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Ein Solitär der Fellbacher
Industriegeschichte
Das Press- und Stanzwerk Carl Wüst - seit über 100 Jahren Produktion am selben
Standort
Mit dem Press- und Stanzwerk Carl Wüst ist ein Solitär der Industriegeschichte
in Fellbach überliefert, der diesen Bereich der Stadtwerdung Fellbachs heute
noch anschaulich macht. Anlässlich einer Betriebsführung im Rahmen der
stadtgeschichtlichen Reihe "Kennen Sie Fellbach" ist dem Werk eine
Ausgabe der Fellbacher Blätter gewidmet.
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| Industriepionier Carl Wüst |
Bis heute gibt es noch keine zusammenhängende Darstellung der Fellbacher
Industriegeschichte. Ein Kernstück derselben ist jedoch mit dem Press- und
Stanzwerk Carl Wüst bis heute überliefert. Die Eisenwarenfabrik, 1895 von
Andreas Maier erbaut und drei Jahre später von Carl Wüst übernommen, war zu
Beginn des 20. Jahrhunderts der einzige größere Industriebetrieb Fellbachs.
Der Betrieb dehnte sich rasch aus, überstand Kriegs- und Inflationsjahre und
produziert nach einem Jahrhundert heute immer noch in der gleichen Branche.
Teile der Fabrikanlage, die auch den räumlichen Zuschnitt fast unverändert
beibehielt, wurden unter Denkmalschutz gestellt. Der Betrieb blieb bestehen -
doch die Umgebung hat sich städtebaulich enorm verdichtet. Immer schon haben
sich am Betrieb auch die Schwierigkeiten beim engen Nebeneinander von Arbeiten
und Wohnen gezeigt.
Von der Aufteilung Fellbachs in das dörflich-pietistisch geprägte Oberdorf und
in die Wohngebiete um die Bahnhofstraße, von Arbeitern und Gewerbetreibenden
geprägt, ist verschiedentlich die Rede. Und in der Tat sahen die im Oberdorf
ansässigen Wengerter und Handwerker mit Unbehagen, wie sich um sie herum seit
der Gründerzeit eine neue Arbeits- und Lebenswelt ausbreitete, die
Veränderung, Tempo, die Auflösung des Gewohnten mit sich brachte. Die Reaktion
darauf war bis ins 20. Jahrhundert geprägt von Misstrauen und Abwehr des
Ungewohnten.
Vom Bahnhof her beginnt zögerlich die Industrialisierung
Nur zögerlich konnten daher Industriebetriebe in Fellbach Fuß fassen. Zentrum
und Motor dieser Entwicklung war für Fellbach seit 1861 die Remsbahn mit dem
weitab vom Oberdorf gelegenen Bahnhof. Von der Bahnhofszufahrt - der späteren
Bahnhofstraße - und dem entstehenden Bahnhofsviertel nahm die Entwicklung von
Industrie und Gewerbe allerdings erst drei bis vier Jahrzehnte später ihren
Ausgang. Gewerkschaften und Gewerbeverein taten sich dort zusammen als
"diejenigen, welchen ein gewerblicher und fortschrittlicher Aufschwung der
Gemeinde angelegen sei", so eine gemeinsame Anzeige zur Gemeinderats-Wahl
am 2. Dezember 1905. Ein Zusammenwirken erfolgte übrigens auch im Jahre 1908
zur Verhinderung eines möglichen Ortsvorstehers namens August Brändle, dem
u.a. seine Religiosität und die Nähe zu den pietistischen Kreisen vorgeworfen
wurde. Doch Brändle setzte sich als der letzte dörfliche Schultheiß Fellbachs
durch und stemmte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1931 wohl auch gegen eine
Stadterhebung. Mündlicher Überlieferung zufolge verhinderte Brändle
persönlich eine Ansiedlung der Autofabrik Mercedes-Benz.
Es müssen besondere Umstände gewesen sein, die es Carl Wüst ermöglichten,
von außen kommend, in Fellbach als Vorreiter der Industrialisierung erfolgreich
zu sein. Entscheidend war wohl die rasche Expansion des Betriebs aus kleinen
Anfängen, die dem Gemeinderat kaum Einspruchsmöglichkeiten gab, die Ausdehnung
des Betriebs zu blockieren. Interessant auch, dass sich Wüst ebenfalls an der
Bahnhofstraße siedelte - wenn gleich am anderen Ende, im Anschluss an Oberdorf
und Lutherkirche.
1863 in Esslingen geboren, war Carl Wüst als Prokurist bei der Firma Emil
Helfferich Nachf. in Kirchheim unter Teck tätig gewesen. Dieser Betrieb war
nicht nur eine von drei Firmen in Deutschland, die zwischen 1888 und 1900 einen
Großteil des inländischen Marktes mit Flanschen belieferten, sondern zudem
auch die einzige Flanschenfabrik in Süddeutschland.
Im Dezember 1897 erwarb Carl Wüst für einen Kaufpreis von 19300 Mark ein
Grundstück an der Ecke der späteren Bahnhof- und Schulstraße (heute
Gerhart-Hauptmann-Straße). Auf ihm hatten die Inhaber der "Württ.
Schloßfabrik Maier & Pfund", der Fellbacher Schlossermeister Andreas
Maier und der Kaufmann Karl Pfund, am 1. Januar 1895 eine kleine neue Fabrik zur
Eisenwarenfabrikation in Betrieb genommen. Begonnen hatten sie ihren Betrieb
1890
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| Die Postkarte aus Fellbach zeigt oben das Eckgrundstück Bahnhof-/Schulstraße (heute Gerhart-Hauptmann-Straße) mit der Fabrik von Carl Wüst vor dem Bau des Wohngebäudes. |
auf einem Grundstück im Gebiet der heutigen Wohncity, auf das sie nach dem
Verkauf des Betriebs 1898 auch wiederzurückkehrten. Erst später siedelten sie
sich auf dem Gelände der heutigen "Andreas Maier Schloß- und
Werkzeugfabrik" an.
