Das Merketenderwägelein

Der neue Herzog in Württemberg konnte nicht hindern, daß sich seine Nachbarn überm Rhein rote Mützen aufsetzten und ihren König köpften, daß sie aber ihre Mützen auch an die Deutschen verkaufen wollten, ging ihm nicht in den Sinn, und er verband sich mit dem Kaiser in Wien, um ihren Lumpengeneral, der bei Straßburg über den Rhein schoß, einen Denkzettel zu geben. Im unteren Renchtal, wo sich der Schwarzwald bei Appenweier gegen den Rhein öffnet, marschierte das württembergische Fußvolk durch Nacht und Regen, schlecht verpflegt, dazu von Hannickels Räuberbanden schimpflich überfallen und um einen Teil des Proviantes beraubt - und drang nur Mühsam vorwärts.

Zuletzt kam der Vormarsch ganz ins Stehen und niemand wußte, was geschehen war. Die Württemberger schimpften, taten sich zu kleinen Haufen zusammen, brannten Kohlenfeuer auf der Straße an und brieten darauf ihre Würstlein, die sie vorsorgenderweise in großer Zahl aus der Heimat mitgebracht hatten. Bald wurde die Laune besser, ja vergnügt, sie wünschten sich zu ihren Würsten weiter nichts als ein saures Bier und meinten, wenn sich ein solches noch auftreiben lasse, unterscheide dich der Krieg in nichts von einem verregneten Holztag, wie sie solchen als Bauernsöhne, die der Herzog zu Soldaten gemacht hatte, von zu Hause gewohnt waren!

Der Korporal von Stetten, der mit seinen Späßen viel dazu beitrug, daß sich der Krieg genießen ließ, drehte seine Hauswurst kundig auf der Gabel und meinte:
"Wenn es so weiterregnet, gewinnt der Hannickel den Krieg, ehe man einen Franzosen zu Gesicht kriegt, und der Herzog muß ihn zum ersten Minister machen!" Damit wären viele von ihnen einverstanden gewesen, aber der Hauptmann, der dabei stand, ärgerte sich über Pfeffers Bosheit und schlug ihm zur Strafe die Wurst aus der Hand. 

"Wenn die Hauptleute so gut vorsalzen", versetzte ihm darauf der Korporal, und hob die Gebratene wieder auf, "kann man des - Pfeffers - ja entbehren!", biß in seine Wurst und ging beiseite. Solches war man von ihm gewohnt und ließ es ihm durch

Der Korporal setzte nun den Vormarsch auf eigene Faust fort, kam an gar vielen Wurstbratereien vorbei, und wollte wissen, was den Krieg aufhalte. Als er ein halbes Stündchen gegangen war, stieß er auf ein Marketenderwägelein, das hinter der Vorhut zurückgeblieben, mitten auf der Straße hielt, und weil es zum Stillstand gekommen war, auch die Nachzügler zu rasten gezwungen hatte. 
Pfeffer beschlich das Gefährt; der Schimmel, der den Wagen zog, war eingeschlafen und gleich ihm die Marketenderin, die auf dem Kutschierbock saß und Leitseil und Peitsche noch in der Hand hielt, als ginge es ebenweg immer gradaus!

Ein leichtes Spiel hätte der Hannickel, dachte Pfeffer, wenn der Spitzbube wüßte, was ich weiß! - stieg leise auf den Kutschierbock und leuchtete mit der Wagenlaterne über die Schläferin. Potz Dunder! Das war ja die Mirzl von Bayrisch-Zell, um die das große Geriß war bei den jungen Fähnrichen und Leutnants! Pfeffer hatte sie schon lange in sein Herz geschlossen, denn sie war resch und lustig, flink und gescheit, machte Späße wie ein Mannsbild und war doch wie ein unberührtes Kind. Wenn sie zum Hackbrett ihre Gstanzeln sang und ihre große Guckaugen hin und wieder drehte, brachte sie ein ganzes Regiment in die Hitz. So eine war nach seinem Geschmack!
Nicht alle Leute sehen schön aus, wenn sie schlafen, aber die Mirzl glich in ihrem Schlaf einem Engel; ihr Odem machte ein Gesäusel wie ein Bienlein, das hin- und hersummt, und das Göschlein stand ihr dabei halb offen, als hörte sie im Traum die Kuhglocken auf den Bergen über Bayrisch-Zell. 
Pfeffer brachte es nicht über sich, sie zu wecken, nahm ihr Leitseil und Peitsche aus der Hand und rief "Schimmel, hü!" 
Langsam kam der Wagen ins Rollen und die Mirzl träumte schön weiter und merkte nichts, auch dann nicht, als ihr Pfeffer einen sanften Schmatz auf ihr Göscherl drückte. Beim zwoten rührte sie sich ein wenig, hielt den Atem an, und erst als er ihr den dritten versetzte, hob sie ihre langen schwarzen Wimpern, wischte sich über den Mund und sagte:
"Geh, Scheck, was schleckst mi denn aa!"
Pfeffer mußte lachen, daß sie ihn für ein Rindvieh hielt, und darüber wachte die Mirzl auf. Schnell bei der Sache, nahm sie ihm Leitseil und Peitsche aus der Hand und kutschierte schweigend neben ihn hin, eifrig gähnend.
Nach einer Weile fiel es ihr ein zu fragen, wie er zu ihr auf den Bock gekommen sei! Pfeffer antwortete, daß sie mit ihrem Wägelein beinahe den ganzen Krieg aufgehalten habe, weil sie samt ihrem Schimmel eingeschlafen sei! Das wollte ihr gar nicht gefallen, und sie peitschte auf das Tier los und ließ es laufen, als müßte sie die Versäumnis doppelt einholen.
"Hast Hunger, Soldat?" fragte sie ihn beiläufig und warf ihm einen warmen Blick aus ihren Guckaugen zu. Pfeffer schwieg, Hunger und Durst waren ihm vergangen, seit er neben der Mirzl auf dem Kutschierbock saß. "Bald i mit net täusch", argwöhnte sie, "hast du dir sei Sach' sch gholt!", denn sie spürte, daß ihr jemand an ihr Göscherl geraten war. Pfeffer mußte es zugeben, gestand ihr aber, daß er noch mehr Verlangen habe!
Das gefiel ihr wohl, auf ein paar Busserln zum Danke kam es ihr nicht an.

Und Pfeffer holte sich, was er wollte, derweilen der Schimmel Sprünge machte, als gälte es, noch in der Nacht nach Paris zu kommen. Bald hatten sie die Vorhut eingeholt und Pfeffer mußte daran denken, sich wieder in Reih und Glied bei seinen Kameraden einzustellen, sagte ihr's, aber sie hatte sich an seine Gegenwart und seine Busserln schon so gewöhnt, daß sie ihn schimpfte und sagte: "Geh, sei net fad!"
Daß er fade sei, durfte dem Pfeffer mit gutem Gewissen niemand nachsagen, auch eine Mirzl nicht, und er erwiderte ihr, er wolle es ihr beweisen, daß er nicht fade sei, und in der nächsten Nacht wiederkommen! 

Das hörte sie nicht ungern, bat wich aber aus, daß er sie nicht auf dem Bock, sondern unter der Blahe im Wagen besuchen solle, weil sie morgigen Tages Schlafzeit habe wie zur Stunde die Mutter, die hinter ihr im Wagen lag und schnarchte. -

Ehe sie halten ließ, griff sie hinter sich in einen Sack, zog eine Leberwurst heraus, eine lange, gerauchte, und empfahl Pfeffer, sich tüchtig zu stärken, bis sie sich wieder sehen sollten!

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