An article of the Fellbacher Zeitung in October 1998
Ein Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom Oktober 1998
Ein Artikel aus der Schwäbischen Heimat 3/1998

Ein Esser weniger am Tisch

Kinder als Hütebub und Gänsemagd im Schwabenland


Kaum begann im März der Schnee zu schmelzen, zogen seit dem 16. Jahrhundert Scharen von armen Kindern aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden ins reiche Oberschwaben. Auf dem Gesindemarkt boten die sieben bis l4jährigen ihre Dienste als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft an. Bis Martini verrichteten sie von früh bis spät Schwerstarbeit. Als Lohn winkte oft nur "ein leinenes Kleitle und ein wenig Gelt".
 
Zwei Schwabenkinder aus Graubünden (Buben mit Hut) bei einer Bauernfamilie in Arnach.

Leo Kerber sitzt am Kachelofen seiner Lechtaler Bauernstube und erinnert sich noch genau, wie er als Achtjähriger dem Vater freudestrahlend die 25 Mark auf den Tisch legte, die er den Sommer über beim Geißhüten verdient hatte. Zu seiner Zeit als "Schwabenkind" gab es nämlich schon richtige Verträge mit ausgehandeltem Lohn.

Ab 1901 bereiste Pfarrer Alois Gaim im Auftrag des Tiroler Hütekindervereins die Dienststellen der Kinder regelmäßig. Da mußte ein Bauer, bei dem man nicht genug zu essen oder gar Schläge bekam, schon damit rechnen, beim nächsten Gesindemarkt in Ravensburg kein "mageres Büble" als billige Arbeitskraft zu ergattern.

Die liberale Presse prangerte vor allem diese "Sklavenmärkte" an, bei denen um 1830 rund 4000 Kinder jedes Frühjahr einen Brotherrn suchten.

"Es ist für das Land Württemberg beschämend zu sehen, wie einige hundert wohlhabende Bauern in ihrem Geiz, bloß um einen Knecht oder eine Magd zu ersparen, die Kinder von armen Eltern schinden und plagen", war 1892 in der Zeitschrift für Kinderschutz und Jugendfürsorge zu lesen.

Leo Kerber hat immer einen "guten Platz derwischt", im Unterschied zu seinem Bruder Josef, der als Neunjähriger weinend bei Nacht und Nebel weglief und sich auf eigene Faust einen neuen Dienstherrn suchte. Denn im Herbst ohne einen Groschen Geld heimzukommen, das konnte er sich nicht vorstellen. Und einen großen Vorteil hatte die Schwabengängerei: Die Verpflegung war gut. Viel besser als zu Hause. Noch heute schwärmen die Brüder vom Frühstück mit reichlich geschmalzener "Kratzat" oder von Preßsack, Streichwurst und sogar Bier zur Jause.

So mancher Bauer mußte im letzten Jahrhundert sein Schwabenkind ohnehin erst aufpäppeln. Eine Ausstellung im Ravensburger Vogthaus dokumentiert noch bis zum 28. Oktober die tagelangen, bei Lawinengefahr besonders gefährlichen Fußmärsche der Kinder. Ab 1884 gab es zwar die Arlbergbahn, aber für viele arme Bergbauern blieb die Fahrkarte noch lange Zeit unerschwinglich. Und so mehrten sich die Klagen der Vorarlberger Bürger über abgezehrte, bettelnde Kinder entlang der Route zum Bodensee. Wohl denen, die einen erfahrenen Führer bei sich hatten, der wußte, in welchem Kapuzinerkloster es eine warme Suppe und einen Platz zum Schlafen gab.

Im November wanderten die Schwabenkinder dann denselben Weg wieder zurück. Ausgestattet mit "doppeltem Häs" - zwei Hemden, zwei Hosen und zwei paar neue Schuhe hatten sich als Lohn eingebürgert - und einigen Gulden, gönnten sich die Kinder im Übermut schon mal einen Schoppen Wein im Gasthaus. Und schon bot das "liederliche Gesindel" erneut Anlaß zur Klage.

Aber warum sollten sie sich nicht wie die Erwachsenen verhalten? Sie hatten schließlich monatelang Schwerarbeit verrichtet. Das Tagespensum eines Mädchens zum Beispiel: 5 Uhr Aufstehen. Schweine- und Gänsefutter kochen, Gemüsegarten jäten, Essen auf's Feld bringen, Bettenmachen, Mittagessen für 10 Leute kochen, Kuhstall ausmisten, Kinder füttern, wickeln, ins Bett bringen, Milchkannen in die Sennerei fahren, Geschirr abwaschen, Herd ausräumen, 23 Uhr schlafen gehen.

Nach so einem Tag wäre das stabile Holzbett mit blaukariertem Bettzeug der Ravensburger Ausstellung eine wahre Wohltat. Die Realität sah meist anders aus: ein aufgeschüttelter Strohsack in der Scheune und nicht mal eine Tür zum Abschließen. Dabei hätte vielleicht so was Banales wie ein Türschloß so manches Mädchen vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt. Die Dorfchronisten vermerkten nur: "Ins Wasser gegangen." Denn die größte Schande war, mit einem Kind heimzukommen, am Sonntag ganz vorne in der Kommunionbank zu knien und vor dem ganzen Dorf als Sünderin dazustehen.

Die Schwabengängerinnen waren nicht nur billige Arbeitskräfte, sie waren zum Teil auch sexuelles Freiwild. In den Lebenserinnerungen der Regina Lampert liest sich das noch relativ harmlos: "Eines Nachmittags gegen Abend, es fing schon an zu dunkeln, als ich beim Kühehüten unter einem Baum stand, kam ein Mann und wollte mir unter die Röcke greifen. Ich ließ ein Schrei, kehrte mich, haute ihm eines ins Gesicht. Erst da erkannte ich, daß es Bentele, der Bauer selbst, war"

Für die Sorgen und Nöte der Mädchen gab es keine Fürsprecher. Die katholischen Seelenhirten befürchteten vielmehr das "Einschleppen lutherischen Gedankenguts". Die Angst war unbegründet. Denn zwischen Aufstehen und Niederlegen blieb den Schwabenkindern nicht viel Zeit zum Nachdenken.
 


Hadwig Perwein


 


Info: Ausstellung im Vogthaus Ravensburg: Dienstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr, Sonntag auch von 11 bis 13 Uhr, Eintritt: 4 Mark, Tel. 07 51/ 8 22 01.

Bücher
 
 

Otto Uhlig:

Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg.

Universitätsverlag Wagner.

Regina Lampert: Die Schwabengängerin.

Limmat Verlag.


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