Der Hauptmann von Iptingen

Der Mond leuchtete so voll und schön aus dem Franzosenland herüber, und die Pappeln rauschten am Rhein und neigten ihre Häupter zusammen, als hätten sie ein Gespräch der Liebe miteinander - da schwoll auch Pfeffer das Herz vor Sehnsucht, daß er sich von seinem Lager erhob, seine Kameraden verließ und dem Weg zum Marketenderwägelein einschlug. Die Liebe trieb ihn und das Gewissen.

Wenn auch die Liebe das Stärkere war von den beiden, das Gewissen ließ ihm keine Ruhe, weil er ein Geheimnis preisgegeben hatte, um seinen Kopf zu retten.

Als er sich dem Wägelein näherte, gewahrte er ein Licht hinter der Blahe, schlich sich behutsam herzu, klopfte seine Pfeife auf dem Reifen seines Rades aus und sagte vernehmlich:
"Der Korporal von Stetten ist da!"
Darauf erhob sich ein Gesumse in dem Wagen, als säßen ihrer mehrere darin und hätten ein Geheimnis miteinander. Pfeffer erwog, ob er nicht wieder gehen sollte.

Wenn die Marketenderin für ihresgleichen eine Gesellschaft gab, was hatte er dabei zu suchen? Aber halt! Die Mirzl war dabei, seine Mirzl! Und wie ? Wenn ein anderer aus ihren großen, braunen Guckaugen das A=B=C der Liebe studieren wollte?!
Seine Meldung war eben verhallt, da hob sich die Blahe, und ein Kerl mit einem Schnauzbart wie sein Hauptmann schaute heraus und antwortete ihm:
"Der Hauptmann von Iptingen ist früher kommen! Und wo ein Hauptmann ist, hat der Korporal nichts zu suchen! Marsch, weiter!" Und seien Absage wurde begleitet vom Gelächter der Frauen in dem Wagen.
Pfeffer erschrak, so lang wie er war, und die Tabakspfeife fiel ihm aus der Hand. Sein Hauptmann bei der Marketenderin, mit seiner Mirzl zusammen unter e i n e m Dach! Ein Schandenstreich! Ein Bubenstück! Welch eine Rachetat! - Er hätte den Franzosen über den Rhein rufen mögen, so sollten den Wagen samt allem, was darinnen saß, in die Luft schießen!
Aber die dummen Teufel verstanden kein Schwäbisch!
Oh, er wollte dem Gesindel auf die Finger schauen und nicht von dem Wagen weichen! - Er stopfte sich eine Pfeife, schlug Feuer wie ein Kosak, paffte wie ein Präzeptor, schritt auf und ab, und die drinnen im Wagen lachten, läuteten mit den Gläsern, küßten sich laut vernehmlich, und schürten Pfeffers Eifersucht. Das dauerte eine lange Weile. Pfeffer schritt auf und ab. Die Mirzl, nein, es war nicht auszudenken, daß sie auch so eine war, die heute den Hans, morgen den Jakob, übermorgen den Frieder zum Gutenacht lud! Oh, der vermaledeite Hauptmann, der ihm die Schmach antat!
Pfeffer war gesonnen, ihn zu erstechen und zu den Franzosen überzulaufen, wenn es wahr sein sollte, daß sie ihn mit dem Hauptmann betrog! "Ei, Mirzl, liebes Mädchen, dreht sich denn dein Herzensweiserlein so schnell wie das Rad an deinem Wagen? Ich kann's nicht glauben, ich will's nicht wahrhaben!" sagte Pfeffer laut zu sich selbst und schlürfte zum hundertstenmal um den Wagen.

Die Wache, die vor Mitternacht aufgezogen war, wurde abgelöst. Ein Gemurmel gab's in der Ferne, Rapport und Schritte. Dann war es still; so stil, daß er dir Turmuhr auf dem Münster drüben bei den Franzosen Glock zwei
schlagen hörte!

Da kroch einer unbeholfen aus dem Wagen, und die Alte, die Marketenderin, leuchtete ihm. Pfeffer griff nach seinem Messer. Da stand der Hauptmann vor ihm und lachte wie einer, dem ein guter Streich gelungen - und Pfeffer
wollte ihm an den Leib. Aber neben ihm stand die Mirzl, sagte kein Wort, legte den Finger auf ihr Göscherl und ihre Guckaugen glänzten, als wollte sie sagen:
"Sei fein still, Pfeffer! und stich erst, nachdem du mit mir geredet hast! Aber dann stichst du ja nimmer!"
Pfeffer kam blitzschnell zu Vernunft, schämte sich seiner Eifersucht und bot dem Hauptmann verlegen seien Begleitung an. "Ei, was ein gutmeinender Sohn!" lachte dieser und merkte die Veränderung, die mit Pfeffer vorgegangen war.
"Erst wartet er seine vier Stunden getreulich und hernach will er mich noch heimgeleiten! Halt er mich aber feste, feste! Es ist nötig bei mir!"

Die Mirzl ließ ihm die Laterne ab und Pfeffer schob seinen Hauptmann langsam vor sich her. Als sie miteinander vor dem Zelt standen, wo der Hauptmann daheim war, schien es angetan, ihn auch zu Bette zu bringen, und Pfeffer biß auch in diesen Sauerapfel, ging mit ihm hinein und zog ihm die Stiefel aus. Da es ein wenig schwer hielt und Pfeffer dabei ächzte, machte der Hauptmann den Mund noch einmal auf und sagte:
"Schön von dir, mein Sohn, daß du dich zeitig an deine Eidamspflichten gewöhnst und mir beweisest, daß du mehr kannst als einen Schimmel färben!" 
Über diesen Spruch konnte Pfeffer den übrigen Teil der Nacht nachdenken!

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