Geschichte von Stetten im Remstal

von Adolf Kaufmann

Herausgegeben im Auftrag der Gemeinde Stetten im Remstal im Juli 1962


Auszug Seite 448:

Auswanderer aus Stetten im Remstal

1816 Christoph Friedr. Laißle, Küfermeister, mit Frau und 6 Kindern nach USA, Armut, keine Arbeit, tüchtiger Bürger, Vermögen 385 fl. Hansjörg und Christoph Knauss, Witwer, beide Weingärtner, 64 und 40 Jahre alt, ersterer mit Frau und 36jähriger Tochter, letzterer mit 4 Kindern nach Kaukasien, Separatisten: ,,bloß wegen der Religion einen Ruigeren Plaz in der Welt aufsuchen ", gute Bürger, Vermögen nicht angegeben. Anna Dorothea Pfefferin, 33 Jahre alt, Schwester des Spielmanns, geht mit ihren Glaubensgenossen. Jakob Friedrich Enßle, Weingärtner, mit Frau und Sohn nach Kaukasien. Armut durch Mißwachs, Vermögen 1700 fl, Schulden 1200 fl.

 

1817 Sabina Magd. Wölzin, ledig, 47 Jahre alt, nach Kaukasien. Armut, Vermögen 366 fl. Adam Krißler, Zimmermann, Witwer, 64 Jahre alt, mit 9jährigem Sohn nach USA. Armut, ,,hat durchaus kein Vermögen, er hat weder ein Haus noch ein Stückchen Guths, sein ganzes Vermögen bestehet in seinem Werkzeug".

1818 Johannes Strähle, Weingärtner, 44 Jahre alt, mit Frau und 4 Kindern nach Georgien. Separatist, angesehener Bürger, Vermögen 1900 fl, Schulden 1400 fl.

 

1819 Ludwig Vetter, 56 Jahre alt, mit Frau und 3 Kindern nach Rußland. Separatist, gutes Prädikat, Vermögen 2610 fl. Jg. Christoph Eccard geht mit Ludwig Vetter, Separatist: ,,daß man in Ansehung Kirchlicher Ordnungen seit einiger Zeit mehrere Abänderung gemacht, wo er glaube, daß solche gegen die Lehre Christi sey, namentlich bei Taufe und Abendmal, was sie ohnmöglich annehmen können, und habe deßwegen Hoffnung, daß lhnen freie Ausübung der Religion und Gewissens Freiheit in Georgien werde zugestanden werden."

 

1826 Joh. David Enßlen, 34 Jahre alt, will den vor vier Jahren ausgewanderten Bruder in USA besuchen und bei ihm bleiben. Vater einm vermöglicher Mann, selbst 300 fl erspart, bekommt vom Vater noch 200 fl zur Reise. Tochter des Jakob Wolf, Tochter des Johannes Beurer, Reck, Christoph

Strähles Pflegetochter nach Philadelphia zum Besuch ihrer Geschwister, jede 300 fl.

1824 Johanna Magdalena Medinger, 39 Jahre alt, mit ihrem 11jährigen Sohn zu ihrem Bruder Eberhard Medinger nach USA.

1827 Jung Augustin Enßlen nimmt von Kaufmann Bahnmayer in Eßlingen 300 fl auf für Reise nach USA ,,um daselbst die Handlung zu betreiben". Reg. Kath. Fiesenhauser mit 2 unehelichen Kindern USA. Eberhard Wilhelm mit Familie nach Rußland. Johann Adam Moser, Sohn des verstorbenen Lammwirts Chr. Adam Moser, nach Baltimore.

 

1828 Andreas Dietelbach war im Jahr zuvor nach Banawu (?) im österreichischen Banat (?) gereist und hatte dort als Gärtner gearbeitet. Bittet schriftlich um Geburtsbrief und Entlassung aus dem Bürgerrecht, weil er in seiner neuen Heimat als Bürger aufgenommen werde, wenn er die Urkunde vorweise.

 

1829 Wilhelm Adam Linsenmajer und Anna Dorothea Hummel, Johannes Schmid, Jakob Daxer nach Nieder-Ungarn. Johannes Friedrich Deuschle nach Bessarabien. Er verkauft seine Güter um 1200 fl. Wilhelmine Wahler Wwe. geb. Laißle mit Jakob Daxer ,,in die K.K. Österreichische Staaten und zwahr nach Nider-Ungarn in Banat", 300 fl Reisegeld von ihren Kindern. Elisabetha Barbara Beck, ledig, nach USA.

