Pfeffer macht sich Luft

Es war zur Zeit des Fastnacht, als ein Wagen durch das Dorf Steten fuhr, auf dem eine schmale, lange Kiste lag, die einem Sarg nicht unähnlich war. Der Fuhrmann, den man im Dorf kannte, pflegte in der Kiste die entseelten Selbstmörder zu holen und in die Anatomie nach Tübingen zu führen.

Es war schon lange Zeit nicht mehr vorgekommen, daß sich zu Stetten einer entleibt hatte, und verwundert schaute jedermann dem Gefährt nach und wollte wissen, war da geholt werden sollte!

Der Fuhrmann, der wohl merkte, daß man auf ihn acht gab, fuhr zuerst in eine Gasse links ein, lenkte zurück und fuhr in eine Gasse rechts, und als er glaubte, daß man seine Sput verloren hätte, ließ er seinen Wagen in David Pfeffers Höflein einlaufen, verschloss das Tor und verriegelte es. Danach sah man im Haus eine Hand von innen die Fensterläden zuschlagen.

Dann war es still. Nach einer Weile öffnete der Fuhrmann wieder das Tor und fuhr mit den Wagen, auf dem die lange graue Kiste lag, auf den Hof. Obwohl er alles heimlich betrieben hatte, war sein Tun nicht unbemerkt geblieben und er wurde von Draußen stehenden befragt, wer sich in Pfeffers Haus ein Leid angetan habe, ob Pfeffer selbst oder ein anderer!
Der Fuhrmann, der ein brummiger Kerl und Schweiger war, sagte nichts weiter als, er hätte seine Müh und Not gehabt, den langen Kerl in seine Kiste hineinzubringen, fluchte, murmelte was vor sich hin und fuhr zu.

Da gerieten nun einige, die dabei standen, ganz aus dem Häuschen vor Schreck und Grauen, daß der lustige Pfeffer sich entleibt haben sollte, liefen zu seiner Braut, der Magdalene, und brachten die Unglückliche in die größte Verzweiflung, denn sie hatte sicher mit der Hochzeit gerechnet und schon alles vorbereitet. Als der Totenwagen an ihrem Haus vorüberfuhr, trat sie ans Fenster, rang die Hände, nannte den Verstorbenen in  einem Atem einen Ehrenmann und einen Ungetreuen, ihren guten Engel und ihren Glücksverderber, und Tränen liefen ihr über die Backen, von denen man nicht wußte, ob es Schmerzenstränen oder Tränen der Wut waren!
Zu spät fiel es ihr ein, den Fuhrmann, der ohnehin keine freundliche Miene für sie hatte und eilig zum Dorf hinausfuhr, nach dem Totenschein zu fragen!

Aber lasst und bei dem Fuhrmann, seinem Wagen und seiner Fuhre bleiben!

Eine gute Wegstunde vor dem Dorf ließ der mürrische Fuhrmann das Pferd vor einer einsamen Herberge haltmachen und tat einen Pfiff. Der Deckel des Sarges hob sich, und ein Lebendiger, der darin lag, streckte den Kopf heraus und fragte: "Wie ist die Luft?"
Da trat der Wirt mit seiner Magd vor das Haus, der Fuhrmann tat wieder einen Pfiff und er der Deckel klappte zu.
"Was hast du denn heut' in deinem Kasten?" fragte der Wirt den Fuhrmann, und trat gemächlich an den Wagen heran.
"Ach, ich soll's nicht sagen", seufzte der, "aber diesmal ist die Reihe am Pfeffer von Stetten, der mir ein lieber Freund war!" -
"Mir nicht minder", sagte der Wirt, ""für den ist's jammerschade! Auf zehn Stunden weit und breit hat keiner so gut zum Tanz aufgespielt wie er, und sein Mundwerk war Gold wert! Wiewohl er mir noch zehn Gulden schuldig ist, will ich ihm nichts nachsagen. Ja, ich schenkte sie ihm gern und eine Flasche ein dazu, wenn er noch lebte!"


"Das hält kein Toter aus!" rief da plötzlich eine Stimme aus der Kiste. Der Wirt mußte sich am
Wagen festhalten, so schüttelte ihn der Schreck. Mit einmal flog der Sargdeckel in die Höhe und hervor sprang Pfeffer, wie er leibte und lebte!
"Ich nehme dich beim Wort, guter Freund!" rief er, hüpfte vom Wagen und umarmte den zu Tode Erschrockenen.
"Es bleibt dabei", sagte der Wirt, "der Witz ist mir eine Flasche wert! Aber was hast du vor, Pfeffer, daß du dich in einen Sarg legst und auf dem schändlichen Fuhrwerk umherfährst ?
"Wenn du die Wahrheit erfahren willst, gesetzt, daß du schweigst", antwortete Pfeffer, "dann gib auch dem Fuhrmann eine Flasche! Er hat sie so gut verdient wie ich!"
"Es kommt mir nicht darauf an", sagte der neugierige Wirt, "seid unbesorgt, ich bin mit von der Partie, wenn es einen guten Streich gilt!"
Unterdessen brachte die Magd den Wein.
"Du mußt wissen, daß ich tot bin!" sagte Pfeffer. "Es ist schwer zu glauben", sagte der Wirt.
"Für die zu Stetten bin ich's! Hast du schon von den  Schildbürgern gehört ?"
"Wohl! Wohl!"
"Die einen leibhaftigen Bock zum Gärtner gemacht haben - ? Die zu Stetten sind ihnen über!" sagte Pfeffer und erzählte dem Wirt, auf welche Weise er mit der Schulzentochter verlobt war, und wie der Schultheiß ihn zum Büttel machen Wollte, um seine Tochter recht versorgt zu wissen! -
Da fing der Wirt wieder zu lachen an und sagte: "Ei, in einem solchen Falle muß der Bock klüger sein als der Bockhalter!"
"Er ist's auch", sagte Pfeffer.
"Und die Hochzeit?" fragte der Wirt.
"Ist schon vorüber oder fällt aus, wie Ihr wollt!"
"Das ist dein bester Streich, Pfeffer, wiewohl es dich teuer zu stehen kommt, dein Haus und alles dahintenzulassen!"
"Ich kanns nicht vor mir hertreiben!" sagte Pfeffer.
Als sie die Flasche getrunken hatten, stand Pfeffer auf, nahm seine Geige aus dem Zwerchsack, fiedelte so wild und so schön, wie er nie vorher gefiedelt hatte, lachte und drehte sich wie ein Tänzer. Voll Übermut warf er die Geige in die Luft und fing sie wieder auf,
lief quer übers Feld, juchheite und pfiff und lachte über die ganze Welt, der Schelm, der Schalk, der närrische Fiedler!


-o-

< zurück
weiter >