Eine Eisenwarenfabrik gebaut auf freiem Feld
Untergebracht waren in dem von Maier und Pfund errichteten zweistöckigem
Werkgebäude an der Schulstraße neben einem Comptoir und einem kleineren
Magazin die Werkstätte mit einer "Essefeuerung". Im 1. Stock befand
sich ein weiteres Magazin. Mit dem Fabrikgebäude gingen auch "sämtliche
Maschinen, Stempel und Werkzeuge und Werkbänke" an den neuen Besitzer, der
wenige Monate später gleich auch noch das Nachbargrundstück hinzu kaufte. Mit
dem 1. Januar 1898 nahm der neue Besitzer die Produktion auf.
Ein Ortsplan des Jahres 1899 zeigt die örtlichen Verhältnisse genau: Bahnhof-
und damalige Schulstraße waren bis zu diesem Zeitpunkt genau bis zum Wüst-Eck
fertiggestellt, ab dort hatte die spätere Bahnhofstrasse bis zur Chaussee noch
die Gestalt eines Fußwegs zwischen den Äckern. Die unbefestigte Cannstatter
Straße, die gesäumt war von einer losen Bebauung, diente als Verbindung
zwischen Oberdorf und Chaussee sowie Bahnhof. Über diesen Weg ließ Wüst seine
Rohstoffe anliefern. Aus heutiger Sicht lässt sich formulieren: Wüst nahm die
Entwicklung der Bahnhofstraße vom Rande des Oberdorfes aus in Angriff.
Dass ein Gewerbe der Zukunft sich außerhalb des eng bebauten Oberdorfs
ansiedelte, ist mehrfach erklärlich. Inmitten von Wengertern und Landwirten
hätte es zu viele Reibungspunkte gegeben. Auch Expansionsmöglichkeiten waren
dort kaum gegeben. Entscheidend durfte aber wohl die Erschließung durch die
modernen Verkehrsmittel gewesen sein.
Verkehrsgünstig gelegen - doch ohne befestigte Wege
Die Wüst'sche Fabrik war günstig an den Zufahrten zur Landstraße und zum 1861
gebauten Bahnhof gelegen. Letzterer war die conditio sine qua non auch dieses
Betriebs. Lange, so erinnert man sich in der Firma heute noch, wurden Rohstoffe
und Fertigprodukte mit Pferdefuhrwerken vom und zum Bahnhof gefahren - und
versanken im Winter buchstäblich im Dreck. Auch an manchen Zaun, der von den
schweren Fuhrwerken angefahren worden ist, erinnert man sich in der Firma noch.
Der Zulieferverkehr war beachtlich. Laut der Aussage eines Anwohners wurden 1916
"täglich vier bis fünf Eisenbahnwagen Eisen und Kohle" vom Bahnhof
zur Fabrik gebracht.
Trotz der eigentlich verkehrsgünstigen Lage kämpfte der Betrieb lange mit den
Straßenverhältnissen. Erst nach und nach konnten die
"Neu-Fellbacher" den notwendigen Straßenbau durchsetzten. Der
Gewerbe- und Handelsverein etwa forderte 1924 im Gemeinderat die Teerung der
Hauptstraßen, vor allem der Bahnhof- und der Cannstatter Straße. Und auch die
Seite der Gewerkschaften zog an diesem Strang. Im Jahr darauf hielten die
Vereinigten Gewerkschaften wegen "der schlechten Verkehrsbedingungen für
die Arbeiter" eine eigene Versammlung ab.
Ein anderes Buch zeichnet das erste Fellbacher
Heimatbuch von 1908 aus der Feder von Georg Eppinger.
Der
fortschrittlich gesinnte Oberlehrer stellte seinen Ort im Text als überaus
modern heraus und unterstrich dabei die Bedeutung der Industrie gehörig:
"Im Ort selbst in der Bahnhofstrasse befindet sich die sehr ausgedehnte
Flanschen-, Rohrschellen- und Schraubenfabrik von Carl Wüst. Sie verfügt über
150-200 Pferdekräfte mit mächtigen Press- und Stanzwerken, hat eine
Facondreherei, eigene elektrische Verzinkung und Vernicklung und beschäftigt
gegen 100 Arbeiter und Angestellte. Im Jahr werden ca. 2 Millionen Kilo Eisen,
Stahl und Messing verarbeitet mit einem Absatz nach allen europäischen
Ländern." Natürlich unterstützte Carl Wüst den Druck des Heimatbuches mit
einer ganzseitigen Anzeige.
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Der Ortsplan von 1899 zeigt die
Anlage der Bahnhofstrasse bis zum Knick. Das Grundstück nördlich davon
mit Gebäude "Nr.8" ist das von Carl Wüst übernommene
Fabrikgelände ohne jegliche Erweiterungsbauten. Knick und Baulinie der
Bahnhofstraße werden von den drei Gebäuden westlich davon schon
vorweggenommen.
