Chevalier Jacques David Poivre de Stetten


Als der Schalk seinen guten Rat abgebracht hatte, ging er weiter und nahm wieder sein gefährliches Handwerk auf. Es war aber schwer anzustellen, den Franzosen auf die Finger zuschauen, denn in der Kleidung, die der Schwabe trug, war er ihnen bekannt.

Er kam auf den Gedanken, einem toten Musjöh die Hosen auszuziehen und als Franzose zu gehen, und schlich sich and die Plätze, wo geschossen wurde, in der Hoffnung etwas Brauchbares zu finden. Die Franzosen schonten sich aber sehr und waren noch sämtlich am Leben. Da sah er vor einem zerschossenen Haus einen französischen Korporal auf seinem leeren Brotsack sitzen und jämmerlich greinen. Weil er des Mitleids wert war, ließ er sich zu ihm nieder und sprach ihn an: "Musjöh, was hat euch der Krieg eingebracht ?"
Der Musjöh, der ein Elsässer war, erwiderte auf deutsch: 
"Nichts, Kamerad! Nichts! - Hätte ich nur mein Jeanettchen nicht verlassen!"
"So geht der Wind?!" dachte Pfeffer und sagte laut: "Die Krankheit ist weit verbreitet! Dagegen ist gut: den Kragen spülen, die Zunge fleißig baden und den Brustkorb gegen den Tisch drücken, auf dem gebauchte Flaschen stehn!"
Der Korporal hörte plötzlich auf zu greinen auf und sagte: "Zwar aber sollte man eine Wurst durch den  Hals springen lassen, und wenn sie im Magen ist, einen Braten darüberstülpen!"
"Du gefällst mir schon besser, Musjöh!" lachte Pfeffer, "und wenn die des Krieges müde bist, komm mit mir, ich will dich zu einem Arzt bringen, der dich von Grund auf kuriert!"
Der Soldat zeigte Lust, sich heilen zu lassen und ließ sich von Pfeffer in eine Wirtsstube führen, wo sie allein waren. Da wurde der Kranke traktiert wie es sich gehörte. Und er ließ sich alles wohlschmecken! 

Als er wieder bei Kräften war, lachte er über sich selbst, ließ sein Jeanettchen hochleben, und Pfeffer stimmte mit ein. Danach fing er an den Krieg und sein aufgezwungenes Franzosentum zu verwünschen, redete wieder von Jeanettchen, seiner Braut, und seufzte:
"Ach, ich kann die Stunde gar nicht erwarten, wo ich den bunten Rock ausziehen und vor mein Jeanettchen hintreten werde..."
"Die Stunde ist da!" sagte Pfeffer.
"Was sagst du, Kamerad? Ist mein Jeanettchen vielleicht hier in der Stadt und will mich holen?" fragte der Verliebte.
"Nicht weit von hier!" antwortete Pfeffer, "aber den Rock darfst du getrost jetzt schon ablegen, denn sie läßt nicht mehr lange auf sich warten! Und wenn du in einem schlichten Bürgersgewand vor sie hintreten willst, so brauchen wir nur zu tauschen!" Der Soldat aus dem Schnakenloch wußte sich gar nicht zu fassen, meinte, Pfeffer wüßte mehr von seinem Jeanettchen als er selbst, legte sogleich seinen Rock ab und warf ihn über den Tisch. Pfeffer tat dasselbe, dann tauschten sie die Hosen, die Stiefel und die Strümpfe, und es hatte sich noch kein  Franzose schneller in einen Deutschen verwandelt! 
Nun hatte Pfeffer keinen größeren Wunsch mehr, als ihn mit seinem lieben Jeanettchen allein zu lassen, stülpte ihm den leeren Brotsack über den Kopf, knüpfte ihn sogar ein wenig am Halse zu - und verschwand durch die Tür.

*

Die Mirzl hatte sich unterdessen einer Krämersfrau, die neben der Kirche ihren Stand hatte, als Aushelferin verdungen, verkaufte den Franzosen Schuhriemen und Bartwichse, Laxiermittel und Pomade, und das Geschäft kriegte einen starken Zulauf, seit sie der Krämerin an die Hand ging. Es war am Morgen nach dem großen Schießen, als ihr ein französischer Korporal vor ihrem Stand den Hof machte und sie durch allerlei schlaue Reden und Anspielungen in Verwirrung brachte. Wo nur der Teufelskerl all das in Erfahrung gebracht haben mochte, was ihre kleine Person betraf, denn auch von dem Arrest, den sie verbüßt hatte, wußte er - der Satanskerl, der himmellange, mit dem schwarzen Schnurrbart und dem braunen Gesicht!

