Im Ortsarrest


Die Mirzl war in banger Sorge. Seit drei Tagen war Pfeffer verschwunden. "Wo bist du, langes Ungeschick?" klagte sie, schlich durchs Lager der Soldaten und fragte jeden Bauersmann, der von den Franzosen kam, ob man ihn dort gesehen hätte! Endlich war ihr Gewißheit: Die Franzosen hatten ihn gefangen! Tot oder lebendig, sie mußte ihn wiederhaben! - Und ging in die Stadt, wo er den Franzosen ins Garn gegangen war.

Der Wachtmeister am Tor fragte sie auf französisch: "Was will die Mamsell?"
Sie gab an, sie müsse zu ihrem Ohm. Der Wachtmeister, der das Ohm mit französischen Ohren hörte und einen Homme, also Mann, darunter verstand, fand Gefallen an ihr und sagte, er diene ihr als Mann ebensogut wie ein anderer! Nun war ein langes Hin und Her über Ohm und homme, der Franzose wurde deutlich und die Mirzl barsch. 
Mittlerweile mischten sich die Kameraden des Wachtmeisters in die Verhandlung und hielten sich gleichfalls als homme für die Demoiselle empfohlen, bis sie die Geduld verlor und dem Frechsten eine Schelle gab. Das konnte ihr der Wachtmeister nicht durchgehen lassen und ließ sie festnehmen. 

Die Schürzenjäger griffen in unziemlicher Weise zu, nahmen sich an der Wehrlosen ihre Frechheiten heraus und schleppten sie vor ihren Kommandanten auf das Rathaus. Dieser, der ein Generalschürzenjäger war, schickte die geringen Handlanger, die ihm das Mädchen gebracht hatten, vor die Tür, nannte sich selbst den besten und superfeinsten homme für die Demoiselle und bot ihr höflich an, die wohlverdiente Strafe in einem bequemen Hausarrest auf seinen Zimmern zu verwandeln, wenn sich die Jungfer ihrerseits zu einer kleinen Freundlichkeit verstehen wolle. Aber die Jungfer fand das Angebot zu höflich und verlangte das unbequemere Gefängnis.
Das wollte der Franzose nicht verstehen. Als sie auf ihrem Willen bestand, drehte er ihr eiskalt den  Rücken und ließ sie in den Ortsarrest führen. Es fiel ihm zwar ein, daß schon eine männliche Person darinnen saß, ein Kerl, der wegen Spionierens verdächtig geworden war, aber der dummen Demoiselle war es zu gönnen, daß sie in seine Hände geriet, die ihm weniger fein zu sein schien als die eines Franzosen.

Als die Mirzl in den Arrest trat und den Arrestanten auf seiner Schranne liegen sah, wollte ihr fast das Herz stillstehen vor Schreck und Freude. Die Schürzenjäger, die die Tür hinter ihr schlossen, lachten teuflisch und meinten Wunder, was für eine grausame Strafe ihr kluger Kommandant der dummen Deutschen zugedacht hatte! Daß der Gefangene kein anderer war als der Liebhaber der Demoiselle, den sie so sehnlich suchte - wie hätten sie es wissen sollen!

Wenn zwei, die sich lieben, auf den Mond sollten geschossen werden, sie säßen dort ebenso glücklich wie auf der Erde und lebten eine schöne Weile von nichts weiter als von Luft und Liebe und freuten sich, daß sie allein wären!
Nicht minder freute sich die Demoiselle daß sie zu ihrem rechten Liebhaber gekommen war, und Pfeffer wußte sie so gut über ihr Ungeschick zu trösten, daß sie nichts sehnlicher wünschte, als immer mit ihm zusammen zu sein.

Daß der Erzherzog ein wenig anders dachte als die beiden, wer konnte es ihm verübeln? Noch ehe es Nacht wurde vor den Gitterstäben ihres Gefängnisses, machte er ihrem Liebesstündchen ein Ende, schickte einige seiner großen Kugeln und Granaten in die Stadt und scheuchte die Franzosen unfreundlich aus ihrem warmen Neste auf. Als sich die Kugeln mehrten und etliche Häuser in Brand geschossen waren, rief Pfeffer durchs Fenster, man möge seiner nicht vergessen, ehe alles abbrenne! - 
Das wurde von den Bürgern, die draußen umherstanden, wohl vernommen, aber weil sie eine eingeborene Scheu hatten vor Leuten, die hinter Gittern saßen, ob sie nun zu Recht oder Unrecht dahintersaßen - sie wagten es nicht, den Eingekerkerten die Freiheit zu geben, und Pfeffer sah ihre Häuser in Flammen aufzugehen, erlitt ein Schwitzbad ums andere und glaubte, die Uhr habe Letzt geschlagen! Währenddessen schlief Mirzl auf ihrer Schranne und merkte von alledem nichts. Erst als eine Kugel das Dach des Rathauses abdeckte und die zerbrochenen Ziegel auf das Arresthaus prasselten, schlug sie ihre Guckaugen auf und  fragte verwundert, was es gäbe. 

"Ein Hütlein Schlafpulver vom Erzherzog!" erwiderte ihr Pfeffer, und schon schlug eine Granate in das Arresthaus ein, in dem sie gefangen lagen, hob das Dach hinweg , als wär's ein Kochdeckel, und ließ einen Rauch aufgehen, als würde ein Braten abgelöscht. In diesem Rauch verging ihnen beinahe Hören und Sehen, sie merkten aber doch, daß ihnen der Erzherzog ein Loch in ihr Gefängnis geschlagen hatte, und nahmen schleunigst Reißaus, wenn auch auf einem anderen Wege, als sie hereingekommen waren.

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