 

1831 Johannes Eißele, ledig, Joh. Adam Vetter, Johanna Friederike Beurer, Katharina Dorothea Deuschle nach USA. Johann Michael Moser, Schneider, Johannes Kurrle David’s Sohn, Johann Georg Wolf, Johann Friedr. Beck, Lukas Greiner, Ludwig, Johann Christoph und Maria Dorothea Kurrle, Jakob Eißele, Johann Friedrich Vetter, alle ledig, nach USA. Johann Adam Greiner, Johanna Flisabetha Schmid nach USA. Johannes Conzmann, Soldat, Christian Ebner mit Frau und S Kinder; Israel Zimmer mit Frau und 4 Kindern nach Sarata in Bessarabien. Johannes Conzmann mit Frau und 5 Kindern, Ludwig Beck, ledig, nach Bessarabien.

 

1832 Johann Georg Enßle, Weingärtner, mit Frau und 5 Kindern nach USA. Heinrich Widmaier mit Frau und 5 Kindern, 1 bis 9 Jahre alt, Gottfried Treiber mit Frau und 6 Kindern, 7 bis 20 Jahre alt, Michael Mezger, Küfer, mit Frau und l7jähriger Tochter, Johann Adam Mezger, Küfer, mit einem 6 Monate alten Mädchen, Jakob Dreizier, Wagner, mit Frau, Johann Adam Wölz, Maurer, Steinhauer und Geometer, mit Frau und Kind, Friederike Maria und Regina Margaretha Ehlin, ledig, Gottfried Kurrle, Metzger, 15 Jahre alt, Magdalena Kurrle, Magdalena Bader, Johannes Schneck, alle drei ledig, im Besitz von 150 bis 200 fl nebst Proviant, alle nach USA.

1833 Friederica Margaretha Wolf, ledig, Friederica Eißele, ledig, nach USA, letztere zu ihrem Bruder, Johann Georg Enßle, Weingärtner, mit Frau und 5 Kindern nach USA.

 

1835 Jung Daniel Beck mit Frau und 12 Kindern nach USA.

 

1836 Johannes Schmid und Thomas Wahler, beide ledig, nach USA. Das Reisegeld wurde aufgenommen und auf ihr Vermögen angerechnet. Elisabeth Beck mit Tochter, Johanna Vetter, Johannes Vetter mit Frau und Kind nach USA. Michael Krießer, Zimmermann, nach Frankreich.

 

1840 Witwe des Johann Georg Wolf zu ihrer Tochter nach USA.

 

1841 ,,Johann Georg Ehle will auf einige Jahre als Weingärtner mit einem Herrn nach Australien gehen, um sich daselbst einiges Vermögen zu erwerben und ist willens, sein Weib und seine drei Kinder hier zurückzulassen. Er wird alles Ernstes ermahnt, sich zuvor wohl zu bedenken, welch gefährlichen Schritt er thue, in einen 5ten Weldtheil zu wandern." Ehle will sich so viel erwerben, daß er seine Familie nachkommen lassen könne oder komme er wieder hieher mit einem ansehnlichen Geltvorrat, wordurch er die Seinigen glücklich zu machen gedenke. Johannes Fischer, Schneider, nach USA.

 

1844 Johann Georg Dietelbach nach Ungarn, 620 fl Vermögen, Joh. David Kunzmann, Ungarn, 410 fl. Dieser David Kunzmann, von Beruf Holzspalter, ist 1847 aus Siebenbürgen zurückgekehrt, vollständig mittellos, arbeitet als Holzspalter, Gemeinde bezahlt Miete für Familie, gibt Holz, Frucht für 34 fl, Ortsarme.

1846 Job. Schneck, ledig, USA, gedient, 180 fl Reisegeld, Luise Vetter, ledig, mit Schwester Berta nach USA, 350 fl. Jakob David Mödinger beantragt Reisepaß, um Verwandte in USA zu besuchen, muß, da 17 Jahre alt, bis 1850 wegen Rekrutierung wieder hier sein, 100 fl bewilligt, Christ. Brändle, lediger Metzgerknecht, gedient, nach USA. ,,Mödinger hat sein nettes Reisegeld durchgebracht und ist nur bis Havre ins Frankreich gekommen." Luise Bestle, ledig, Ungarn, 88 fl. Christoph Wolf, ledig, nach Frankreich, weil er Soldat in Algerien war, hat er eine Pension, die er in Frankreich verzehren will. Joh. David Eißele, Schneider, Siebenbürgen.

