Vom Unterrichten, Orgel traktieren und Choräle singen

Vor 465 Jahren bekam Fellbach seinen ersten planmäßigen Schulmeister 

Das Fellbacher Schulwesen kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Seine An­fänge reichen bis ins 16. Jahrhundert zu­rück. Es war im Jahre 1536, als Johann Böhem erster planmäßiger Lehrer in Fellbach wurde. Für die damalige Zeit war das durchaus keine Selbstverständlichkeit. Wohl bestanden lateinische Schulen in den Klöstern und Städten. Aber eine Pflicht zum Besuch einer Schule gab es für die Bevölkerung nicht, vor allem nicht in einem Dorf, das damals rund 1000 Einwohner zählte.

Erst die großen geistigen, religiösen und politischen Strömungen und Auseinandersetzungen im 15. und 16. Jahrhundert brachten hier einen Wandel. Das humanistische Bildungsideal fand seinen Widerhall bei den Reformatoren und gipfelte in der Forderung Luthers, die Obrigkeit habe die Pflicht, für ihre Untertanen Schulen einzurichten.

In Württemberg war für das Schulwesen die „Große Kirchenordnung” entscheidend, die Herzog Christoph im Jahre 1559 erlassen hatte. Dieses Gesetzeswerk enthielt auch eine Schulordnung. Sie bestimmte, dass bei allen Mesnereien „teutsche Schulen” eingerichtet und Knaben und Mädchen zur Schule geschickt werden sollten. Damit wurde in Württemberg zuerst der Gedanke einer für das ganze Volk bestimmten Schule verwirklicht. 

Durch die neue Schulordnung wurde das württembergische Schulwesen mit der Landeskirche aufs engste verknüpft. Der „Schulmeister” versah gleichzeitig den Mesnerdienst, der bis zum Jahr 1888 mit dem Lehramt verbunden war. Außerdem „traktierte er die Orgel und sang dabei den Choral”. Unterrichtsfächer waren Lesen, Schreiben, Katechismus und Gebet. Im Mittelpunkt stand die religiöse Unterweisung der Jugend. Sprüche, Lieder und Psalmen mussten auswendig gelernt werden. Lesen lernten die Kinder nach der damals geltenden Buchstabiermethode. Es war ein langer, mühseliger und oft auch tränenreicher Weg, bis die Kleinen die Buchstaben zu Silben und nach zwei bis drei Jahren die Silben zu Wörtern „zusammenschlagen” konnten. Schönschreiben stand in hohem Wert. Erziehung zu Gottesfurcht, zu christlichem Sinn und rechtschaffenem Wandel fand ihre besondere Pflege in den damaligen Schulen. 

Über dem rechten Tor der Wehrmauer der Lutherkirche war einst 
die Schule untergebracht.

Rechnen stand anfangs nicht auf dem Stundenplan. Aber die Fellbacher scheinen schon vor der pflichtmäßigen Einführung dieses Unterrichtsfachs durch die „Erneuerte Schulordnung” des Jahres großen Wert auf die Erteilung des Rechnens gelegt zu haben. Beim Schulmeister Eberhard Lenz beanstandete ein Bürger bei der Visitation, dass es dem Schulmeister an nichts fehle als am Rechnen. Er „lehre die Jugend wohl im Beten, Lesen und Schreiben und man habe nie einen besseren und frömmeren Schulmeister gehabt. Das Rechnen werde jedoch fleißig durch den Provisor ersetzt.” 

Die Lehrer standen auch zu jener Zeit stark unter dem Urteil der Öffentlichkeit. Zwar übte der Ortspfarrer die unmittelbare Aufsicht über Schule und Lehrer aus, indem er mindestens einmal in der Woche einen Schulbesuch machte. Außerdem beurteilte bei den meist jährlich vorgenommenen Kirchenvisitationen der Spezial (Dekan) von Cannstatt das Schulwesen. Aus dessen Visitationsberichten ergibt sich ein klares und lebendiges Bild über die Verhältnisse jener Zeit. 