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Firma Carl Wüst - industrielle Erfolgsstory aus Fellbach
Der Chronist der
Fellbacher Arbeiterbewegung, Walter Micheler, führt nur drei nennenswerte
Fabriken für die Zeit bis 1900 auf, die Ziegelei mit etwa 30 Arbeitern, die
Schloss- und Werkzeugfabrik Andreas Maier und die Eisenwarenfabrik Wüst. In der
Beschreibung des Königreichs Württemberg des Jahres 1904 erscheint mit Wüst
sogar nur ein einziger Industriebetrieb für Fellbach. Manchen Schwierigkeiten
vor Ort zum Trotz: Wüst konnte auf eine nachhaltige Nachfrage nach Eisenwaren
setzen. Und so musste er seine Produktion in raschester Zeit um ein Vielfaches
vermehren. Zehn Jahre nach Betriebsgründung konnte er bereits an die 100
Arbeiter beschäftigen. Im Jahre 1931 ist Wüst, zumindest was die
Beschäftigtenzahlen angeht, immer noch führend. Erstaunlich ist, dass er Krieg
und Inflationsjahre ohne größere Einbußen überstand. Im Gefolge der
Weltwirtschaftskrise ging zwar die Beschäftigtenzahl im Jahre 1932 auf 59
zurück. Im Jahre 1935 lag sie dann wieder bei 81 Personen, davon 70 Arbeiter.
Zu Beginn waren es ganz sicher externe Faktoren und nicht so sehr eine
Förderung im Ort selbst, die den überaus raschen Aufschwung des Betriebs
förderten: Die Hochkonjunktur bis hin zum Ersten Weltkrieg, dann die
Kriegsproduktion, eine rasche Erholung danach. Die verkehrsmäßig gute
Anbindung an eine Region, die mit großen Betrieben der Schwerindustrie in
Esslingen, Cannstatt oder Untertürkheim für einen kontinuierlichen Bedarf an
Zulieferteilen sorgte, kam dazu. Bis in die dreißiger Jahre war Wüst der
größte und modernste Betrieb Fellbachs, ein Vorreiter der Industrialisierung
und Antipode zum ländlichen Oberdorf. Auch wenn zahlreiche Söhne der Wengerter
"beim Wüst" immer wieder einen Zuverdienst suchten - die Fabrik blieb
lange doch ein Fremdkörper im Ort.
Schornsteine für Fellbach als Zeichen einer neuen Zeit
Aus den Bauplänen der Jahre 1897 bis 1911 geht hervor, dass Carl Wüst die
kontinuierliche Vergrößerung seines Betriebes von Anfang an geplant hatte.
Durch den Kauf des Nachbargrundstückes war genug Platz zur Ausdehnung
vorhanden. Der Fabrikant strebte einen fortschrittlichen Betrieb an, der dem
neuesten technischen Standard entsprechen sollte.
Eine erste Erweiterung des Betriebs erfolgte bereits 1898 mit dem Bau eines
zweistöckigen Werksgebäudes und eines Kessel- und Maschinenhauses. Waren in
dem alten Gebäude nun Comptoir, Magazin und Packraum untergebracht, wurden im
Neubau ein weiteres Magazin, das Fabriklokal und im Souterrain ein Raum für die
Schleiferei eingerichtet. Die Fabrikanlage wurde nun von dem 20 Meter hohen
Schornstein für die Dampfkesselanlage, die die Maschinen antreiben sollte,
überragt. Schon allein dadurch bekam der Komplex das Aussehen einer typischen
Industrieanlage, die im bäuerlich geprägten Fellbach wie ein Fremdkörper
gewirkt haben muss. Ein weiterer Kamin folgte 1904 mit dem Bau der Fabrikhalle.
Die Bauvorschriften enthielten nicht nur Vorgaben, die die Einhaltung der
Baulinien sicherstellten und für die nötigen Brandschutzvorkehrungen sorgten,
sondern auch solche, die den Schutz der Arbeiter im Auge hatten. So wurde
vorgeschrieben, dass die Öfen mit Schutzvorrichtungen zu versehen seien,
"damit die Arbeiter zunächst derselben nicht durch direct ausstrahlende
Hitze belästigt werden." Auch waren die Schleifapparate mit Schutzhauben
und Absaugeinrichtungen für den Schleifstaub zu versehen. Ferner hatte der
Fabrikant Sorge zu tragen für "genügende Wascheinrichtungen" und den
Arbeitern "gutes Trinkwasser [...] in genügender Menge jederzeit zur
Verfügung zu stellen"
Zwar wurde auch das neue Fabrikgebäude noch als Fachwerkbau errichtet, doch
wirkte es mit seinen großen Fensteröffnungen, dem flach geneigten Pultdach und
dem vollständig gemauerten Maschinen- und Kesselhaus viel mehr wie ein
Industriebau. Im Inneren wurden statt Holz- Eisenstützen verwendet.
Der Betrieb wuchs unaufhaltsam. 1904, 1907 und 1911 folgten weitere Anbauten
nach Norden hin. Dass eine Erweiterung in dieser Größenordnung schon früh
geplant war, verrät nicht nur ein Brief Carl Wüsts von 1906 bezüglich der
Errichtung seiner Villa auf der Ecke des Geländes, in dem er schreibt:
"Die übrigen Plätze des Grundstücks müssen des Weiteren der Erstellung
der rasch aufblühenden Fabrikation von Schrauben & Flanschen, für
Fabrikneubauten, Kraftanlagen u.s.w. reserviert bleiben." Auch die
Tatsache, dass für die 1904 und 1907 errichteten Gebäude schon in der Planung
jeweils nur eine provisorische Wand aus Fachwerk als nördlicher Abschluss
vorgesehen war, ist in diesem Sinne zu deuten.