Für einen Franzosen sprach er vortrefflich deutsch, wenn er auch manchmal über ein Wort stolperte. Je länger er der Verkäuferin zusetzte, desto mehr verwirrte sich ihr Sinn, und als er sie gar zu einem Rendezvous hinter der Kirche einlud, wußte sie in ihrer Verlegenheit nicht anderes als ja zusagen. Die Krämerin, die den Handel mit anhörte, war darüber empört, sei es nun aus Jalousie, weil ihr der Korporal selber in die Augen stach, oder weil sie es ihrer Aushelferin verargte, daß sie sich von einem Franzosen vor aller Welt hofieren ließ. Die Mirzl merkte das wohl, wurde auf einmal kühl und tat als hätte sie sich nur einen Scherz geleistet. Da wurde der Franzose hitzig, berief sich auf seine Ehre als Bürger der großen Nation, legte die Hand aufs Herz, nannte sich einen Kavalier vom alten Adel, der sich umständehalber gezwungen sehe, mit dem gemeinen Soldatenhaufen zu laufen, seit im die Jakobiner sein Schloß angezündet hätten, nannte seinen Namen und stellte sich vor als ein - Chevalier Jacques David Poivre de Stetten!
Die Krämerin, die sich gern mit noblen Bekanntschaften schmückte, und den Edelmann gern in ihrem Hause sehen wollte, meinte nun, daß er doch bessere Behandlung verdiente und steckte er ihrer Handlangerin, sie möge sich insgeheim mit ihm verabreden und ihn nach der Marktzeit in ihr Haus führen.
Die Mirzl fand das Ansinnen ehrenmäßig und erbat sich einen Kuppelurlaub, den ihr die ungeduldige Krämerin auf der Stelle gewährte. Mit aller Anmut knüpfte sie sich dann ihr Tüchlein um den Kopf und ging hinter die Kirche.
Sie mußte nicht lange warten, da fegte der Franzose um die Ecke, wichste sich den Schnurrbart und freute sich, so schnell an sein Ziel gekommen zu sein.

Aber statt eines lieben Mädchens empfing ihn eine kleine Teufelin, die ihm eine Ohrfeige ins Gesicht zündete, daß seine Backe einen Hagebuttenstrauch zeigte, und machte ihm ohne Worte deutlich, wie sie einen zudringlichen Franzosen gegenüber gesinnt war. Der Korporal schrie:" Was erlaubt sich die Mamsell? Was fällt Ihr ein? Ich bin Chevalier David Poivre..." 

"Warum wundert Ihr Euch?" erwiderte die Deutsche ruhig, "auf solche Weise empfange ich alle Chevaliers von altem Adel und besonders die von STETTEN, von denen es noch mehrere im Lande gibt!"

Der Chevalier wußte nicht, wie er die Antwort aufzufassen hatte, war sehr gekränkt und wollte sich empfehlen, da machte sich die Deutsche zärtlich an ihn heran, streichelte ihm über die Wange, die noch immer flammte, und zupfte ihn ein wenig an seinem Schnurrbart, daß ihr gleich ein ganzes Büschel schwarzer Barthaare in der Hand blieb. Bei diesem Werke fing der Chevalier sauersüß zu lächeln an und die Deutsche sagte: So könnte ich, wenn ich weiterzupfte, alsbald einen ehrlichen Pfeffer von Stetten aus Euch machen, Chevalier Jacques David Poivre der Stetten - aber warum maskiert Ihr Euch so schlecht?"

Der Chevalier mußte sich nun wohl oder übel in den Scherz fügen, den die schlaue Person mit ihm angestellt hatte und konnte sich außerdem sagen, daß er die Ohrfeige verdient hatte, weil seine Maskierung so handgreifliche Mängel gezeigt hatte, was für einen Kundschafter nicht ungefährlich ist! - 
"Die Probe ist schlecht abgelaufen!" sagte der Chevalier zu dem Mädchen, "ich muß mich besser maskieren und will zu einem Barbier gehen, der etwas kann!"
"Und was sag' ich der Krämerin?" fragte die Mirzl. 
"Du magst ihr sagen", antwortete Pfeffer, "der Chevalier habe nicht Stich gehalten, dann wird sie ihn leicht verschmerzen, außerdem sagst du die Wahrheit!"

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