Die Weiberzeche

"Sand! Sand!" rief Pfeffer und fuhr durch die Dörfer, in denen der Franzose lag. Aber die Weiber brauchten keinen Sand, um ihr Geschirr zu putzen. Was kupfern und zinnern war, hatte ihnen der Franzose abgesprochen, und erst recht was silbern und golden!

Vor Tripstrill traf er wieder auf die Hahnenschwanzhüte, die er auf dem Herweg genarrt hatte. Sie stürzten sich auf seinen Wagen, schaufelten ihm die ganze Ladung ab, weil sie Munition darunter vermuteten, und als die Arbeit getan war, jagten sie ihn in der Richtung auf die Österreicher davon. Was seine Augen gesehen hatten, konnten sie ihm nicht nehmen.
Alsbald zog ihr General aus dem Städtlein aus, wo er sich so bequem eingerichtet hatte, und seine Hahnenschwanzsoldaten verloren auf der Flucht viele von ihren Federn.
Mit dem nachrückenden Heere zog Pfeffer als Kundschafter. Da lagen einige Dörfer und ein kleines Städtlein zwischen den Heeren der Franzosen und der Österreicher, still und in tiefstem Frieden. Keiner von den beiden Feinden wagte sich an sie heran, weil sie fürchteten, sich zur Unzeit zu begegnen. Das kam den Leuten, die dort wohnten, zugute. Sie stellten sich mit keiner der beiden Parteien schlecht, verkauften ihre Kälber an den Franzosen wie an den Österreicher, und wurden von beiden in Ruhe gelassen.
Der Kriegsgewinn, der sie in kurzer Zeit zu reichen Leuten machte, stieg ihnen demgemäß in den Kopf und verleitete sie zum Übermut.
In dem Städtlein, von dem die Rede ist, bestand ein alter Brauch, wonach den verheirateten Frauen ein Tag im Jahr bestimmt war, an dem sie keine Arbeit tun mußten, weder im Haus, noch im Stall, im Feld oder Wingert; dies zu ihrer Ehre und Schätzung.

Auf diesen, ihren Weiberurlaub, verzichteten die Frauen ungern, auch in Kriegszeiten nicht, und es war schon einige Male zu Streitigkeiten der Männer
gegen die Frauen gekommen, weil die einem nicht erlauben wollten, was den andern zustand. Nun hatten die Männer einen Grund mehr, ihren Frauen den Urlaub abzusprechen, weil der Feind im Lande stand, den Frauen aber wollte es nicht eingehen, daß sie wegen der Männer Krieg und Hader auf ihr Recht verzichten sollten, besonders wo ihnen der Tag nach altem Brauch einen Freitrunk einbrachte auf dem Rathaus, für den der Schultheiß und seine
Diener zu sorgen hatten. Um vollends die Wahrheit zu sagen, den Frauen war sogar das Recht eingeräumt, sich von den Männern dabei bedienen zu lassen, und der Schultheiß hatte als Obermundschenk voranzugehen. 

Am Morgen jenes Tages, von dem die Rede ist, streifte Pfeffer allein in dem Städtchen, das wie ausgestorben lag, und versuchte vergebens, einen Trunk
zu erlangen. Die Wirtshäuser waren geschlossen, die Frauen zechten auf dem Rathaus, und die Männer waren ausgezogen und behagten sich, um den Frauen zu trotzen, irgendwo im Wald auf ihre Weise.

Es war ein heißer Tag, und in der Ferne begann es zu gewittern. Wie wär's, dachte Pfeffer, wenn ich aus dem Wolkendonner einen Pulverdonner machte, daß die Weiber heimliefen und ich endlich zu einem Trunk käme? Vielleicht ist dem Frieden zwischen den Geschlechtern durch einen kleinen Schrecken nachzuhelfen? 
Also lief er wie ein Feuermelder vor das Rathaus, schrie Mord und Brand, Krieg und Entsetzen, ließ die Franzosen zu allen Toren hereinstürmen, die Kirche anbrennen und das Backhaus, ließ Scheuern in Flammen aufgehn und Kinder in Rauch ersticken, die Franzosen das Geld im Bettstroh finden und zu allen Türen aus- und eingehn - und bewirkte mit seinem Geschrei so viel, als wenn sie wirklich dagewesen wären!

