr Respekt als vor ihrem Mann? Und weiß sie, daß eine Perücke dem gehört, von dessen Geld sie ist, also mir ?! Wollt Ihr sie mir gutwillig geben oder soll ich die Scharwacht rufen?"

Die Männliche war vor dem Blättlein so erschrocken, daß ihr die Rede auf dem Mund eintrocknete, gab die
Perücke ihrem Eigentümer, der sie großmütig an seinen Freund verlieh, hielt sich wegen der unbezahlten Schuld dem Herrn Korporal untertänigst empfohlen und ward von ihm samt ihrer Laterne aufs höflichste hinauskomplimentiert. - 

"Wie recht hast du nur", sagte Kronenbitter ingrimmig, als sie wieder beieinander saßen und der Ruhe genossen, "es ist kein Leben mit den Einheimischen! -
Laß uns noch eine Bouteille Bittertrost zusammen trinken - und heb das Blättlein fein auf, Pfeffer!"

-o-

< zurück
weiter >