Fellbacher Stadtanzeiger 10.01.2002


Als in Fellbach das Wasser erstmals bergauf floss


Vor 100 Jahren entstand Fellbachs erste Wasserleitung - Quellen bei Aldingen lieferten Trinkwasser



Das Jahr 1902 brachte Fellbach, Schmiden und Oeffingen  eine  Errungenschaft, die in der heutigen Zeit als ganz selbstverständlich angesehen wird, vor hundert Jahren aber im ländlichen Raum fast so etwas wie eine kleine Revolution bedeutete: nämlich fließendes Wasser für den täglichen Hausgebrauch. Hatten die Familien der Kappelbergstadt bis dato ihren Trink- und Nutzwasserbedarf jahrhundertelang aus Brunnen gedeckt, kam das lebensnotwendige Nass von nun an per Leitung direkt ins Haus.

Im ehemaligen Weingärtnerdorf Fellbach war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts - abgesehen von den Monaten Juli und August in manchen heißen Sommern - eigentlich kaum ein Mangel an Trink- und Nutzwasser festzustellen. Die Einwohnerzahl Fellbachs hatte um das Jahr 1845 das dritte Tausend erreicht und sie überschritt um 1895 das vierte Tausend. Es waren im Dorf verteilt eine ganze Anzahl von  Schöpfbrunnen, meist Gemeinschaftsbrunnen, benutzbar. Diese gehörten jeweils mehreren benachbarten Familien, von denen sie gebaut und unterhalten wurden. Zudem gab es damals noch um die zehn ergiebige öffentliche Brunnen.
Vom Jahr 1862 an wurden im Königreich Württemberg Zug um Zug verschiedene Gemeinde-Wasserversorgungsanlagen eingerichtet, vor allem nach Plänen und unter Leitung des "Staatstechnikers für das öffentliche Wasserversorgungswesen” des Baudirektors Dr. Karl von Ehmann. Auf diese Weise hatte wohl mancher Fellbacher die Vorteile einer Sammel-Wasserleitung auswärts kennen und schätzen gelernt, so dass dann das Stichwort "Wasserleitung" auch in das Fellbacher Rathaus hineingetragen wurde.
In einer Sitzung des Gemeinderats und des Bürgerausschusses von Fellbach beschloss man nämlich im Juni 1896, zunächst die sogenannten "Dreibrunnenquellen” am Nordhang des Kappelbergs auf ihre Schüttung und hygienische Geeignetheit untersuchen zu lassen. Vor allem sollte auch festgestellt werden, ob diese Quellen für eine ins Auge zu fassende Druckwasserleitung (mit natürlichem Gefälle) ausreichen würden. Das Ergebnis der Untersuchungen war aber nicht sonderlich günstig. Deshalb wurden auch Quellen in der näheren Umgebung von Fellbach untersucht und Grabungen nach etwaigen weiteren Quellen angestellt.
Die Fachleute kamen dabei zu der Feststellung, dass nur eine Druckwasserleitung mit Pumpanlage und Hochbehälter in Frage komme. In diesem Zusammenhang war auch zu entscheiden, ob das benötigte Quellwasser aus dem Neckar- oder aus dem Remstal entnommen werden solle. Das Oberamt Cannstatt, zu welchem Fellbach bis zum Jahr 1923 gehörte, hatte damals seinerseits die Planung einer "Neckargröninger Wasserversorgungsgruppe” in Angriff genommen, an die auch die Kappelbergstadt angeschlossen werden sollte.
Dieses Projekt kam aber nicht zustande. Daraufhin brachte der damalige Fellbacher Schultheiß Ernst Albert Friz (1837-1916) im Sommer 1899 die Wasserleitungsfrage erneut vor das hiesige Gemeindeforum. Vorher schon
hatten erfolgreich verlaufene Verhandlungen mit den beiden nördlichen Nachbargemeinden Schmiden und Oeffingen zwecks Beteiligung an der geplanten Anlage stattgefunden. Als Entnahmestellen kamen jetzt entweder die im Remstal nahe der Hegnacher Mühle entspringende "Burghaldenquelle" oder die im Neckartal südlich von Aldingen gelegenen Quellen bei den drei Fischweiher in Frage. Schließlich konnten die Aldinger Quellen samt dem Platz für den Bau eines Pumpwerks und für die Anlegung von Grundwasser-Sammelschächten aus dem Besitz der Gemeinde Aldingen käuflich erworben werden.

Aus diesem Pumpwerk bei Aldingen kam das frische Wasser für Fellbach, Schmiden und Oeffingen.