Waren die ersten Fabrikbauten auf diesem Gelände noch in mit Ziegelsteinen
ausgemauertem Fachwerk ausgeführt, verfügten die Bauten ab Beginn des neuen
Jahrhunderts über Umfassungsmauern aus Backstein und
Eisenfachwerkkonstruktionen im Inneren. Diese Art der Konstruktion ermöglichte
das Überspannen eines relativ weiten Raums. Die Fortschrittlichkeit dieser
Konstruktion zeigt sich auch darin, dass beim Bau der Kelter 1906 noch
vollständig mit Holz gearbeitet wurde.
Mit Grundstückskauf, Maschinenhaus und weiterem Fabriklokal 1898,
Fabrikneubauten 1904 und 19o7 waren die baulichen Weichen für die
geschäftliche Expansion gestellt. Nun war es dem Fabrikherrn ein dringendes
Anliegen, sich mit seiner Familie auf gleichem Grund selbst anzusiedeln. Schon
die Fabrikanten Maier und Pfund hatten in Vorwegnahme der späteren Entwicklung
hier ein Wohngebäude errichten wollen. Im Erdgeschoss sollten Büros und
Magazin, in der bel étage Wüsts Familie Aufnahme linden.
Expansion an der Ecke - die Firma Wüst wächst mit dem Erfolg
Von den örtlichen Behörden wurde dem Bauwesen nur wenig Förderung geschenkt.
Albert Friz war in seinem letzten Amtsjahr als Ortsschultes. Nach gelungener
Keltereröffnung sollte er im Herbst 1907 zurücktreten. Die Ortsbaubehörde
verweigerte Wüst die Genehmigung. Die Begründung: Der vorgeschriebene Abstand
zu den anderen Gebäuden betrage drei Meter; Wüsts Planung sehe aber nur 2,55
Meter vor. Wüst solle doch woanders bauen, hieß es. Der selbstbewusste
Fabrikant lies es nicht bei dieser Ablehnung bewenden, die vom Oberamt sogar
noch gestützt worden war. Ein Schreiben an das Innenministerium gibt Aufschluss
über das Selbstbewusstsein Carl Wüsts' und zeigt zugleich, wie sehr sich das
Neubauviertel innerhalb von zehn Jahren entwickelt hatte.
Wüst schreibt: "Einen Platz für diesen Neubau ist unter Berücksichtigung
der Fabrikation Betriebssicherheit & Expedition demnach ausgeschlossen und
da aber an und für sich der Eckbauplatz sehr kostbar ist, und durch keinen
anderen ersetzt werden kann, giebt (!) sich der Unterzeichnete der angenehmen
Hoffnung hin, den Abstand der beiden Gebäude auf 2,55 m ermäßigen zu
dürfen." Wüst bekam vom Ministerium recht und ließ rasch bauen. Nun -
1907 - erwarb Wüst auch das Fellbacher Bürgerrecht, 1911 ließ er sich in den
Gemeinderat wählen.
Familienvilla auf dem Gelände zeigt Mentalität des Fabrikanten
Aus heutiger Sicht verwundert das enge Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten.
Doch entsprach es der Mentalität des "Fabrikherren" der damaligen
Zeit, eine stete Aufsicht auf "seinen" Betrieb haben zu wollen. Ein
Bedürfnis nach einer Privatsphäre für sich und seine Familie, wie es für
unsere Verhältnisse heute selbstverständlich ist, schien Carl Wüst
andererseits nicht zu besitzen. Aus dieser Sicht wundert auch die Anlage eines
"Lustgartens" mit einem Brunnen auf dem Werksgelände nicht -
natürlich ausschließlich zum eigenen Gebrauch bestimmt.
Die letzten Reste dieses Gartens, inzwischen zur Straße hin durch eine Hecke
abgeschirmt, verschwanden erst 1960 mit der Anlage eines Lagerplatzes. Unter dem
"Chef" Günther Stendel konnte der Garten übrigens auch von den
Arbeitern in ihren Pausen genutzt werden - zu Zeiten van Carl Wüst undenkbar.
Die Fassade der errichteten Villa entspricht, so die Kunsthistoriker, "der
'malerischen' Architekturauffassung der Entstehungszeit". Sie ist geprägt
durch ein Nebeneinander von rotem Backstein für die aufgehenden Wände und
hellem Sandstein "für alle betonten Architekturteile". Durch die
"durch Rücksprünge und halbrund vertretende Erker- und Treppentürme in
die Tiefe gestaffelte" Hauptfassade, "die reich gegliederte
Dachlandschaft" (Landesdenkmalamt 1986) sowie durch Schmuckelemente wie die
Reliefs am Eingangsbereich und den Säulen hebt sich die Fabrikantenvilla
deutlich von den Fabrikationsgebäuden ab, auch wenn man sich bei dem 1909 an
der Bahnhofstraße errichteten Magazingebäude am Baustil der Villa orientierte.
Auch hier griff man auf die Materialien Back- und Sandstein zurück, wobei durch
die Verwendung von Sandstein Sockel, Eckelemente und Mittelachse des Baus betont
wurden. In der Gestaltung der Tordurchfahrten orientierte man sich an den
Fenstern des Untergeschosses der Villa, so dass ein einheitlicher Gesamteindruck
des Komplexes zur Bahnhofstra8e hin entstand. Dennoch ist das Wohngebäude durch
seine ungleich reichere Fassadengestaltung deutlich hervorgehoben. Das
Magazingebäude wurde durch eine Hofüberdachung mit dem 1904/1907 entstandenen
Komplex verbunden.
Waren im Erdgeschoss der Villa Betriebsräume wie Büros und ein Magazin
eingerichtet, diente der 1. Stock als bel étage des Fabrikantenehepaares.
Wintergarten und Terrasse boten einen Blick auf das ganze Betriebsgelände. Auch
einen Raum für Dienstboten durfte nicht fehlen. Die Stuckdecken des ersten
Obergeschosses sind laut Landesdenkmalamt erhalten.