 

1847 Christian Eberhard Egidi, Schuster, ledig, USA, Jakob Friedrich Hummel, Schreiner, 42 Jahre alt, reist nach USA, Witwe des Jakob Munder mit 3 Kindern, 16 his 25 Jahre alt, USA, 535 fl, Anna Dorothea, 21 Jahre alt, und Christiana Katharina Bestle, 19 Jahre alt, Wilhelm Schneck, Luise Barbara Mödinger, 150 fl, alle USA.

 

1850 August Carl Wölz, lediger Konditor, Eva und Karoline Wahler, ledig, 29 und 25 Jahre alt, Johannes Wahler, Eisengießer, 23 Jahre alt, alle USA.

 

1851 Gottlieb Striebel mit Frau und 7 Kindern zu Verwandten, Friedr. David Bestle mit Frau und 4 Kindern, Jak. David Beurer mit Frau und 8 Kindern, alle nach Nordamerika. Alle haben Geld übrig zum Ankauf von Gütern in USA. Gottlieb Bestle, ledig, Johannes Eißele, Hutmacher, mit Frau, Schwester und 6 Kindern, Johann Gottlob und Christian Friedrich Wahler, 20 und 17 Jahre alt, zu ihren Geschwistern, Joh. Friedr. Wünsch, lediger Weingärtner, 26 Jahre alt, alle USA.

 

1852 Adam Pfeil mit Weib und 7 Kindern, Jakob Friedrich Pfeffer, Musikus, mit Weib und fünf Kindern, Jakob Hildenbrand mit Weib und 4 Kindern, alle nach Südamerika, wenn sie von der Gemeinde unterstützt werden. Elisabeth, Witwe des Müllers Schneck, mit 2 Kindern, hat von ihrem Sohn in USA einen Wechsel über 110 fl erhalten, Joh. Rühle, ledig, Wilhelm Silber, ledig, Christoph Foldan, Nagelschmied, Kath. Medinger mit Kind, Gottfried Bestle, ledig, alle USA.

 

1853 Johann Christian Eißele, Johanna Maria Eißele, Christiane Dorothea Lang, 21 Jahre alt, David Schmid Wwe., Witwe des Bäckers Carl Friedr. Holder mit Kind, Johannes Zimmer, ledig, Johann Adam Greiner, ledig, Israel Greiner mit Frau und 2 Kindern, Joh. Georg Hildenbrand, ledig, Kath. Foldan, ledig, Friedrich Schlotterbeck, ledig, Lukas Beurer, 180 fl Vermögen, Wilh. Friedr. Enßle, 180 fl, Luise Marg. Wolf, 180 fl, Christian Friedrich Schneck, 500 fl, Johanna Magd. Medinger, 25 Jahre alt, 100 fl, Wilhelm Ebner, 20 Jahre alt, 150 fl, Jakob Joseph Treiber, 20 Jahre, 130 fl (wird darauf aufmerksam gemacht, daß er im nächsten Jahr militärpflichtig wird, muß deshalb noch im Dezember 1853 abreisen, erhält später keine Erlaubnis mehr).

 

1854 Jakob David Knecht, 26 Jahre, 91 fl, David Linsenmajer, 26 Jahre, 225 fl, Joh. Friedr. Schneck, Zimmermann, 26 Jahre, 200 fl, Joh. Friedr. Fiesenhäuser, 24 Jahre, 200 fl, Christian Medinger, Schreiner, 150 fl, alle beim Militär gedient. Magd. Linsenmaier, 23 Jahre, 180 fl, Gottlob Konzmann, Weingärtner, mit Frau und 4 Kindern, 900 fl, Elisab. Friederike Linsenmaier, 19 Jahre alt, 20 fl, Friederike Hummel, 21 Jahre alt, hat 125 fl erspart, Bruder aus Philadelphia hat 100 fl Reisegeld geschickt, Christiane Barb. Eißele, 24 Jahre alt, 130 fl, alle USA.

 

1855 Wilh. Friedr. Schneck, lediger Kammacher, 17 Jahre alt, 107 fl von Mutter und Bruder aus USA geschickt; Andreas Beck, 20 Jahre alt, Michael Beck, 18 Jahre alt, Söhne des David Beck, 500 fl, Christian Wilh. Haidle, 20 Jahre, 250 fl, Johannes Eißele, Heinr. Sohn, mit Frau und fünf Kindern, 270 fl, Rosine Schneck, ledig, 46 Jahre, 300 fl, Heinr. Ludwig Eißele mit Frau und 14jährigem Stiefsohn, David Eißele mit Familie, 15 fl Bürgergeld herausbezahlt ,,würde voraussichtlich aber kurz oder lang der hiesigen Gemeinde zur Last fallen", alle nach Australien. Joseph Dick, Instrumentenmacher, 20 Jahre alt, 105 fl, David Dietelbach, Uhrmacher, Frau und 2 Kinder, 2900 fl, Jak. Wilh. Enßle, 27 Jahre alt, 150 fl, Wilhelm Wolf mit Frau und 3 Kindern, 300 fl, Heinr. Ludwig Eißele, mit Frau und Kind, 300 fl, alle nach USA.