Bei einer konstituierenden Versammlung am 30. Juli 1900 wurde alsdann, in Anwesenheit der drei Schultheißen aus Fellbach, Schmiden und Oeffingen, der Gemeinderäte und der Bürgerausschussmitglieder dieser Orte, die FELLBACHER WASSERVERSORGUNGGRUPPE gegründet. Zum Vorsitzenden der Gruppe wurde Schultheiß Friz gewählt. Im Lauf des Jahres 1901 fanden die notwendigen Vorarbeiten für die künftige Wasserversorgung statt, man schrieb die Grab- und Bauarbeiten sowie die Lieferung der Rohre, Hydranten und der Maschinen für die Pumpstation aus. Der erste Spatenstich zur Fellbacher Gruppen-Wasserversorgung fand am 3. Januar 1902 statt und schon am 21. November desselben Jahres war das Werk vollendet.
Die Gesamtbaukosten (ohne die Hausanschlüsse) haben rund 360000 Mark betragen. Sie wurden nach einem (den damaligen Einwohnerzahlen entsprechenden) Verteilungsschlüssel auf die drei Gemeinden umgelegt, nämlich für Fellbach mit vier Sechsteln, für Schmiden und Oeffingen mit je einem Sechstel.
Die Wassergewinnungseinrichtungen und die Pumpanlage waren so ausgelegt, dass ständig etwa 30 bis 35Liter pro Sekunde gefordert werden konnten. Weil aber der Bedarf der Versorgungsgruppe damals noch wesentlich niedriger war, konnten die im Jahr 1905 als Stadtteile nach Stuttgart eingemeindeten, unmittelbar benachbarten Orte Cannstatt und Untertürkheim vom November 1905 an einen wesentlichen Teil ihres Bedarfs an Trink- und Nutzwasser der Fellbacher Gruppe gegen einen bestimmten Kubikmeter-Preis beziehen. Dieser Wasserbezug dauerte bis Ende November 1920.

In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass die Fellbacher Wassersorgungsgruppe schon im Juni 1912 der damals im Entstehen und im großzügigen Ausbau begriffenen staatlichen Landeswasserversorgung beigetreten ist mit der Verpflichtung, jährlich mindestens 32 000 Kubikmeter Wasser von dort abzunehmen. Das erste "Landeswasser” floss  am 1. Juni 1917 in die Fellbacher Anlage über einen Anschluss in der "Steig" (an der Straße nach Stuttgart-Untertürkheim).


Durch die von der Neckarbaudirektion durchgeführte Neckarkorrektur, in deren Bereich die Aldinger Pumpanlage fiel, wurde die Fellbacher Gruppe auf 1. August 1935 zur Einstellung ihrer Eigenförderung gezwungen. Es musste nun eine neue Anschlussleitung an die Landeswasserversorgung, nämlich vom 

Auf dieser alten Aufnahme sieht man das 1904 in Betrieb genommene Hochreservoir auf dem Kappelberg

Einlaufstollen der letzteren auf dem Kappelberg zum Fellbacher Hochbehälter, im Sommer 1935 gebaut werden. Von 1935 an war also die Wasserversorgung der Fellbacher Gruppe allein von der Lieferungsmöglichkeit der Landeswasserversorgung abhängig. Im Juli 1959 kam schließlich ein zweiter Wasser-Großlieferant hinzu, nämlich der Zweckverband "Bodensee-Wasserversorgung". Aus beiden "Bezugsquellen" wird noch heute die Fellbacher Wasserversorgung gespeist.


Der Bote vom Kappelberg, 24. April 1902:

Da unsere gesammelten Wasserstuben in eigener Leitung gesammelt und provisorisch in Druckröhren geleitet sind, genießen wir im oberen Teil des Orts bereits die Wohltat der Wasserleitung. Die Leitungseinrichtungen in den hiesigen Gemeindehäusern wurde gestern vergeben und zwar geteilt an die verschiedenen hiesigen Submittenten.

 

Der Bote vom Kappelberg, 7. Mai 1902:

Da in der Cannstatterstraße gegenwärtig die Wasserleitung gegraben wird und somit nicht befahren werden kann, ist der Fuhrwerksverkehr sehr gehemmt. Die Fuhrwerke müssen sämtlich den Weg zur Schul- und Bahnhofstraße zur Hintergasse nehmen; auf ersteren Straße blieb aber gestern mehrere Holzwägen stecken, andere sah man mit zerbrochenen Deichseln, ein anderer kam dem Zaun zu nahe und demolierte ihn u.s.w
Eine noch größere Hemmung wird eintreten, wenn unten im Unterdorf gegraben wird. Zum Glück geht die Arbeit immer rasch voran, auch sind die Bauern vernünftig, daß sie sich nicht ärgern, vielmehr zu bösem Spiel eine gute Miene machen und selbst einsehen, daß es beim Graben einer Wasserleitung Hindernisse giebt, die man eben nicht umgehen kann; in einigen Wochen wird es wieder anders sein.