Wie ein Hornissenschwarm schossen die aufgeregten Urlauberinnen aus dem Rathaus hervor und ihren Häusern zu, nahmen den Gewitterdonner, der sich inzwischen verstärkt hatte, für Granatenhagel, und manche sah sich schon am ganzen Leibe brennen, wo doch nur der  Wein in ihrem Oberstöckchen ein kleines Feuerchen entzunden hatte. Während die Weiber in großer Angst ihr Hab und Gut vor den Franzosen retteten, belohnte sich Pfeffer selbst für sein Verdienst um die Stadt und trank von dem Spendierwein, den die Frauen hatten stehen lassen.
Geruhsam saß er allein im Ratssaal und lobte die Frauen, die ihm wohlgesinnt waren, bis der Schultheiß, der die trotzigen Männer aus dem nahen Walde geholt hatte, mit der Scharwacht ins Rathaus trat und den falschen Alarmschläger beim Weine antraf. Auf seine Frage, wo denn die Franzosen seien, die er gemeldet hatte, gab ihm Pfeffer zur Antwort, sie würden alsbald kommen und trank weiter.

Das machte den Mann wild, er ließ Pfeffer festnehmen und auf den Markt führen, wo sich die Bürger mit Hauen und Sensen versammelt hatten, und fuhr ihn an: "Ist das der Sinn deines Alarms, daß du dich an anderer Leute Wein vergreifst, Bube? Warte, wir wollen dich mit Wasser tränken, bis dein Durst gestillt ist!" Und die Räte beschlossen, daß Pfeffer im Marktbrunnen ertränkt werden solle!
Pfeffer bat um ein letztes Wort, stellte sich auf den Brunnen und sagte: "Eine gute Nachricht ist immer eine Kanne Wein wert! Gebt ihr's zu?"
Sie nickten Widerwillig.
"Wo der Franzose steckt". fuhr er fort, "Weiß ich allein! Zum zweiten: Wer Frieden stiftet zwischen Mann und Weib, und noch bei so vielen Paaren, hat eine zweite Kanne verdient!" Sie schwiegen. 
"Zum dritten", ließ er sich vernehmen, "habe ich Alarm geschlagen, daß ihr eure Weiber und Töchter zeitig anbinden könnt, ehe der Franzos' kömmt! Ihr wißt, das Franzosenvolk ist lüstern und das Weibervolk neugierig! Wer aber über der Ehre seines Nächsten wacht, hat wieder eine Kanne Wein verdient. Eine habe ich getrunken, und wenn ich die Rechnung mache, seid ihr mir noch zwo ganze schuldig!"
Als Antwort auf seine Rede schlugen die Bürger mit ihren Hauen und Sensen aneinander und machten einen Lärm, der weit lauter war als jener, den Pfeffer
geschlagen hatte. Einige schrien: "Er hat unsere Weiber und Töchter beleidigt!" Andere: "Er hält uns für Hansnarren! Hängt ihn auf! Das Wasser ist zu schade für ihn!"
Aber der Pfeffer mußte nicht mehr reden. Der Franzose sprang für ihn ein und schickte eine  wohlbeschaffene, runde, schöne Kanonenkugel in die Stadt, die mit großem Getöse mitten auf dem Markplatz niederging und zu Pfeffers Gunsten das Urteil sprach. Zur gleichen Zeit blies der Turmwächter sein "Mordio! Feindio!" vom Turm. Der Mut der Schreckens fuhr in die Männer, sie schulterten ihre Hauen und Sensen und wollten dem Feind entgegenrücken. "Es
ist zu spät!" rief ihnen Pfeffer zu, "schützet die Tugend eurer Weiber!" Und schon sprengten die Kürassiere der Franzosen von zwei Seiten in die Stadt. Ehe sie in der Mitte zusammentrafen, waren die Männer bei ihren Weibern, legen das Sperreisen vor ihre Tugend, schlossen die Läden vor ihrer Neugier und schoben den Riegel vor ihre Vernunft.

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