Das Wurstmesser

Am folgenden Tag befahl der Hauptmann seinem Burschen, den Schimpf aus der Welt zu schaffen und den künstlichen Rappen tüchtig zu waschen und zu striegeln. Dem Leibwächter gelang es aber nicht völlig, die Schmiersalbe vom Fell des Schimmels herunterzubürsten, und seinem Herrn blieb zuletzt ein elender Schecken in der Hand, der ihn mehr ärgerte als der Schimmel zuvor.
Derweil sie sich gemeinsam bemühten, das Pferd für den Ausritt herzurichten, der Hauptmann schimpfend und fluchend, und der Bursche bürstend und schwitzend, trat Mirzls Mutter, die Marketenderin, in das Zelt und klagte, ein Soldat sei zur Nachtzeit in ihren Wagen gekrochen, habe sich's recht behaglich darin gemacht und nach den Wurstzipfeln zu schließen, die er darin verstreut, ein reichlich Mahl gehalten, das ihr vom Regiment vergolten werden müsse.
Der Hauptmann hatte gute Lust, das Weib hinauszuschimpfen, da er sich aber erinnerte, daß er der Dame einstmals nahegestanden, als sie noch jung und schön war und zu Nutzen ihres Geschäftes ein sündiges Handwerk betrieb, bezähmte er sich und hieß sie Beweis erbringen für ihre Klage. Den Beweis führte die Dame bei sich und wies ihm ein wurstfettiges Messer vor einen Stecker von einem halben Zoll, wie ihn die Soldaten in ihren Stiefelschächten tragen - und sagte, das Beweisstück hätte sich auf dem Strohsack gefunden bei den Wurstzipfeln.

Der Hauptmann besah sich das Messer, in dessen Heft ein Name eingeritzt war, und pries die Göttin des Zufalls, der Kriegsleute launenreiche Göttin die ihn den diebischen Schelmen so leicht in die Hand spielte, schwur Mord und Rache, Schande und Galgen seinem Besitzer und schickte seinen Leibburschen nach Pfeffer, dem Rossetäuscher. 
Unschuldiger kann keine fromme Seele vor ihren Himmelsrichter treten als Pfeffer vor seinen Hauptmann! Was nützt es dem Wolf, wenn er meinte, sich an der Angst seines Opfers weiden zu können! Pfeffer hielt seinem blutlechzenden Wolfsblick stand.

Überdies stürzte sich das Marketenderweib sogleich auf ihn, bezichtigte ihn des Wurstfressens in ihrer gemeinen Sprache, wie des Einstiegs in ihren Karren, was Pfeffer ohne zu widersprechen hinnahm. Endlich kam der Hauptmann zu Wort, hielt ihm das Messer mit dem Namen unter die Augen und fragte: "Wem ist das Messer?"
"Gebt's nur gleich", antwortete Pfeffer, "es ist mein!"
"Und die Wurst, die du damit geschnitten hast, war sie auch dein?"

"Wurst und Messer gehören zusammen", antwortete Pfeffer, "wie Männlein und Weiblein!"
"Wie Pfeffer und Galgen!" trumpfte der Hauptmann und lachte schrecklich.
"Es ist noch keiner gehängt worden", entgegnete Pfeffer und trat ihm einen Schritt näher, "dem die Wurst in den Mund gefallen ist!" "Spitzfindiger Schelm", schrie der Hauptmann und wich zurück, "ehe du hängst, bekennst du die Wahrheit!"
"Sie hängt Euch überm Mund", sagte Pfeffer, "aber Ihr wollt nicht zuschnappen! Sagt, habt Ihr etwa nie in solch einem Wägelein gelegen", fuhr er fort, wiewohl er nicht wußte, daß der Hauptmann an die Krämerin eine Erinnerung hatte, "und so ein Würstlein aus der Hand eurer Dame geschnappt und seid euch doch als ehrlicher Mann vorgekommen?"
"Bist du des Teufels!" rief der Hauptmann, aber die Krämerin, die sich betroffen fühlte, weil er unwissend die Wahrheit sagte, wurde rot bis unter die Haarwurzel und schrie:
"Unverschämter, was weißt du?"
Pfeffer versah sich seines Vorteils, den sie ihm auf ihren Gesichtern präsentierten, und scherzte: "Was am zaundürren Holze geschieht, darf es nicht auch am saftgrünen geschehen? Was einem Hauptmann recht, ist's nicht einem Korporal billig? Den Scherz in Ehren! Ich wollte euch nicht zu nahe treten, Frau Marketender!"
Das Weib bedeckte ihr Gesicht, und beide hatten sie ihre Schmach, die nicht zu verdecken war, dieweil ihre Köpfe röter prangten als Hansbeeren im August und
sich selber verklagten! -
Da jagte der Hauptmann Pfeffer hinaus. Als die beiden Trauten alleine unter sich waren, sagten sie sich mit etlicher Vernunft, daß sie mit dem Korporal geziemender verfahren müßten, nachdem er sich als eine Eidamshoffnung für ihre natürliche Tochter erwiesen hatte, die zwar gerne äugelte, aber ungern anbiß; eines Tages aber mußte sie unter die Haube kommen, und Pfeffer, der ein kleines Erbe zu erwarten hatte, schien ihnen nicht der schlechteste unter ihren Bewerbern!

-o-

< zurück
weiter >