Der Bote vom Kappelberg, 10. Mai 1902:

Die Grabarbeiten im Unterdorf werden eifrigst fortgesetzt, trotzdem daß dort manche Hemmnisse vorkommen; denn nicht nur liegt dort tiefer Schotter und sogar eine regelmäßige Pflasterung, sondern es ist auch mit Grundwasser zu kämpfen, da dies der tiefste Punkt im Ort ist und sich dort alles Wasser hinzieht. So viel wir hören, werden die Arbeiten bis zur Landstraße fortgesetzt, während die Arbeiten zum Bahnhof erst nach der Ernte in Angriff genommen werden sollen.

Der Bote vom Kappelberg, Schmiden,  13. Mai 1902:

Wegen Straßen-Sperre infolge unserer Wasserleitungs-Grabarbeiten wird von jetzt an auf die Dauer von etwa 14 Tagen die Postbotenfahrt Fellbach-Hochberg auf die Strecke Fellbach-Schmiden beschränkt; zwischen Schmiden und Hochberg verkehrt eine Botenpost zu Fuß.

Der Bote vom Kappelberg, Schmiden,  27. Mai 1902:

Seit gestern fährt der Postwagen, der von Fellbach her seinen Weg über den sog. Lindenweg nimmt, wieder durch Öffingen nach Hochberg. Seither musste täglich der Hochberger Postbote hierher einen Gang machen, um dsie Postsachen abzuholen. Bezüglich der Wasserleitungsarbeiten wird nach neuster Beschlußfassung mit den Grabarbeiten auf der Straße zum Bahnhof nicht erst nach der Ernte, sondern sofort begonnen werden, so daß in ca. 14 Tagen die Leitung auf der ganzen Strecke fertig gestellt sein wird...

 

Schwäbische Kronik 11.Juni 1902

Fellbach 10. Juni Die Arbeiten an der Wasserleitung der Gruppe Fellbach, Schmiden und Öffingen schreiten rasch voran. Die Ortsleitungen sind überall fertiggestellt und auch der Hauptstrang wird in nächster Woche fertig; emsig gearbeitet wird am Hochreservoir und an der Pumpstelle bei Aldingen, so daß in einigen Monaten das ganze Werk in Betrieb gesetzt werden kann. Der hiesige Ort verspürt ... jetzt schon die wohltätige Einrichtung einer Wasserleitung, indem man unsere separate Leitung in vorläufiger Weise nicht zuerst in das Reservoir führte, sondern direkt in das Hauptrohr einmünden ließ, damit das Wasser den Hausleitungen zugeführt werden kann.
Was die Triebkraft des Pumpwerks betrifft, so hat die Kommission sich zur Aufstellung einer 50-60pferdigen Generatorsauganlage entschlossen, die den Vorteil geringen Kohlenverbrauchs hat; auch wird immer nur soviel Gas erzeugt, als der Motor jeweilig bedarf. Die Ausführung der Anlage wurde der Maschinenfabrik Eßlingen bezw. der Motorenfabrik Deutz übertragen.

Der Bote vom Kappelberg, Fellbach,  21. Juni 1902:

Gegenwärtig werden die Grabarbeiten bis zum Reservoir durchgeführt; es folgt dann noch die Grabarbeit von der Linde in der Untertürkheimerstraße an bis zur Kelter, dann ist die ganze Leitung fertig. Auch die Arbeiten am Reservoir gehen rasch ihrem Ende entgegen.
Das Reservoir selbst besteht aus 7 Kammern mit 8 von Betonsäulen getragenen Gewölbebögen, so daß es im Innern aussieht wie in einer Gewölbehalle. Die Betonmauern sind 0,70-1m dick, die Fachgewölbewerden durch eiserne Träger gehalten, über denselben sitzt noch eine 35 cm dicke Betonschicht. Rings um das Reservoir kommen Wasserlaufgräben, oben kommt eine Erdschicht von einigen Metern Dicke. Das ganze wird sehr solid gebaut und wird dies Reservoir nach Fertigstellung eines der solidesten und mit seinen 800 cbm Inhalt auch eines der größten Reservoir sein, das den weitesten Anforderungen genügen dürfte.


siehe auch Eppinger, Kapitel "Gemeinde"

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