Zu allen Zeiten wird die Schule sehr wesentlich von der Persönlichkeit der Lehrer geprägt. Christoph Wegmann war von 1709 bis 1739, also 30 Jahre lang, Schulmeister in Fellbach. Es wird ihm immer wieder bescheinigt, er sei wohl qualifiziert, habe gute Eigenschaften zu einem Schulmann, wende sie auch fleißig an. Er sei jedoch etwas saumselig und man sei wegen seiner Aufführung nicht zum besten mit ihm zufrieden. Seine häufige Krankheit sei auf sein manchmal unordentliches Leben zurückzuführen. Im Rausch habe er einmal den Schultheißen „grob geschmähet”, wofür er vom Oberamt gestraft worden sei. In seiner Familie solle er manche Unordnung nicht dulden, er müsse besser haushalten und ein eingezogenes Leben führen. Um „seiner liederlichen oeconomie willen” könne kein rechtschaffener Provisor bei ihm bleiben. Die Provisoren waren Lehrgehilfen, die vom Schulmeister in die Unterrichtspraxis eingeführt, entlohnt und meist auch von ihm verköstigt wurden. Besondere Lehrerbildungsanstalten gab es noch nicht. 

Seit 1649 bestand für alle Kinder vom 6. Lebensjahr an die Pflicht zum Schulbesuch. Aber die Eltern scheinen dies nicht immer beachtet zu haben. Der schlechte Besuch der Schulen im Sommer wurde damit begründet, dass die Kinder zur Feldarbeit gebraucht würden. Wahrscheinlich wurde in den Anfangsjahren nach der Errichtung der Schulen vielfach im Sommer kein Unter­richt gehalten. Dem Schulmeister Georg Thusnit (1572-1591) bedeutete man, er müsse, weil Fellbach „eine große Gemein und der Jugend viel nit nur den Winter, wie sonst gemeinlich in geringen Flecken, sondern auch den Sommer Schuol halten”. 

Offenbar sahen sich viele Schulmeister noch nach anderen Einnahmequellen um, denn von ihrem Einkommen als Lehrer konnten sie nicht leben. Von Johann Kayser, der 1557 die Schule übernommen hatte, ist bekannt, dass er für sein Lehramt nur das Schulgeld erhielt, das jeder Schüler an ihn bezahlte und das vierteljährlich fünf Schillinge betrug. Als Mesner hatte er noch eine Wiesennutzung und freie Wohnung. Von jedem Bürger erhielt er dazu jährlich ein Brot, den sogenannten „Mesnerlaib”. 

Später scheinen sich die Einkommensverhältnisse etwas gebessert zu haben, aber immer noch gab es Beschwerden wegen der Besoldung. Der bereits erwähnte Schulmeister Lenz wandte sich an den Vogt in Cannstatt und brachte vor, man habe ihm neben seiner Besoldung zwei Eimer Wein zugesagt. Der Rat habe ihm jedoch nur einen Eimer genehmigt. Er brauche den Wein dringend, schon infolge des starken Singens, des Schulstaubs und anderer Ungelegenheiten, die er einnehmen müsse, und außerdem sei er ohne den Wein ein blöder Mann. Der Schultheiß von Fellbach gab darauf an den Vogt folgende Aufstellung über die Bezüge des Schulmeisters: Vom Schultheißenamt fünf Gulden jährlich, vom Heiligen (Kirchenpflege) ebenfalls fünf Gulden. Anstelle von Mesnerlaiben erhält er 15 Scheffel Dinkel, dazu einen Eimer Wein, Brennholz sowie Holzgeld von sechs Gulden. Er nutzt drei Viertel Wiesen und zwei Viertel Land. Die Schulmeisterwohnung wird ihm unentgeltlich überlassen. Schulgeld erhält er im Sommerhalbjahr von jedem Schulkind 16 Kreuzer, im Winterhalbjahr 24 Kreuzer. Außerdem bezog er für Hochzeiten, Kindstaufen und Leichenbegängnisse noch Sänger- und Läutelohn.


Aus dem Fellbacher Stadtanzeiger, 27.9.2001