Die Seite zur Bahnhofstraße hin ist eindeutig die Schauseite des Unternehmens.
Hier liegt der Lustgarten, hier präsentiert die Villa ihre aufwendige Fassade
mit dem kleinen Vorgärtchen und hier erstreckt sich die Fassade des 1909
errichteten Magazingebäudes, an der der Schaucharakter vielleicht am
deutlichsten wird. Die rückwärtigen Fabrikgebäude sind funktional in
zweckmäßigen Materialien gebaut und offenbaren auf den ersten Blick ihre
Funktion. Anders die Fassade zur Bahnhofstraße, durch die eher verschleiert
wird, was sich tatsächlich hinter ihren Mauern befindet.
Verglichen mit heutigen Verhältnissen, dachten die Unternehmer der Gründerzeit
auch nicht sehr viel anders: Der erste Blick sollte dem Besucher und möglichen
Geschäftspartner sofort Gediegenheit und Reichtum eines Unternehmens vor Augen
führen. Auf Briefköpfen und Werbeprospekten konnten die Inhaber dann etwas
mogeln. Von der Firma Carl Wüst ist eine Betriebsansicht überliefert, die kurz
nach dem Bau des Magazingebäudes entstanden sein durfte. Die
Größenverhältnisse von Gebäuden und Personen auf dieser Ansicht erwecken den
Anschein eines erheblich größeren Unternehmens, als es die überlieferten
Fotografien beweisen. Eine nicht zu übersehende Rolle auf diesem Prospekt
spielt der dampfende Zug im Hintergrund. Dass es vom Bahnhof noch ein durchaus
mühseliger Weg bis zur Fabrik war - man sieht noch Pferdefuhrwerke -, stellt
sich dem Betrachter des Prospekts auch etwas anders dar.
Mit dem Bau des Magazingebäudes, der Überdeckung des Hofraum 1909 und der
Maschinenhalle von 1911 war das Gebäudeensemble im wesentlichen fertig - bis
hin zur Staffel, die heute noch ins Kontor führt. Ob es viele vergleichbare
Beispiele mit dieser Konstanz im Neckarraum gibt, darf wohl bezweifelt werden.
In den ersten Jahren seines Bestehens beschäftigte der Betrieb 25 Arbeiter.
Eine Arbeitsordnung von 1898 gibt Aufschluss über die Arbeitsbedingungen. Ein
erwachsener Beschäftigter arbeitete im Sommer elf, im Winter zehneinhalb
Stunden. Die Arbeitszeit der Jugendlichen - in der Firma Wüst waren zu der Zeit
zwei jugendliche Arbeiter beschäftigt - betrug das ganze Jahr zehn Stunden. Der
Lohn wurde vierzehntägig bar und in verschlossenen Papiertüten ausgezahlt.
Unter Androhung von Geldstrafen war es nicht nur verboten, Firmeneigentum zu
beschädigen, während der Arbeitszeit den Arbeitsplatz zu verlassen und am
Arbeitsplatz zu essen oder zu rauchen, sondern auch "in der Fabrik zu
singen, zu pfeifen, oder sonstigen Lärm zu verursachen". Ferner wurden
"unverträgliches Benehmen gegen Mitarbeiter" und
"Unhöflichkeit, Unfolgsamkeit und Widersetzlichkeit gegen die
Vorgesetzten" bestraft.
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| Firmengelände und -gebäude wirken im selbst entworfenen Prospekt um 1910 dadurch größer, dass Personen und Fuhrwerke deutlich verkleinert wurden. Links angedeutet der "Lustgarten" des Fabrikanten, im Hintergrund die Remsbahn. |
1909: Der Fabrikherr alter Schule und die Gewerkschaften im Streit
Anläßlich einer Änderung der Arbeitsordnung hatte Carl Wüst 1907 eine
längere schriftliche Auseinandersetzung mit dem Gewerbeinspektor Fischer, da
trotz dessen Widerstand festgeschrieben wurde, dass bei Krankheiten, die länger
als drei Wochen dauerten, der Erkrankte keinen Anspruch mehr auf Arbeit hatte.
Wüst schrieb, dass er "neben der Wahrung meiner eigenen Interessen auch
die Krankenkassen vor Ausnützung und Simulanten schützen" wolle. Fischer
versuchte ferner die Bestrafung für Unhöflichkeit gegenüber Vorgesetzten aus
der Arbeitsordnung streichen zu lassen, was bei dem Fabrikanten auf wenig
Gegenliebe stieß, da "die aus dem Hass geborene Presse der
Socialdemokratie und die Agitatoren" die Arbeiter in einer Weise
aufhetzten, "dass man sich nur durch stramme Ordnungsbestimmungen vor
Rüpeleien schützen kann."
Mit dem Wachsen der Produktionsfläche hatte auch die Anzahl der Beschäftigen
bei Wüst zugenommen. Waren es 1898 noch 25, beschäftigte das Unternehmen 1909
bereits 69 Arbeiter. Ihr Wunsch nach höherer Bezahlung und die schroff
ablehnende Haltung des Inhabers führten im Juni 1909 zum Streik, nachdem es
schon im Jahre 1898 bereits einmal danach ausgesehen hatte. Es war eine kurze,
aber heftige Auseinandersetzung, u.a. auch im "Boten vom Kappelberg"
ausgetragen. Für die Fellbacher "Vereinigten Gewerkschaften" dürfte
es die wichtigste Nagelprobe ihrer Geschichte gewesen sein, nur wenige Jahre
nach ihrem ersten Auftreten in der Öffentlichkeit 1905.
