Der Bonaparte

Langsam fährt ein Marketenderwägelein über die Rauhe Alb der bayrischen Grenze zu.
"Ach, die Franzosen!" jammerte die Mirzl und bläst die Heulbäcklein auf.
"Der Bonaparte! Der Bonaparte!" klagt Pfeffer und fragt ihren Freund:
"Wer ist der Mann mit dem neuen Namen, der den Erzherzog um seinen Sieg gebracht hat und uns so viel Herzeleid macht?"
"Ach", antwortete Pfeffer, "die französische Wehmutter, die so lang in den Wochen gelegen, hat einen ehernen Knirps zur Welt gebracht! Man sagt ihr nach, sie hätt' ihn garnicht von ihrem Mann, sondern von einem Mitbuhler aus Korsika, was bei einem so schlechten Weibsbild nicht verwundert! Und welch Mirakel ! 
Der Unband, den sie gebiert, kommt gleich mit einem Säbel zur Welt, wächst schneller als ein Rohr, steht nach drei Tagen schon auf den Beinen, haut Ammen und Wärter zu Boden und hat alsbald die Mutter, die alte Französin, unter seinem Willen. Danach springt er auf die Gasse, schlägt den Nachbar Franz, das ist der Kaiser, auf die Backen, dreht Onkel Bull, dem Briten, eine Nase! Wie dieser ihm droht, hüpft er über eine Pfütze, 's ist das Mittelmeer, schleicht sich in Onkel Bulls Stall, stiehlt ihm ein Pferd, den Ägypter, reitet's zuschanden und stellt's ihm heimlich wieder vor die Scheuer. Derweilen ist seine unzüchtige Mutter daheim wieder in die Wochen gekommen, er schleicht sich herzu, nimmt ihr's Regiment aus der Hand und ist Herr im Haus! So einer ist der Bonaparte, der den Krieg in Italien gewonnen hat, wiewohl der Erzherzog auf schwäbischem Boden Sieger geblieben ist!"
"Der Teufel soll ihn holen, den mistigen Boanerbarthel!" schimpft die Mirzl, und sie kann den Kerl samt seinem Namen nicht leiden. Aber Pfeffer antwortete: "Den Teufel, den hat der Bonaparte schon auf seiner Seite!"
Da heult die Mirzl laut auf und sagt: "Dann ist's im Himmel bestimmt, daß wir auseinander müssen!"
Mittlerweile hat das Wägelein die Grenze erreicht und die Mirzl gibt ihrem Freund die Hand.
"Leb wohl, Pfeffer", sagte sie, "ich kann dich nicht vergessen! Wie wirst du mir fehlen, wenn ich auf meiner Alm mutterseelenallein unterm Himmel lieg' und einen langen Tag hab'! Wer sorgt für dich, wenn ich nicht mehr bei dir bin? Wer redet gut für sich, wenn dich dein böses Maul ins Unglück reißt! Wer geht zu dir in Arrest ? Ach , es ist eine schlechte Zeit für die Spottvögel!"
Aber da lacht Pfeffer und sagt: "Die munteren Vögel sorgen sich nicht! Sie finden immer wieder, was sie brauchen; und die Spottvögel sitzen am vollen Tisch, wenn die Wahrheit abgetragen wird!"
"Ach du wirst mich bald vergessen haben, schlechter Pfeffer!" klagte die Mirzl, nimmt ihren Freund beim Schopf und küßt ihn. Pfeffer schüttelt den Kopf.


Da kommen die Bagagewagen der Österreicher wieder ins Fahren, und Pfeffer muß sich entschließen abzuspringen, wenn er nicht von den Grenzern erwischt und als Deserteur gefangen werden will. Er gibt der Mirzl einen letzten Kuß, tut einen Sprung vom Wagen und kommt mit dem Gesäß zuerst auf die Straße. Die Mirzl nimmt es für ein gutes Zeichen, daß seine langen Lebenszeiger ins bayrische hinüberweisen - und fährt getrost.

-o-

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