1856 Lukas Beurer, Webermeister, Frau und 2 Kinder, 1800 fl, Gottlieb Linsenmaier mit Frau und 5 Kindern, 3 erwachsene Kinder schon drüben (2 Söhne, 1 Tochter), 1381 fl, sein Haus nicht verkauft, Gottfried Fiesenhäuser, alle nach USA.

 

1859 Johannes Fischer, USA, einige Jahre schon keine Nachricht.

 

Von einer besonderen Art der Auswanderung berichtet das Gemeinderatsprotokoll vom Jahr 1861: Johann Adam Pfeil und Andreas Zimmer, beide ledig, waren 1859 ohne Erlaubnis der Regierung in päpst1iche und neapolitanische Kriegsdienste getreten und bei der Einnahme der Seefeste Gaeta (zwischen Rom und Neapel) im Februar 1861 durch Garibaldi und den neuen König von Italien mit dem Heer des seitherigen Königs von Neapel und Sizilien in Gefangenschaft geraten. Die beiden Söldner wurden nach ihrer Entlassung in ihre Heimat verwiesen, und da sie das Bürgerrecht verloren hatten, mußte das Oberamt über ihre Versorgung und die Verleihung des Bürgerrechts entscheiden. Die beiden Heimkehrer erhielten das Bürgerrecht ohne Gebühren, und im Falle der Bedürftigkeit sollte das Oberamt zwei Drittel der Kosten tragen.

Der Gemeindepfieger hatte einige Auslagen: für Andreas Zimmer mußten dem Konsulat in Rom für ein Paar Schuhe 4 fl 25 x ersetzt werden, die Reise von Marseille bis Stetten kostete 11 fl. Johann Adam Pfeil, der päpstliche Soldat, war ,,von Kleidern und den nöthigsten Mitteln entblößt" und hatte in Ravensburg das Krankenhaus aufsuchen müssen, weil er mit Krätze behaftet war, Kosten laut Rechnung 5 fl 51 x.

Von einer nicht ganz freiwilligen Auswanderung erfahren wir aus den Rechnungen der Gemeindepflege von 1871. Luise Fiesenhäuser wurde aus dem ,,Zuchtpolizeihaus" Heilbronn entlassen und mit einem Mädchen aus Tailfingen sofort dem Agenten Stäh1e übergeben, der beauftragt war, die beiden nach New York zu schaffen. Die Fahrt Hamburg - New York kostete 127 fl, Taschengeld 20 fl = 8 Dollar, Reisepaß 33 x, Lederstiefel 3 fl 24 x, zwei Hemden 2 fl 36 x, Kleiderstoff 6 fl, Handschuhe 41 x, eine Rolle Faden 6 x, Schuhnestel 2 x, Zehrgeld bis Hamburg, Waschbecken, Geldbeutel 3 fl 33 x.

Am 3. Januar 1872 fuhren die ,,Ausgewanderten" auf dem Zwischendeckdampfer „Westfalia" in Hamburg ab.

 

1873 kehrte Johannes Rühle, der 1868 ausgewandert war, wieder zurück. Er hatte 50 fl für Wiedererlangung der bürgerlichen Rechte zu bezahlen.

In den nächsten Jahren lesen wir nicht mehr viel von Auswanderungen. Erst nach dem ersten Weltkrieg, in der „Schwindelzeit", suchten wieder unternehmungslustige junge Leute ihr Glück in den Vereinigten Staaten.

Von den Schicksalen der vielen Menschen, die im 19. Jahrhundert Stetten verlassen haben, weiß man nicht viel. Die meisten haben nach wenigen Jahren nicht mehr geschrieben, und sie galten hier als verschollen. Die wenigen Auswanderer, die nach Ungarn, Bessarabien und Südrußland zogen, scheinen zum großen Teil durch Fleiß und Sparsamkeit zu behaglichem Wohlstand gekommen zu sein und auch ihre schwäbische Eigenart erhalten zu haben, weil sie geschlossene schwäbische Siedlungen gründen konnten.