Nachdem der Fabrikant auf die Anfragen des Deutschen Fabrikarbeiter-Verbandes
nach einer Lohnerhöhung von zwei bis drei Pfennig gar nicht oder ablehnend
reagiert hatte, sprach eine Arbeiterkommission am 18. Juni persönlich bei ihm
vor. Sie wurde mit der Erklärung abgewiesen, "wem der Lohn zu niedrig
[sei], dürfe nur kündigen". Als daraufhin an den Arbeitsplätzen
offensichtlich einige Unruhe entstand, Ließ Carl Wüst kurzerhand die Maschinen
abschalten und verwies sämtliche Arbeiter aus dem Betrieb. "Es müssen
andere Leute in den Betrieb, mit denen arbeite ich nicht mehr zusammen", so
soll er gerufen haben. Der Fabrikarbeiter-Verband erklärte daraufhin, der
Betrieb werde ab sofort bestreikt und stellte Streikposten auf. In der Folge
traten 61 Arbeiter in den Ausstand. In den Akten ist der Brief eines
Arbeitswilligen namens Albert Widmann an Wüst überliefert, den Wüst per Brief
(!) zur Arbeit gebeten hatte. Widmann schildert, wie er bedrängt und mit
Prügeln bedroht worden war, als er - mit der Bahn um 5.52 Uhr kommend - den
Betrieb betreten wollte. Wüst ersuchte nun die Polizei und schließlich das
Oberamt, gegen die Streikposten vorzugehen. "Am ärgsten sind die
Belästigungen vor meiner Fabrik morgens vor 5.30 bis 6.30 Uhr", klagte er.
Beide Seiten veröffentlichten im "Boten" daraufhin ihre Darstellung
der Ereignisse. Daraus geht hervor, dass es vor allem die Weigerung von Wüst
war, Über die Arbeitsbedingungen im eigenen Hause überhaupt zu verhandeln, die
zu der Aussperrung der Arbeiter führte. "Wer hat denn im Schweiße seines
Angesichts den Reichtum erworben, den Herr Wüst sein eigen nennt? Etwa er mit
seinen zwei Händen?" (Verband der Fabrikarbeiter im "Boten").
Wüst gab schließlich ein Inserat mit der Suche um "geordnete, nicht
organisierte Arbeiter" auf - eine Steigerung der Auseinandersetzung mit
seiner Belegschaft und Demonstration seiner Kompromisslosigkeit. Am gleichen
Tage berief die Arbeiterschaft eine öffentliche Versammlung in dem nur wenige
Schritte entfernten "Adler" ein, Stammlokal aller hiesigen
Arbeitervereine. Einziger Punkt der Tagesordnung: "Wer trägt die Schuld an
der Aussperrung in der Firma Wüst?" Der Fabrikant dürfte der Einladung
des Fabrikarbeiter-Verbandes um argumentative Verteidigung seiner Position kaum
gefolgt sein. Doch war eine Vermittlung bereits in Sicht. In seiner Darstellung
der Ereignisse vom 29. Juni ans Oberamt schreibt Ortsvorsteher August Brändle,
nachdem er betonte, mit seiner Polizeitruppe vollständig Herr der Lage zu sein:
"Ich habe heute vormittag zwischen Wüst und seinen ausständigen Arbeitern
vermittelt und glaube, dass sich der Ausstand beilegen lässt." Wie die
schließlich erzielte Einigung aussah, ist nicht überliefert. Im "Boten
vom Kappelberg" erschien am 3. Juli lediglich eine Notiz, der zufolge der
Streik zwei Tage zuvor beigelegt worden sei.
Hergestellt wurde in der "Schloß- und Eisenwaren-Fabrik"
(Arbeitsordnung 1898) neben Flanschen in verschiedensten Formen und für
verschiedenste Funktionen auch Schrauben und Muttern aller Art aus Eisen-,
Stahl-, Messing, Automobil- und Fahrrad-Teile" (Werbung 1908). In den
Bauvorschriften von 1904 wird gefordert, dass "bei der Aufstellung der
großen schweren Pressen und des Akkumulators, sowie insbesondere bei der
Erstellung der Fundamente" dafür Sorge zu tragen sei, "daß die für
die Nachbarschaft störenden Erderschütterungen ausgeschlossen sind".
Fellbach wächst - Firma Wüst mit den Nachbarn auf Tuchfühlung
War das erste Fabrikgebäude von 1894 weitgehend "auf der grünen
Wiese" entstanden, standen zehn Jahre später schon mehrere Wohnhäuser in
der direkten Nachbarschaft. Dieses Nebeneinander von Wohnhäusern und
Industrieanlage war immer wieder Auslöser für Konflikte. Ein Lageplan von 1911
zeigt, dass sich mit Heinrich Mertz, Albert Eisele und August Ebinger an der
Mozartstraße (damals Moltkestraße) einige Fabrikarbeiter und Schlosser
ansiedelten, die vermutlich nebenan beim Wüst beschäftigt waren. Natürlich
waren dies "pflegeleichte" Nachbarn.
