Die Schimmelstute

Der General Bonaparte hatte einen Pudel.
Und Herzog Friedrich hatte einen Minister. "Norman!" rief der General zu seinem Hund. Der Pudel kroch heran, legte sich ihm zu Füßen und blinzelte.

"Normann!" sagte Herzog Friedrich zu seinem Minister - und der Minister blinzelte. Bonapartes Pudel machte Männchen, wenn es sein Herr wünschte. Der Minister tat alles, was sein Herzog von ihm verlangte. Bonaparte warf seinem Pudel eine Wurst vor. Der Pudel nahm sie in die Zähne. "Scher dich fort, Monsieur Normann!" rief Bonaparte, und der Hund lief weg, wenn er die Wurst hatte.

Die Wurst, die der hündische Minister Herzog Friedrich von Bonaparte zu schnappen kriegte, war -  deutsches Land, das der siegreiche Korse großmütig verteilte. Auf solche Weise kam Herzog Friedrich zum Land Oberschwaben. 
Der Bonaparte gab nichts umsonst. Der Herzog von Württemberg mußte sich lossagen vom Kaiser und seinen Soldaten unter dem General der Franzosen marschieren lassen. Friedrich war ein kleiner Bonaparte in seinem Land, hielt großen Hof, verjagte die Stände, die für die Rechte des Volkes eintraten, plagte den gemeinen Mann mit Steuern und Fronen, unterband das freie Wort und ließ durch seine Polizei jeden Missvergnügten im Arrest zum Schweigen bringen.

Als er nach Stuttgart kam, suchte er jede Gelegenheit, dem Herzog zu begegnen. Nachdem er lange genug spioniert hatte, wußte er, daß der Fürst jeden Morgen einen Ausritt auf die Höhe von Cannstatt unternahm, wo er sich ein Schlößchen im Franzosenstil erbauen ließ. Auch Pfeffer war neugierig, zu erfahren,  wie weit der Bau fortgeschritten war, und schloß sich eines Tages unbemerkt dem herzoglichen Gefolge an, das seinen Herrn durch die lange Allee nach Cannstatt begleitete. Der Herzog ritt eine junge, hübsche Schimmelstute. Er liebkoste sie beim Reiten und fütterte sie mit Zucker, um sie bei guter Laune zu erhalten, denn die Last, die sie zu tragen hatte, war nicht gering. 

Auf dem Wege begegnete ihnen die Kutsche des Ministers Normann. Der Minister ließ halten, stieg aus dem Wagen und begrüßte seinen Herrn. Während sich der Fürst mit seinem höchsten Diener in ein  Staatsgeschäfte einließ und ihm Normann lächelnd seine neuesten Füchsereien berichtete, begann der Hengst des Ministers mit der Schimmelstute seines Herzogs Freundschaft zu schließe. Die Schimmelstute benahm sich dabei so ungezwungen und legte sich so wenig Zurückhaltung auf, daß sich ihr Herr, dem das zärtliche Getändel nicht entging, für sie schämte und die Unterredung mit seinem Minister rasch beendete. 

Als Normann mit seinem brünstigen wiehernden Hengst in anderer Richtung davonfuhr, äugte ihm die verliebte Stute sehnsüchtig nach. Der Herzog bemerkte, daß sich seine Begleitung über die Zuneigung  der beiden Tiere lustig machte, war verdrießlich und wünschte sogleich aufzusitzen, aber die Stute, die gelehrt worden war, sich vor ihrem dicken Herrn auf die beiden Vorderläufe niederzulassen, um ihm das Aufsteigen zu erleichtern, zeigte keine Lust, es diesmal zu tun, schien in Gedanken ganz bei Normanns Hengst und war weder durch Bitten noch durch Schläge zu bewegen, die Läufe zu beugen.

Pfeffer hatte sich während des Vorgangs unbeobachtet herzugeschlichen, und da er das Aussehen eines einfachen Landsmannes hatte, baten ihn die verzweifelten Diener des Herzogs, ihrem Herrn einen Dienst zu erweisen und das Tier in die Hocke zu bringen.

Pfeffer, der wußte, daß die Stute durch die vielen schwatzenden und schimpfenden Menschen scheu gemacht worden war, bat den Herzog und seine Begleiter beiseite zu treten, strich ihr sanft über die Vorderläufe, sagte ihr etwas ins Ohr - und zur Verwunderung aller Zuschauenden ging die Stute sogleich in die Hocke.
Als das Pferd kniete und sein Herr es bestiegen hatte, wollte Pfeffer weitergehn. Aber die Verwunderung  des Herzogs und seiner Begleiter über Pfeffers Kunststück war so groß und lockte ein solch lebhaftes Gerede hervor, daß der Herzog selber den Zauberkünstler fragte, wie er sein Ziel so schnell erreicht habe und was er dem Tier ins Ohr gesagt habe, daß es so folgsam geworden sei. Pfeffer antwortete, das Kunststück habe er von einem Zigeuner gelernt und verrate es nicht!  
Der Herzog bestand darauf, daß er es ihm allein sage. Pfeffer tat, als brächte ihn der Herzog mit seinem Wunsche in große Verlegenheit und sagte widerwillig:
"Wenn Ihr das Wort hört, muß ich fürchten, daß Ihr selber sofort in die Knie geht! Und ich mag meinen Herrn und Herzog heute und nimmermehr in so unterwürfiger Stellung sehen!"
Nun brannte der Herzog darauf, das Wort zu hören, das ihn selbst in die Knie bringen sollte und er versprach Pfeffer ein Geschenk, wenn er ihm den zauberkräftigen Spruch verraten wollet! 
Pfeffer antwortete darauf: "Wenn Ihr versprecht, daß Ihr mich unbehelligt weiterziehen lasst, will ich euch das Wort verraten!" "Ein billiges Geschenk!" rief der Herzog lachend. 

Da trat Pfeffer nahe an ihn heran und sagte ihm ins Ohr: "Ob Ihrs glaubt oder nicht, das Wort, das euch alle in die Knie zwingt, heißt BONAPARTE!"
Der Herzog wurde blass und wäre fast vor Schrecken in die Knie gegangen, wenn er nicht schon auf seiner Stute gesessen wäre - aber noch ehe er etwas erwidern konnte, war Pfeffer auf seinen langen Beinen durchs Gebüsch entkommen.

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