 

Israel Zimmer, der 1831 mit seiner Frau und vier Kindern nach Siebenbürgen ausgewandert war, schrieb seinem Schwager Michael Eberhard und seinen Geschwistern in Stetten am 22. Februar 1859

aus Sarata in Bessarabien einen Brief, der nur sechs Tage unterwegs war. Folgendes sei daraus entnommen:

Wir haben 1857 ein gesegnetes Jahr gehabt, in Ansehung der Frucht viel und gut, aber wir haben großen Schaden erlitten durch die Heuschrecken, wenn ich es ganz gering anschlage, so habe ich selber 200 Rubel Schaden gehabt, dennoch haben wir ein schönes Geld aus der Frucht gemacht. Wein gab es mittelmäßig. 1858 hatten wir ein gutes Jahr an Frucht, Wein gab es wenig, auch in diesem Jahr sind die Heuschrecken wieder gekommen, die Ernte war aber schon abgemacht, wo sie angekommen sind. Was uns betrifft geht es uns gut, wir haben Gott sei Dank an nichts keinen Mangel.

Ich will die Zahl meiner Pferde, Hornvieh und Schafe nicht angeben und beschreiben, man könnte es mir als Prahlerei ausrechnen, doch nur soviel, es ist ein schöner Segen, freilich darf man die Hände nicht in den schoß legen, denn es gibt viel Arbeit dabei. Das Beste ist, daß ich alles mit meinen eigenen Leuten versehen kann, denn ich habe 9 Kinder bei mir zu Haus.

Ich arbeite zwar alle Tage, aber so streng wie früher gebt es nicht mehr, dem ungeachtet habe ich mich doch noch einmal zu einer Arbeit hergegeben, wozu man mich sozusagen gezwungen hat, wir bauen ein Schulhaus, 106 Schuh lang und 42 Schuh breit, dieses Bauwesen wird mit Hängwerk versehen, es ist ein großes Geschäft und man kann da die Leute nicht so haben wie in Deutschland. (Dieses Schulbaus ist in der Monatsschrift „Württemberg" 1935 abgebildet, es ist ein sehr stattlicher Bau.)

 

Im Jahr 1932 erhielt die hiesige Gemeindeverwaltung aus der Gemeinde Gnadenthal in Bessarabien eine Einladung zu ihrer 100-Jahr-Feier von einem Nachkommen des Israel Zimmer.

Wo sind sie heute, die vielen Menschen, die Stetten verlassen haben? In Amerika sind sie in der zweiten Generation Amerikaner geworden, und gar mancher „Besatzer" von 1945 hat heimlich nach seinem Heimatdorf gefragt.

Aber die Auswanderer, die die Donau hinuntergefahren sind, angefangen mit denen, die im 18. Jahrhundert vom russischen Kaiser, von Maria Theresia und von ungarischen Magnaten gerufen wurden, dann die vielen Tausende von Separatisten, die nach Georgien im Kaukasus zogen, die Schwaben, die in Bessarabien bei Odessa blühende Dörfer errichteten, alle die Hunderttausende, wo sind sie heute?

 

Die Bessarabier bat man ,,heim ins Reich" geholt und dann in den „Warthegau" verpflanzt, wo sie 1945 vertrieben, deportiert oder umgebracht wurden, alle andern wurden 1946 ausgetrieben und in alle Winde zerstreut. Manche sind wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt und haben mit schwäbischer Zähigkeit auf dem Boden ihrer Urväter Fuß gefaßt und neue Häuser gebaut.

 

Die Donau fließt und wieder fließt wohl Tag und Nacht zum Meer.

Ein Well die andre weiterzieht, und keine siehst du mehr.

All Frühjahr kehrn die Schwä1belein zurück, der Storch kommt wieder her,

Doch die gen Ungarn zogen sind, die kommen nimmermehr.

Das Ungarland ist’s reichste Land, dort wächst viel Wein und Treid,

So hat’s in Günzburg man verkündt, die Schiff stehn schon bereit.

 

Dort geits viel Vieh und Fisch und Gflüg, und taglang ist die Weid,

Wer jetzo zieht ins Ungarland, dem blüht die goldne Zeit.

Mein Schatz hat auch sein Glück probiert, doch nicht zum Zeitvertreib:

,,Und eh der Holder ‘s drittmal blüht, so hol ich dich als Weib",

und sieben, sieben lange Jahr, die sind jetzt nun hinab,

Ich wollt, ich wär bei meinem Schatz, doch niemand weiß sein Grab,

 

Altes Volkslied aus der Zeit der großen Schwabenzüge im 18. Jahrhundert.


Bild: David Pfeffer, handcolorierte Lithographie um 1850 im Besitz von Luise Schlegel, Alt-Ochsenwirtin