Vor allem ein Nachbar beklagte sich jedoch in den ersten Jahren des Bestehens
der Firma immer wieder über den Lärm: Der Ortssteuerbeamte Wilhelm Rösch,
dessen Grundstück direkt an das Firmenareal angrenzte. Trotz eines Vergleiches,
den Rösch und Wüst 1901 vor Gericht schlossen und in dem Wüst sich
verpflichtete, die Fenster bei den Scheuertrommeln, in denen die Produkte
paliert wurden, geschlossen zu halten und die Trommeln zu verschalen, liegen
auch aus den Folgejahren Beschwerden Röschs und anderer Nachbarn gegen den
"durch Öffnen sämtlicher Fenster ausgehenden ruhestörenden und
gesundheitsschädlichen Lärm" vor. 1905 beklagte sich Rösch offenbar
über den Zustand des Gehweges vor der Firma, worauf Carl Wüst lakonisch
antwortete: "Der Trottoirweg ist gut mit Schlacken gemacht, wenn es nass
ist, dann sollen die Leute einfach auf der anderen Seite gehen. Im Uebrigen darf
sich der Herr Rösch nur ein Fusskrazeisen gegen etwa 1 Mark Kosten anschaffen,
wie ein solches in den meisten Häusern ist, dann bekommt er keinen Schmutz in
sein Haus." Die Beschwerden rissen auch in den folgenden Jahrzehnten nicht
ab.
Gelegentlich übertrieben die Nachbarn bei ihren Klagen auch gehörig. Im Jahre
1916 war es ein Ventilator, der angeblich "solchen Rauch und
Ölgestank" in Richtung der Häuser an der Moltkestraße bliese, dass
"Frauen u. Kinder [...] an Kopfschmerzen und Unwohlsein klagen,[...]
zuletzt an einer siechen Krankheit sterben müssen". Bei einer
Ortsbesichtigung durch das Oberamt konnten jedoch weder eine zusätzliche
Lärmbelästigung noch "ein Vorhandensein von Gasen und Rauch"
festgestellt werden.
1922 veranlasste dann ein neuer "Oel-Motor" einen Anwohner der
Bahnhofstraße dazu, "gegen diesen Unfug ganz energisch Protest"
einzulegen. In den zwanziger und dreißiger Jahren beschäftigten
Häuserschäden in der Nachbarschaft die Behörden. Die inkriminierten Stanzen
bedurften jedoch keiner besonderen Genehmigung: "Die zur Herstellung von
Flanschen [...] verwendeten Stanzen können nicht als Hammerwerke angesehen
werden und fallen daher nicht unter § 16 der Gewerbeordnung."
Carl Wüst, der in seinen letzten Lebensjahren in Stuttgart lebte, starb am 23.
Dezember 1921 im Alter von 58 Jahren. "Mit ihm ist ein Mann dahingegangen,
der aus kleinen Anfängen heraus seinen Betrieb durch Umsicht und unermüdlichen
Fleiß zu großer Blüte gebracht hat", schrieb das Fellbacher
Tagblatt am 28. Dezember 1921 in einem Nachruf.
Neben seiner Arbeit im Betrieb war Carl Wüst von 1911 bis 1917 Mitglied des
Gemeinderates. 1913 wurde er dann schließlich auch noch als Vertreter Fellbachs
zur Amtsversammlung berufen. Er war durchaus umstritten und bei seinen Arbeitern
alles andere als beliebt, aber sehr erfolgreich und mit der Wahl zum Gemeinderat
scheinbar auch bei den Wählern durchaus respektiert. Aus heutiger Sicht fällt
auf, dass Angestellte und Arbeiter in getrennten Anzeigen seiner gedenken; die
der Arbeiter ist deutlich zurückhaltender formuliert.
Die Firma Carl Wüst nach dem Tod des Fabrikanten
Das Unternehmen blieb in Familienbesitz, bis es der Bauingenieur Karl Stendel im
August 1936 erwarb. Anlässlich dieses Besitzerwechsels wurde ein
aufschlussreiches Betriebsinventar erstellt, das über Erträge und Personal
Auskunft gibt. Zu dieser Zeit beschäftigte die Firma einen Prokuristen, einen
Betriebsleiter, drei kaufmännische Angestellte, zwei Meister für die Dreherei
und Presserei, einen Chauffeur, zwei Büroangestellte sowie 60 Arbeiter.
Die Firmenumsätze hatten unter der Weltwirtschaftskrise ganz eindeutig
gelitten. Während die Beschäftigtenzahlen noch einigermaßen gehalten werden
konnten - immerhin gingen sie von 97 Mitarbeitern (1929) auf 59 (1932) zurück -
so zeigt sich die ganze Dramatik bei den Lohnkosten, die von 175000 RM (1928)
auf noch 27000 RM (1932) sanken - Folge vermutlich von Kurzarbeit und
Lohnkürzungen. Das Inventar eines Steuerbeamten sah im Januar 1936 jedoch die
Möglichkeit "weiterer erheblicher Steigerung".
Um den Betrieb auf den neuesten technischen Stand zu bringen, beantragte Stendel
1940 die Genehmigung zur Aufstellung eines Doppel-Gesenkhammers mit einer
Schlagkraft von acht Tonnen. Obwohl der Gemeinderat dem Gesuch - nicht zuletzt
wegen der "wehrwichtigen Aufträge" der Firma - positiv
gegenüberstand, wurde es vom Landratsamt in Waiblingen abgelehnt.
Ausschlaggebend für diese Ablehnung waren Einsprüche aus der Nachbarschaft
wegen der zu erwartenden Erschütterungen und und der zusätzlichen
Lärmbelästigung. Bereits drei Jahre zuvor war man einer Beschwerde
nachgegangen und hatte festgestellt, dass an einigen Häusern im näheren Umfeld
deutliche Risse aufgetreten waren. Ein Zusammenhang mit den Stanzen der Firma
Wüst konnte damals weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.
