Fellbacher Zeitung, 10.9.1992


Ein Jubiläum, das nicht gefeiert wird: Das erste Fellbacher Rathaus wurde vor 400 Jahren gebaut.

Auf dem Dachreiter das Rathausglöcklein

Mit Erweiterungsbau im Jahre 1912 war auch ein Umbau fällig - Heute Sitz des Polizeireviers.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Brien

Ein Jubiläum war früher noch ein stolzes Datum: 25 Jahre Gesangsverein, 50 Jahre Feuerwehr 100 Jahre Kleintierzucht. Wie schnellebig die Gegenwart geworden ist, lässt mich ein Blick in den Jubelkalender erahnen: Kein Verein wartet mehr auf ein rundes Datum, denn Feste wollen gefeiert werden wie die Jahrestage fallen, alle fünf Jahre ein Jubiläum, das ist das mindeste. Denn fünf Jahre sind eine lange Zeit in einer Zeit, in der Mauern und Imperien in Tagen stürzen. In Fellbach dagegen wird ein schönes rundes Jubiläum von niemand gefeiert – von wem auch ? Vor 400 Jahren wurde in der Cannstatter Straße das erste Rathaus des Weingärtnerdorfes errichtet - eigentlich ist dies ein Jubiläum, aber es wird in der Kappelbergstadt nicht gefeiert werden.

 

Das 1592 erbaute alte Rathaus von Fellbach 
wurde 1912 stark verändert

Im Jahre 1908 hat ein Orts-Chronist, der Oberlehrer Johann Georg Eppinger, in seiner Fellbach-Beschreibung das Rathaus so geschildert: „Was das Rathausgebäude selbst betrifft, so trägt es, wie noch verschiedene Häuser in Fellbach, den Charakter eines altwürttembergischen Riegelbau Gebäudes mit verzierten Unterstöcken aus der Renaissancezeit. Eine an der Treppe angebrachte Inschrift trägt die Namen der beim Bau des Rathauses amtierenden Gerichts- und Amtspersonen und der ausführenden Maurer. Die Inschrift heißt: Nikolaus Kraus, Vogt von Cannstatt, Schultheiss Hans Seibold, Bürgermeister Hans Schnaitmann und Jakob Pfisterer". 

Mit der Giebelseite stand das erste Rathaus zur Cannstatter Straße. Ein großes Bogentor führte in den Rathauskeller hinab. Das Erdgeschoß des alten Baues war massiv, wie seit 1550 üblich, das Obergeschoß in verputztem Fachwerk ausgeführt. Besonders charakteristisch war die südliche Langseite. Eine später überdachte Freitreppe mit Früh-Renaissance-Formen führte zum Obergeschoß. Sie ruhte auf einem Gewölbe, das von einer ländlich derben, korinthischen Säule getragen wurde. Über dieser Treppe erhob sich ein zweigeschossiges Zwerchhaus mit einer Uhr, die heute im Stadtmuseum in der Hinteren Straße zu besichtigen ist. Auf dem Dachfirst saß ein Dachreiter mit dem Rathausglöcklein, so berichtet Walter Nimmerichter in seinem Büchlein „Alt-Fellbach".

Im ersten Stock residierte der Schultheiß, Amtmann oder Ortsvorsteher, Amtsdiener hatten hier ihre Räume und der Gemeinderat seinen Sitzungssaal. Im Untergeschoß lag das Wachlokal der Polizei und die Wohnung des Amtsdieners. Walter Keinath datiert den Bau in die Zeit von 1588 bis 1610, dies sei aus einer Inschrift hervorgegangen, eine Angabe, die auch Walter Nimmerichter aufgreift. Diese lange Bauzeit sei dadurch zu erklären, daß zum Materialtransport nur Pferde und für die Bauarbeiten nur menschliche Arbeitskräfte ohne technische Hilfsmittel zur Verfügung gestanden haben. Vielleicht, so spekuliert Nimmerichter, „fehlte auch das erforderliche Geld, das erst nach und nach aufgebracht werden konnte, was wegen der vorangegangenen kriegerischen Zeiten begreiflich wäre".

Ein solch langer Zeitraum gibt für ein Jubiläum freilich wenig her, weshalb man sich besser wieder an Chronist Eppinger hält. „Die Zeit des Rathausbaues scheint ins Jahr 1592 zu fallen", schreibt er, „diese Zahl steht nämlich im Gewölbe des geräumigen Kellers". Vor 400 Jahren, so ist also festzuhalten, erhielt Fellbach ein Rathaus. 

An seiner Stelle steht heute der Südtrakt des Gebäudes, in dem das Polizeirevier untergebracht ist. Dieser Bau hat mit Krüppelwalm und Dachreiter, in Größe und giebelständiger Lage noch viel Ähnlichkeit mit dem Renaissancebau von 1592. Vor 80 Jahren - in Oeffingen wurde damals das erste richtige Rathaus gebaut - wurde das alte Fellbacher Rathaus nämlich von den Architekten Hans und Hermann Moser umgebaut und durch einen größeren Neubau mit Jugendstil-Elementen und Arkaden entlang der Cannstatter Straße erweitert. „Die Architekten waren bestrebt, das neue Haus im Verein mit dem alten seiner Umgebung von behäbigen alten Giebelhäusern anzupassen", berichtete die „Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen" vom 30. November 1912. „Die Aufgabe", heißt es weiter, „war schon durch den verlangten Einbau des alten Rathauses nicht leicht, es mußte außerdem das Fellbacher Rathaus, das keinen Marktplatz hat, in die Enge der Gassen hineingezwängt werden". Die Zeitung lobt den Bau als „würdiger Repräsentant der Gemeinde", da auch der „gediegenen äußeren und inneren Ausstattung nur eine Bausumme von zirka 130.000 Mark gegenüber" stand. Dieses „neue Rathaus" wird mittlerweile das „alte" genannt, denn vor sechs Jahren zog die Stadtverwaltung ins wirklich neue Rathaus um und überließ das alte Gebäude der Polizei. 

Das neue Rathaus ist auch ein „würdiger Repräsentant" der Stadt, hat allerdings 56 Millionen Mark gekostet. Und 320 Jahre lang, wie das erste Fellbacher Rathaus, wird es der Stadtverwaltung gewiß nicht genügen. Da ist unsere Zeit viel zu schnellebig. Und ganz gewiß wird 1996 ein Jubiläum gefeiert werden: Zehn Jahre neues Rathaus.

Altes Rathaus mit Konstanzer Pfleghof auf einer alten Postkarte von Fellbach