Die Franzosen und das Sauerkraut

"Eha, Schimmel!" rief der ausgediente Korporal und sprang vom Kutschierbock. Die Mirzl zog am Leitseil und das Wägelein hielt vor einer Sägemühle.
"Habt ihr Späne?" rief Pfeffer den Werkknechten zu, die vor dem Sägehaus standen.
"Mehr als Geld!" gaben sie ihm zur Antwort.
"So schafft mir drei Säcke voll herbei", sagte Pfeffer," "ich will die euch so gut bezahlen wie die Franzosen!"
"Dann müßt ihr einen Sack Prügel umsonst dazu nehmen!" riefen sie drohend.
"Wohlgesprochen", antwortete Pfeffer lachend, "wir sind Freunde!" und trat in das Sägehaus.
Als die Knechte vernahmen, wofür er die Ware brauchte, waren ihnen die Späne wohlfeiler als Gassenkehricht, und sie warfen ihm ein Dutzend Säcke und mehr in seinen Wagen und verlangten weder Geld noch Dank dafür.
Der Schimmel trabte, und die Mirzl sagte: "Für was brauchst du die Späne, Pfeffer?" Er antwortete: "Ich will den Franzosen ein Geschenk machen!" Der Schimmel trabte wieder. In Tripstrill, einem  kleinen Weiler nah am Tal der Zaber, wo die Altweibermühle soll gestanden haben, stießen sie auf die ersten Franzosen. Es waren wilde Burschen mit Gockelschwänzen auf den Hüten und andere mit Zweispitzern, sie sahen das Gefährt kommen und machten gleich Jagd auf den Wagen.
Pfeffer trieb den Schimmel stärker an, und erst als einer von ihnen den Flintenlauf gegen ihn erhob, schrie er heraus: "Que wule wu?"
Die Franzosen meinten, es gäbe wirklich was zu holen bei ihm, rannten, was sie konnten, und Pfeffer ließ sie laufen, bis sie die Zunge heraushängten. Dann hielt er rasch an, sprang vom Wagen, schlug die Blahe zurück und lud sie ein, sich zu holen, was ihnen beliebte. 
Keuchend stürzten sie sich auf die Säcke, schlitzten sie mit ihren Bajonetten auf, schmissen die aufgeschlitzten Schläuche aus dem Wagen und stachen so lange in dem Spänhaufen herum, daß ihnen keine Maus lebendig davongekommen wäre! -
Zuletzt, als sie merkten, daß sie genasführt waren, jagten sie Pfeffer schimpfend auf den Wagen und trieben den Schimmel mit ihren Gewehrschäften zum Laufen; aber falscherweise in Richtung auf ihre eigene Seite. Das war es, was Pfeffer wollte!
Überdies hatte der Wagen seine Last verloren und flog nur so dahin, rechts und links an den Franzosen vorbei, bis in jenes Städtchen, das nach den bissigen Schloßhunden benannt ist und inmitten des Zabertales liegt. Dort saß ihr General, der einen deutschen Namen hatte und ein entlaufener Schwabensohn war, doch ein blitzdummer (zum Danke für seine Dienste um das Franzosenreich erschossen ihn später seine neuen Landsleute!), 
der kriegte gegen den Erzherzog von Österreich, und der junge Herzog Friedrich, der seinen Waffenfreund im Stich gelassen hatte, mußte dulden, daß es auf württembergischen Boden geschah.
Pfeffer hielt es mit dem Erzherzog, der ein besserer Deutscher war als sein Herr, und Mirzl verkaufte ihren Kram an die Österreicher.

In der Stadt war ein großes Heerlager.
Als er mit dem Wagen über den Markt fuhr, wollte ihm ein welscher Feldgendarm den Weg sperren und fragte ihn franzmännisch:
"Käskesäkesa?- Was hast du in deinem Wagen?"
"Saufedern, Eselsflossen und Kamelshörner!" erwiderte ihm Pfeffer. "Wenn du Lust hast, schau hinein!" Soviel Deutsch auf einmal konnte der Gendarm nicht verstehen und ließ ihn passieren. Pfeffer fuhr kreuz und quer durch die Gassen und Gäßlein, wo die Soldaten einquartiert lagen, achtete auf ihre Zahl und hatte sein Augenmerk auf Waffen und Geschütz und was dergleichen wissenswerte Dinge sind für einen Kundschafter.
Um keinen Verdacht zu erwecken, zog er einen Handel auf, erstand ein Faß mit Sauerkraut und ein Gebinde Wein vom Zabertal, verkaufte beides kleinweise an die Franzosen - und diese wußten nicht, was sie ihrem Magen damit aufluden!
Während er seine Ware verhökerte, hörte er noch manches aus ihrem Munde, was wissenswert war. 

Als er genug wußte, fuhr er vor das Städtchen in eine Grube, füllte den Wagen mit Sand, um wieder einen Grund des Fahren zu haben, und wollte sich auf den Heimweg machen.
Da brach eine große Schießerei aus vor den Toren - und zwang ihn, in der Stadt zu nächtigen. Nach langem Suchen fanden die beiden eine Scheuer für ihren Wagen, machten sich darin ihr Bett und schliefen auf dem Sand.


Am andern Morgen zeigte sich's, daß Pfeffer mit seinem Sauerkraut die magenschwachen Franzosen so verderbt hatte daß sie noch in der Nacht ein Gefecht gegen die Österreicher vorlorengeben mußten.
Im Städtlein war ein großes Wehklagen und Geschrei über das Sauerkraut, und viele von den Krautessern, die ihr Weh noch nicht auf natürliche Weise angebracht hatten, liefen jammernd in den Gassen umher und hielten  die Hand aufs Gedärm. Pfeffer war dabei, als ein Korporal der Franzosen, der die ganze Nacht wegen Bauchgrimmens auf der Stiege gesessen hatte, zu seinen Quartierleuten in der Stube trat, sich über das Kraut beschwerte und kauderwelschend sagte: "Schire schare schambre!" (Was soviel heißen sollte als: Schier gar hätte ich euch das Zimmer verunreinigt!) Und weiterhin:
"Bayrisch Krut, ganz kaputt!" - was jeder auch ohne Kenntnis der Franzosensprache versteht!

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