Ein Friedenstraum

Die Turmuhr schlug Stunde um Stunde, die Nachtmäuse flatterten um das Turmgesimse, der Hahn krähte, aber Pfeffer schlief und träumte:

Ei, war das ein Leben! Der Krieg war vorbei! Die Franzosen geschlagen! Die Menschen tanzten auf der den Straßen, und einer trug eine lange Stange, an der ein Bonapärtchen baumelte!
Der Korporal von Stetten fuhr in einer offenen Kutsche nach Wien zum Kaiser. Zu seiner Linken saß der Erzherzog und bot ihm respektvoll eine Prise. Das Volk auf den Gassen schrie: "Heil dem Erzherzog und zwiefach Heil dem Pfeffer, der den Frieden gemacht hat!" Er verbeugte sich vor der Menge, und der Erzherzog klopfte ihm wohlwollend auf die Schultern. Unterwegs in den Dörfern wurden sie von Schultheißen begrüßt, mußten lange Reden hören und tiefe Ehrenkelche trinken. Sie fuhren tagelang durch Ehrenpforten und geschmückte Städte, wurden mit Blumen überschüttet und kamen endlich nach Wien, wo sie vom Kaiser empfangen wurden.
Der Kaiser war ein schlanker Mann mit einem schönen blassen Gesicht. Er trug einen blauen Galarock und auf der Brust prangten ihm sieben silberne Sterne.
Als die Chaise vor seinem Schlosse hielt, kam der Kaiser die Treppe herunter und küßte seinen Erzherzog auf die Stirn. Mit Pfeffer aber schritt er Arm in Arm ins Schloß - und das Volk jubelte!
Auf der marmornen Treppe, die zu den Sälen führte, standen die Ehrenjungfrauen, hielten Leuchter in den Händen und verneigten sich vor Pfeffer und dem Kaiser.

Es war eine unter ihnen, die ihm besonders gut gefiel, so daß er stehen blieb und sie anredete: "Kennen wir uns nicht, meine liebe Gute?"
Die Jungfrau verneigte sich, lächelte bescheiden und antwortete: "I bitt um Permiß, i bin bloß die Mirzl aus Bayerisch Tell!" "Mein liebes Kind", half ihr Pfeffer aus der Verlegenheit, "dann sind wir uns ja eben nicht fremd!" und er kniff ihr zärtlich in die Backe, stellte sie seinem Kaiser vor, und der küsste ihr die Hand. So ging es weiter!
Im goldenen Saal setzte sich der Kaiser auf den Thron und hielt eine lange Rede. Der Sinn aber war der: Das Volk danke dem Erzherzog, daß er so tüchtig dreingehauen und die Franzosen aus dem Reich vertrieben habe, Pfeffer jedoch gebühre das höchste Lob, weil er den Frieden gestiftet und durch seine mutige Tat bewiesen habe, daß er mehr könne als Späße machen und auf der Fiedel kratzen! - Er möge jetzt nur sagen, was ihm zu seinem irdischen Wohlbehagen fehle, die Majestät wolle ihm jeden Wunsch erfüllen, sei er auch noch so groß!
Da war Pfeffer zum erstenmal in seinem Leben verlegen. Doch der Erzherzog und die gnädige Kaiserin selbst bestürmten ihn, nicht nur genant zu sein, der Kaiser meine es wirklich ernst. Unverschämtes Wesen war Pfeffer fremd, und schließlich wagte er den Kaiser zu bitten, ermöge ihm die Ehrenjungfrau, welcher er auf der Treppe die Hand geküßt, zur Frau geben, und wenn er wolle, eine nette Beisteuer für den jungen Hausstand, aber die zwote Bitte dünkte ihn schon beinahe verwegen, weshalb er untertänigst um Permiß bitte, wenn er kaiserliche Majestät damit befremde!
Da lachte der Kaiser und die Kaiserin, der Erzherzog und die Reichsgrafen, die dem Zermoniel beiwohnten; die Hofmeister kicherten, die Lakaien schmunzelten, und hinter seinem Rücken erhob sich ein Lärm, als brächte man die Glückliche schon im Triumph in den goldenen Saal, wo der Kaiser die beiden miteinander verloben wollte - in diesem Augenblick erwachte der Bräutigam an einem wahren Fuhrmannslärm auf der Turmstiege, sprang aus dem Bett und öffnete die Tür, noch ganz von Sinnen.

Draußen stand ein Haufe von aufgeregten Weibern, die laut aufkreischten, als sie den Franzosen erblickten. Nur eine ließ sich nicht schrecken und schimpfte unflätig, drang in die Stube ein, machte sich über die unschuldige Schläferin her und riss ihr die Decke vom Leib. Pfeffer zog heftig vom Leder und brachte die Störenfriedin in die Enge, da er aber gewahr wurde, daß er die Mutter seiner Liebsten unter die Fäuste genommen hatte, tat es ihm leid, und enttäuscht ließ er die Arme sinken. Laßt uns verschweigen, was das unartige Weib ihrer Tochter und ihrem Liebhaber für Worte ins Gesicht schleuderte, was für ein Geschrei sie aus ihrer Angst machte, die sie um ihr Kind gelitten haben wollte, bis sie es endlich wieder gefunden, als sie mit den Österreichern in die Stadt gegangen war!
Es ist nicht nötig auszumalen, in welcher Weise die Begleiterinnen der Marketenderin, voran die Krämersfrau, die das Liebesversteck verraten hatte, an dem Streit und Geschrei teilnahmen, sich wichtig nahmen, visitierten und guckten und die entrüstete Mutter an Ungeschicklichkeit und Torheit noch überboten! Ehe sich Pfeffer zu fassen wußte, hatte die Mutter ihre weinende Tochter reisefertig gemacht, um gleich mit ihr die Heimfahrt anzutreten - und überließ den  verdutzten Chevalier ihren Begleiterinnen, die ihm mit den Fingernägeln das Gesicht verunzierten, bis ihrer Wut ein Ende bereitet wurde durch den Hinzutritt einer Männerperson, die sich mit Pfeffer allein zu unterhalten wünschte. Es war der Soldat vom Schnakenloch,  der seine Uniform zurückverlangte und Pfeffer bedauerte, daß er schon wieder in den Krieg geraten war, wo er sich anschickte, ihn für seine Person zu beendigen und mit seinem Regiment in die Heimat zu ziehen. Sie wechselten die Kleidung, und der Elsäßer eilte, zu seinem Jeanettchen zu kommen. 

Die Weiber, die draußen vor der Türe lärmten, gaben ihm zum Abschied noch einige Kopfnüsse und Nasenstüber auf den Weg, denn sie wußten nicht, daß die Uniform ihren Mann gewechselt hatte. Unterdessen hatte sich auch der Turmwächter zu ihnen gesellt, und mit ihm drang der Schwarm der Weiber noch einmal in die Stube. Eine zog das zerfetzte Lakenein, das noch draußen an der Stange wehte, eine andere entdeckte den Zeitweisel unterm Bett und brachte in wieder zum Leben - mittlerweile war Pfeffer überflüssig geworden und machte sich unsichtbar.

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