Durch die Gründung einer Unterstützungskasse versuchte man 1940, die Arbeiter
an den Betrieb zu binden. Zweck dieser Unterstützungskasse war "der
Gefolgschaft der Firma Carl Wüst [...] für den Fall ihres Alters, ihrer
Arbeitsunfähigkeit und im Falle der Krankheit, ferner den Hinterbliebenen der
Gefolgschaftsmitglieder für den Fall des Todes ihres Ernährers einmalige oder
laufende Beihilfen zu gewähren". Das nötige Vermögen sollte nur durch
Zuwendungen des Betriebes und nicht der Mitarbeiter zusammenkommen. Die erste
Einlage hatte eine Höhe von 10000 Reichsmark. Im Falle einer Auflösung der
Kasse sollte das Vermögen an die Mitarbeiter verteilt werden.
Die Firma während des 2. Weltkriegs und in der Nachkriegszeit
Die Zeit des Zweiten Weltkrieges überstand das Unternehmen recht gut. Unter
anderem mit Hilfe von elf russischen Kriegsgefangenen, die im
"Gemeinschaftslager für fremdländische Arbeitskräfte" am Bahnhof
untergebracht waren und jeden Morgen unter Bewachung in den Betrieb geleitet
wurden, stellte man Kartuschen für Kriegszwecke her.
Nach Kriegsende gab es keine grösseren Unterbrechungen bei der Produktion. Vor
der Spruchkammer wurden gegen einen Meister des Betriebes Vorwürfe erhoben, er
habe während des Krieges Ausländer misshandelt und einen Betriebsangehörigen
in ein Arbeitserziehungslager einweisen lassen. Die Kammer erkannte Aussagen in
diese Richtung jedoch nicht als Beweise an und stufte den Meister als
"Mitläufer" ein.
Nach einer vorläufigen Zusammenstellung vom September 1945 wurde der
Gesamtschaden, den der Betrieb durch Fliegerangriffe erlitten hatte, auf 35000
DM geschätzt. Ein Widerspruch Karl Stendels und die Tatsache, daß eine
geforderte Aufstellung über die noch vorhandenen Schäden von Seiten des
Unternehmens nicht beigebracht wurde, führte dazu, dass eine 1951 ausgestellte
Bescheinigung über die Kriegsschäden im folgenden Jahr zurückgezogen wurde.
Ein "Kriegsschaden" bleibt allerdings nachzutragen: Der
Familienerinnerung zufolge war das Mercedes-Cabrio vom Stadtkommandanten Ernst
Heid für dienstliche Zwecke requiriert worden.
Nach dem Tod Karl Stendels am 11. Mai 1955 übernahm sein Sohn Günther den
Betrieb, der zu dieser Zeit völlig veraltet war. "Die Maschinen waren zu
alt, die Transportwege in einem schlechten Zustand. Mit Rollwagen auf Gleisen
wurde die Zufuhr und Abfuhr von Material gehandhabt. So entschloss man sich
1956, die einst größte Hydraulikpresse Suddeutschlands (Firma Fritz Müller.
Esslingen) zu bauen. Das geschah in monatelanger Arbeit, unter schwierigen
Bedingungen, da mit Flaschenzügen zu fünf, drei und zwei Tonnen nur wenige
Hilfsmittel zur Verfügung standen. Das fünf mal fünf Meter breite und sechs
Meter tiefe Fundament für die neue Friktionspresse wurde in eigener Arbeit
unter der Bauleitung der Firma Paul Egelhof erstellt. Da es noch keine kleinen
Bagger und Schaufellader gab, musste das Fundament von Hand, mit Spaten und
Schaufel ausgehoben und das Erdreich in Schubkarren abtransportiert werden. 1957
als die neue Maschine kam, kamen auch neue Probleme. Abgeladen wurde mit
Lokomotivwinden. Der Maschinenkörper wurde auf einem selbst gebauten
Holzschlitten auf Rollen mit Hebeeisen und Winden an ihren Platz
transportiert" so erinnert sich heute Gesellschafter Friedrich Marschner,
der 1955 als Betriebsschlosser bei Wüst angefangen hatte. In den folgenden
Jahren wurde dann auch die Dreherei saniert und mit Halbautomaten ausgestattet.
Nach dem Tod des geschäftsführenden Gesellschafters Günther Stendel 1988 lag
die Leitung des inzwischen in eine GmbH umgewandelten Betriebs in Händen seiner
Tochter Sibylle Stendel.
Die Firma Carl Wüst heute führend in Europa
1994 schließlich übernahm Dipl. Ing. Hermann Bachmann, seit 1988 im
Unternehmen tätig, die Geschäftsführung. Das Unternehmen setzte im Jahr 2000
zwölf Millionen Mark um und schreibt selbst zu den Aussichten: "Dank neuer
Produkte wird CW den Umsatz nach aktueller Auftragslage in den Jahren 2002/03
deutlich steigern können. Bezüglich der Dickblechstanztechnik (bis 18 mm)
zählt CW in Europa zu den führenden Unternehmen. Dies verdanken wir der
permanenten Weiterentwicklung der Werkzeuge. Den wesentlichen Beitrag dazu
leistet seit bald fünf Jahrzehnten unser Betriebsleiter und Konstrukteur
Herbert Rieger."
Eppinger berichtete 1908 von etwa 2ooo Tonnen verarbeitetem Metall, heute sind
es etwa 3000 Tonnen jährlich. Zur Zeit beschäftigt das Unternehmen 55
Mitarbeiter und beliefert Kundschaft in Europa, aber auch bis nach Südafrika.
"Laut Gewerbeblatt hat unter der Nr. 167 272 folgende Gebrauchsmuster-Eintragung stattgefunden: Fabrik Karl Wüst für Rohrschelle aus Fassoneisen mit Randrippen auf beiden Seiten und mit lang gehaltenem Deckelbefestigungsarm."
...mehr über Fellbachs Geschichte bei www.Thomas-Scharnowski.de
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