Der Katzenjammer

Jedermann wußte, daß der Herzog nicht immer zu seinem gegebenen Wort stand. Wenn er sich in seiner Würde verletzt sah, nahm er heimtückisch Rache. Pfeffer mußte fürchten, daß die Häscher des Herzogs hinter ihm her waren, und weil er gefährlich für ihn war, in Stuttgart zu bleiben, entwich er nach Stetten. 
Aber dort wurde er traurig.
Ricke, seine Mutter, war gestorben, und Jakob Ulrich hatte sich von einem andern einen Sarg anmessen lassen. Dorle saß allein im Haus und weinte, als Pfeffer heimkehrte. Er ging durch die Stuben. Sie waren so niedrig, daß er sich bücken mußte! Er stieg in den Keller, klopfte ans Fäßlein. Hohl! Hohl! klang's zurück. Er kroch auf die Böden. Da hatte sich das Spinnenbettelvolk eingerichtet, das keinen Mietzins zahlt. Das alles ist so traurig, dachte Pfeffer, daß ich gleich wieder Soldat werden möchte! Aber unter Bonaparte will ich's nicht werden! -

Onkel Melchior, der ein altes Männchen geworden war, kam auf den Abend vergnügt wie einst - und die beiden Fiedler gingen zum Wein. Sie tranken  keinen geringeren als den Einheimischen, genannt das Stettener Brotwasser, der seinen Namen von einem adligen Fräulein hatte, das ihn heimlich aus einer Tasse getrunken und auf Befragen, was sie da trinke, geantwortet hat, sie trinke "Brotwasser", das ist ein Husarentrank aus heißem Wasser, Zucker und Brotrinden.

Der Husarentrank tat Pfeffer wohl, er linderte seinen Schmerz um Rickes und Jakob Ullrichs Hinscheiden, mäßigte seinen Zorn auf Bonaparte und löste endlich seine verdorrte Zunge.
Sie kamen ins Reden und bald gesellte sich eine Schar von jungen Leuten zu Pfeffer, wollten vom Bonaparte hären und vom Erzherzog Karl, wollten wissen, ob die Franzosen auch Menschen wären wie die Stettener, ob sie Wein tränken oder Bier, ob der Münsterturm zu Straßburg höher sei als der Kirchturm zu Stetten, ob er Bären gesehen im Schwarzwald und ob der Hannickel immer noch selbige Gegend unsicher mache!
Pfeffer gab ihnen Antwort, wie sie es verdienten. Von den Bären, auf die sie immer wieder kamen,  sagte er, es sei ihm einst eine ganze Familie der struppigsten Dickhäuter unweit vom Mummelsee begegnet, die seien so faul gewesen, daß sie von ihm verlangt hätten, er möge sie samt ihren Jungen ein Stück Weges tragen. Als er ihnen darauf geantwortet, der Mensch sei nicht dafür geschaffen, den Dickhäutern das Leben noch angenehmer zu machen als es ihnen von Natur  gemacht sei, hätte der Bärenvater zu ihm gesagt: 
"Bist du nicht der Pfeffer von Stetten? Wir haben von guter Seite gehört, die zu Stetten ließen sich all und jeden Bären aufbinden! Machst du eine Ausnahme?"
Da kam es den jungen Stettenern zu Sinn, daß sie was Dummes gefragt hatten, und sie schwiegen und fragten nicht mehr nach den Bären. Hinwiederum mußte sich Pfeffer von ihnen, die  ihm mächtig Zutrunk leisteten, einen Affen aufbürden lassen. Er war das Brotwasser nicht mehr gewohnt!
Als es soweit war, daß er alle, die um ihn herumsaßen, für Franzosen ansah und Onkel Melchior für den Bonaparte, boten sie sich an, ihn heimzutragen und ergriffen ihn an Händen und Beinen. Im Grunde wollten sie sich nur für die Bärengeschichte rächen. 
Am andern Morgen erwachte er in einem fremden Hause auf einem Kanapee und wußte nicht, ob er in Stetten war oder anderswo! Er wäre nicht so schnell erwacht, hätte es nicht ein lautes Geschrei in seiner Nähe gesetzt, das von zwei weiblichen Personen vorgeführt wurde, die ganz von Sinnen waren, daß ein fremder Mann in ihrer Wohnung lag. Die Wittib, in deren Haus er lag, hieß Magdalena, die Tochter des Schultheißen, und stand in den mittleren Jahren. - Pfeffer beteuerte ihr, er könne sich nicht entsinnen, wie er in ihr Haus geraten sei und vermutete, daß ihn die Zechkameraden durch ein offenes Fenster hereingebracht hätten. Aber die Wittib wollte sich nicht beruhigen, weil sie sich vor ihrer Magd schämte, und weil man ihr leicht was nachsagen konnte. Als Pfeffer scherzte, solch ein Zusammenwohnen nehme er auf die leichte Schulter, machte er das Unglück noch größer, denn die Magd glaubte nun bestimmt, daß ihre Herrin ihr was vorspiele und den Mann selber eingelassen habe. Da setzte es Tränen ei der Magdalene, sie klagte, ihr Haus sei verunehrt und sie selbst schimpfiert, daß sie sich nirgendsmehr blicken lassen könnte. Pfeffer wußte sich nicht zu helfen und schickte die Magd hinaus. Da stimmte die Schultheißentochter ein noch größeres Geheule an, denn nun schien es ihr gewiß, daß sie von ihr im Dorf verschrien würde, und sie kniete vor Pfeffer nieder und bat ihn inständig, sie vor der großen Schande zu bewahren. Pfeffer wußte weder ein noch aus und fragte Magdalene, wie er sie vor Schande bewahren solle!
Da wischte sich die Schultheißentochter die Tränen aus dem Gesicht und sagte: "Es bleibt nichts anderes übrig als zu heiraten!" Ehe Pfeffer eine Antwort fand, fiel sie ihm um den Hals in ihrem heißen Jammer und sagte: "Ein Soldat des Herzogs weiß, was er sich schuldig ist und tut nichts gegen die Ehr!"
Wohl oder übel mußte sich Pfeffer zur Soldatenehre bekennen und sagte: "Nein! Nichts gegen die Ehr! Gewiß nichts gegen die Ehr! Ach, wie dumm ist mir im Kopf!  Aber nichts um alle Welt gegen die Ehr!" -
Aber schon nahm sie ihn beim Wort. Und sein Wort darf  er Soldat nicht brechen! Hatte er ihr im Katzenjammer die Ehe versprochen!

Fahr wohl, Mirzl!
Warst ihr nicht lang treu, Pfeffer!
Schämst du dich nicht ?

-o-

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